Nach der Ein­woh­ner­ver­samm­lung in der Stadt­hal­le zur geplan­ten Hän­ge­brü­cke Innen­stadt-Auf­zugs­test­turm gab es bei­des: Zufrie­den­heit und Unzu­frie­den­heit. Zufrie­den war Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß, der erklär­te, dass der Abend trotz der vor­ge­brach­ten Kri­tik am Pro­jekt doch gesit­tet abge­lau­fen sei. Unzu­frie­den­heit eher bei sei­nen Zuhö­rern. Dazwi­schen ver­lief ein klei­ner Gra­ben. Eine Nach­be­trach­tung von Peter Arn­eg­ger. Mit Bil­der­ga­le­rie.

Die Hän­ge­brü­cke, die die längs­te der Welt für Fuß­gän­ger wer­den soll, und die den Test­turm mit der Innen­stadt ver­bin­den soll, scheint sei­ne Strahl­kraft nicht zu haben. Gegen den Turm sind viel­leicht doch allen­falls Tra­di­ti­ons­be­wah­rer und in der Wol­le gefärb­te Grü­ne. In der brei­ten Bür­ger­schaft ist der ein­zig­ar­ti­ge Bau dage­gen ange­kom­men. Jeder sei­ner Ent­wick­lungs­schrit­te wird inter­es­siert beob­ach­tet und viel­fach begeis­tert beklatscht.

Mit der Hän­ge­brü­cke, obgleich auch ein Rekord­bau­werk, ist das anders. Schon allein des­halb, weil sie deut­lich näher an die his­to­ri­sche Innen­stadt her­an­reicht. An ihren even­tu­ell schöns­ten Win­kel, das Koro­ko-Vier­tel zwi­schen Fried­richs­platz, Unte­rer Haupt­stra­ße, Neckar­tal und Bocks­hof. Des­halb hin­ter­lässt sie ein deut­lich mul­mi­ge­res Gefühl bei deut­lich mehr Bür­gern, so scheint es.

Der eine mag das Stadt­bild ver­schan­deln, ok. Aber er tut es eher aus der Fer­ne. Die ande­re jedoch soll, wie bei der Bür­ger­ver­samm­lung erklärt wur­de, tau­sen­de, ein-, zwei-, drei­tau­sen­de Besu­cher am Tag an einem guten Wochen­en­de anlo­cken. Gäs­te, die dann alle durch das ruhigs­te der vier Innen­stadt­quar­tie­re schlen­dern, auf der Suche nach dem Brü­cken­zu­gang oder einer ande­ren Belus­ti­gung. Braucht es das? Braucht es die Brü­cke?

Oberbürgermeister Broß.  Foto: Wieland Vosseler, Team Ralf Graner Photodesign
Ober­bür­ger­meis­ter Broß. Foto: Wie­land Vos­se­ler, Team Ralf Gra­ner Pho­to­de­sign

Broß mach­te im Gespräch mit der NRWZ nach der Ver­samm­lung auch eher die­je­ni­gen als die Kri­ti­ker aus, die eben als Anwoh­ner von dem Pro­jekt betrof­fen sein wür­den. Es stimmt schon, da sind die Häus­le­be­sit­zer im Bocks­hof und auf dem Ber­ner Feld, die sich beläs­tigt füh­len von einem noch so unde­tail­liert dar­ge­stell­ten Ding, das bis an ihre Häu­ser her­an rei­chen wird.

Broß ließ aber in sei­ner Ein­schät­zung außer Acht, dass es auch eini­ge Bür­ger gibt, die ange­sichts der unkla­ren Fol­gen des Hän­ge­brü­cken­pro­jekts so etwas wie Bauch­weh ver­spü­ren. Men­schen, die direkt nicht unbe­dingt betrof­fen sein müs­sen, aber ganz all­ge­mein nicht ein­schät­zen kön­nen, was die Brü­cke der Stadt bringt. Etwa an Ein­nah­men, aber auch an Müll und Lärm durch die Tou­ris­ten. An Selbst­tö­tun­gen, das auch. 

Investor Eberhardt. Foto: Wieland Vosseler, Team Ralf Graner Photodesign
Inves­tor Eber­hardt. Foto: Wie­land Vos­se­ler, Team Ralf Gra­ner Pho­to­de­sign

Dass der Inves­tor, Beweh­rungs­bau­er Gün­ter Eber­hardt, in der Stadt­hal­le den Hemds­är­me­li­gen mit dem aus­ge­präg­ten Bauch­ge­fühl gab, brach­te ihm viel Sym­pa­thi­en, aber kein wei­ter rei­chen­des Ver­trau­en ein. Was, wenn er sich über­nimmt? Was, wenn die Brü­cke nur halb fer­tig gestellt wird? Unwahr­schein­li­cher Fall bei einem Unter­neh­men der Eberhardt’schen Grö­ße. Den­noch den­ken Bür­ger laut dar­über nach.

Dass ein Tou­ris­mus-Exper­te in Per­son des exter­nen Bera­ters Sebas­ti­an Gries „poten­zi­el­le Wir­kungs­ze­na­ri­en des Ensem­bles (!) Turm, Brü­cke, his­to­ri­sche Innen­stadt” auf­zeig­te, konn­te man­gels belast­ba­rem Zah­len­ma­te­ri­al einer­seits und aus­rei­chen­dem Abs­trak­ti­ons­ver­mö­gen sei­ner Zuhö­rer ande­rer­seits auch nicht beru­hi­gen. Der Mann sprach allen Erns­tes davon, dass in Rott­weil ab Ende 2017, wenn die Brü­cke hängt, Men­schen ein­fal­len könn­ten, deren Tag Sams­tag mit­tags noch nicht vor­bei sei, die dann umsorgt, ver­sorgt, unter­hal­ten, ernährt wer­den woll­ten oder was auch immer. Din­ge, die Rott­weil viel­leicht leis­ten kann, aber bis­lang kei­nes­falls Sams­tag mit­tags.

Bürgermeister Ruf. Foto: Wieland Vosseler, Team Ralf Graner Photodesign
Bür­ger­meis­ter Ruf. Foto: Wie­land Vos­se­ler, Team Ralf Gra­ner Pho­to­de­sign

Dass Bür­ger­meis­ter Dr. Chris­ti­an Ruf kein flam­men­der Red­ner ist, das weiß Rott­weil jetzt. Dass er es fach­lich drauf hat und dass sein Ste­cken­pferd die Schaf­fung von Park­plät­zen ist, auch. Sein Pot­pour­ri an Per­spek­ti­ven für die Stadt blieb dar­über hin­aus eher beschei­den.

Bauamtschef Huber. Foto: Wieland Vosseler, Team Ralf Graner Photodesign
Bau­amts­chef Huber. Foto: Wie­land Vos­se­ler, Team Ralf Gra­ner Pho­to­de­sign

Dass Fach­be­reichs­lei­ter Lothar Huber im Bau­recht bewan­dert ist – bewie­sen. Dass er aus recht­li­cher Sicht einem mög­li­chen Bür­ger­ent­scheid über die Brü­cke eine Absa­ge erteilt – gefähr­lich. Die Unzu­frie­den­heit wuchs da merk­lich bei den Bür­gern in der Stadt­hal­le. Wie, über das Gefäng­nis konn­ten sie ent­schei­den, über die Brü­cke nicht? Unver­ständ­nis. 

Zumal das nicht zuen­de gedacht scheint. So ließ Bau­amts­lei­ter Huber offen, ob ein Bür­ger­ent­scheid am Ende doch ins Ver­fah­ren pas­se, er wol­le sich da nicht abschlie­ßend fest­le­gen. Und weil das eine Fra­ge ist, die auch poli­tisch beant­wor­tet wer­den muss, erklär­te OB Broß nach der Ver­samm­lung gegen­über der NRWZ, dass der Gemein­de­rat es in der Hand habe, ob er die Ent­schei­dung an die Bür­ger wei­ter geben wol­le. Oder dass die Bür­ger sie über ein Bür­ger­be­geh­ren an sich zie­hen könn­ten. Spon­tan von der NRWZ noch am Abend befrag­te Gemein­de­rä­te sehen sich aller­dings in der Lage, selbst zu ent­schei­den.

Das Urteil über die Infor­ma­ti­ons­run­de Broß-Ruf-Huber-Eber­hardt im Zusam­men­spiel mit dem Brü­cken­pla­ner Mar­tin Kathrein fiel hart aus. „Ein­ein­halb Stun­den Lob­hu­de­lei” sei­en das gewe­sen, sag­te ein Bür­ger. Will hei­ßen: ein­ein­halb Stun­den Ver­kaufs­ver­an­stal­tung.

Tat­säch­lich fiel eini­gen Besu­chern auf, dass das Pro und Con­tra fehl­te in der Dar­stel­lung durch den Inves­to­ren, die Ver­wal­tung und den Pla­ner. Das hat­ten vor­aus­schau­end Mit­glie­der des „Bür­ger­fo­rums Per­spek­ti­ven Rott­weil” ein­ge­bracht. Broß muss­te es geahnt haben, dass die Vor­stel­lung auf sei­ner Sei­te des Gra­bens eine ein­sei­ti­ge gewe­sen war. So rech­ne­te er die Instal­la­ti­on der Pro-Con­tra-Schau­ta­fel des Bür­ger­fo­rums dem Gesamt­an­ge­bot der Stadt­ver­wal­tung an die Bür­ger zu (was einen gestan­de­nen Forums­mann, von der NRWZ dazu befragt, mil­de lächeln ließ).

Einer der Beob­ach­ter sag­te: „Es wäre schön gewe­sen, wenn die Leu­te auf der Büh­ne auch mal gesagt hät­ten, an wel­chen Stel­len sie bei dem Pro­jekt Bauch­weh hat­ten.” Das hät­te eine Ver­bin­dung zu den Bür­gern her­ge­stellt. Der klei­ne Gra­ben wäre über­wun­den gewe­sen.

Und den­noch: Die Stadt­ver­wal­tung hat sich bewusst auf unsi­che­res Ter­rain bege­ben, hat die Bür­ger spre­chen las­sen. OB Broß & Co. haben die Kri­ti­ker öffent­lich zu Wort kom­men las­sen, ihnen Mikro­fo­ne gege­ben, ihre Sät­ze ver­stärkt für alle hör­bar und nie unter­bro­chen. Die Ver­wal­tung hat sich unglaub­lich viel Mühe gege­ben, die Bür­ger ins Bild zu set­zen über den aktu­el­len Sach­stand. Mit Ani­ma­tio­nen und groß­for­ma­ti­ken Gra­fi­ken und Ant­wor­ten auf Fra­gen. 

OB Broß hat sich bei­na­he dafür ent­schul­digt, dass sei­ne Mit­ar­bei­ter es, wie her­aus kam, nicht geschafft hat­ten, schon alle betrof­fe­nen Anwoh­ner zu einem direk­ten Infor­ma­ti­ons­ge­spräch ein­zu­la­den.  „Die Gesprä­che, die noch nicht geführt wor­den sind, wer­den nach­ge­holt“, ver­sprach der Ober­bür­ger­meis­ter. Mehr konn­te er nicht tun und hal­ten wird er es sicher­lich.

Dass sich kein ein­zi­ger Befür­wor­ter in der Hal­le bemü­ßigt fühl­te, jen­seits des Gra­bens eben­falls für die Hän­ge­brü­cke zu spre­chen, ist etwas scha­de, es hät­te ein aus­ge­gli­che­ne­res Bild gege­ben.