Leser­brief zur geplan­ten Hän­ge­brü­cke

Offen­sicht­lich hadert mei­ne Senio­ren-Genera­ti­on am meis­ten mit der Hän­ge­brü­cke. Wir haben ja eine Men­ge Leben im ver­trau­ten Bild unse­rer Stadt ver­bracht. So vie­le Erin­ne­run­gen.

Als Mit­glied der Dia­log­grup­pe Hän­ge­brü­cke hat­te ich ein Gespräch mit einem Schü­ler. Er erzähl­te strah­lend, wie er im Urlaub einen Ber­li­ner ken­nen­lern­te und wie baff die­ser auf den Namen „Rott­weil“ reagier­te: „Ah, die Stadt mit dem Test­turm!“ Ich begriff, wie gera­de die gro­ßen Ver­än­de­run­gen mit JVA, Test­turm und Hän­ge­brü­cke, die uns Älte­re besor­gen, jun­ge Leu­te mit Stolz erfül­len. Da wächst eine neue Iden­ti­tät mit einem neu­en Rott­weil her­an, die ich zuvor nur ahn­te.

Natür­lich muss man nicht alles Neue anhim­meln. Da ist Schund dabei. Doch der Wan­del unse­rer Stadt ist anspruchs­voll: Ein Test­turm zwei­er Star­ar­chi­tek­ten, eine Maß­stä­be im öko­lo­gi­schen Gefäng­nis­bau und sozia­lem Straf­voll­zug set­zen­de JVA und eine in mei­nen Augen edle Hän­ge­brü­cke. Sie ist nicht not­wen­dig. Gewiss. Doch gehört ein Hauch „Luxus“ nicht zu den beson­de­ren Lebens­freu­den? Auch unse­re herr­li­chen Stadt­häu­ser, die präch­ti­gen Erker, der Kapel­len­turm… wei­sen übers Not­wen­di­ge hin­aus. Erzäh­len vom spie­le­ri­schen Plus, das uns Men­schen auch aus­macht.

Brü­cken bau­en gehört zu den bes­se­ren Men­schen­wer­ken. Es wäre töricht, die Besu­cher des Test­turms drau­ßen zu las­sen und nicht zum spek­ta­ku­lä­ren Brü­cken­gang ins Herz unse­rer Stadt zu ver­füh­ren. Sich bewe­gen, schau­en, stau­nen berei­chert die Sin­ne für die rea­le Welt von Natur, Land­schaft, Stadt­ge­stalt. Nur so lernt man sie schät­zen. Das ist kein ober­fläch­li­cher Zeit­ver­treib.

Man kann eine Stadt unter­schied­lich lie­ben: das Alte rigo­ros hüten oder den Wan­del niveau­voll gestal­ten. Wie in mensch­li­chen Lie­bes­din­gen ist es aber nicht rat­sam, am gelieb­ten Bild fest­zu­hal­ten, in das man sich einst ver­guckt hat. Man bremst Zukunft aus. Lie­be Genera­ti­ons­ge­nos­sen, erin­nert euch, wie wir in unse­rer Jugend mit wei­tem Her­zen vom „Wind of Chan­ge“ träum­ten. Denkt beim Abstim­men am Sonn­tag auch an die heu­ti­ge Jugend, die noch viel Zukunft vor sich hat. Sie soll nicht abhau­en, son­dern sich stolz an unser moder­nes Rott­weil bin­den.

Frank Sucker,  Rott­weil