Baummassaker als Ausgleichsmaßnahme

Aus­gleichs­maß­nah­me: Kaum zu glau­ben, dass sich hin­ter die­sem harm­lo­sen Begriff das Bäu­me­mas­sa­ker ver­birgt, das am Rott­wei­ler Stadt­gra­ben began­gen wor­den ist. Man wol­le, und das ist kein Scherz, als Aus­gleich zum nicht his­to­ri­schen Test­turm laut einem Beschluss des Gemein­de­rats den Stadt­gra­ben optisch wie­der in sei­nen Zustand Anfang des 19. Jahr­hun­derts ver­set­zen. Vor allem sol­le die Sicht auf unse­re his­to­ri­sche Stadt­mau­er wie­der her­ge­stellt wer­den (frü­her war halt doch alles bes­ser!).

Die­sem Vor­ha­ben fie­len bereits mehr als 50 teils sehr alte, wun­der­schö­ne und unwie­der­bring­li­che Bäu­me, die uns Sauer­stoff schen­ken, unse­re Atem­luft rei­ni­gen und den Ver­kehrs­lärm dämp­fen, zum Opfer. War­um aller­dings auch auf der ande­ren Sei­te, ohne Stadt­mau­er, begon­nen wur­de, Bäu­me (nein! die­se waren nicht krank) abzu­hol­zen, ent­zieht sich mei­ner Kennt­nis. Es bleibt abzu­war­ten, ob die Tau­sen­den und Aber­tau­sen­den von der Stadt pro­gnos­ti­zier­ten Tou­ris­ten, wenn sie denn von Test­turm und Hän­ge­brü­cke über­wäl­tigt, ber­haupt den Weg bis in den Stadt­gra­ben fin­den, den Blick auf eine ver­wit­ter­te, graue Stadt­mau­er, statt auf sat­tes Grün, von Kas­ta­nie, Bir­ke, Erle, Eiche und Co., zu wür­di­gen wis­sen. Übri­gens: Die Bäu­me am Neckar, von der ENRW in Rich­tung Gölls­dorf, müs­sen – größ­ten­teils aus Ver­kehrs­si­cher­heits­grün­den – eben­falls wei­chen. Man muss sich dies so vor­stel­len: Ein Baum, der vom Ufer aus über den Neckar wächst, könn­te plötz­lich sei­ne Wachs­tums­rich­tung ändern und zur ech­ten Gefahr für mich und, was noch viel schlim­mer wäre, mei­ner Reh­pin­scher­da­me, wer­den.

Es bleibt nur zu hof­fen, dass als Aus­gleichs­maß­nah­me für die Hän­ge­brü­cke, wenn sie denn nicht ver­hin­dert wer­den kann, nicht auch noch die herr­li­chen Kas­ta­ni­en und ande­ren Bäu­me im Bocks­hof wei­chen müs­sen. Denn auch die­se waren, his­to­risch betrach­tet, garan­tiert irgend­wann noch nicht da. Dann aller­dings wer­de ich mich, und ich for­de­re Sie auf, es mir gleich zu tun, an die Bäu­me ket­ten

Mein Fazit: Frü­her war eini­ges bes­ser, vor allem die Atem­luft. Ein alter Baum, der unwie­der­bring­lich zu unser aller Leb­zei­ten ver­lo­ren ist, der Vögeln, Insek­ten, Eich­hörn­chen und ande­ren Tie­ren Lebens­raum war, unse­rer Gesund­heit gleich­wohl, wie unse­rer See­le Gutes tat, war/ist im Hier und Jetzt ein Geschenk Got­tes. Aber viel­leicht kos­tet ein gefäll­ter Baum, das Holz kann man ja auch noch ver­kau­fen, die Stadt weni­ger, als des­sen Pfle­ge und Erhal­tung?”

Sabi­ne Zepf, Rott­weil