„Wir in Rott­weil leben Bür­ger­be­tei­li­gung.” Mit leuch­ten­den Augen und stolz geschwell­ter Brust gab Bür­ger­meis­ter Chris­ti­an Ruf die­sen Spruch im Gemein­de­rat zum Bes­ten. Es war nicht das ers­te Mal, und Ruf ließ sich auch nicht von einem Hin­weis beein­dru­cken, der nur fünf Minu­ten zuvor bekannt gewor­den war. Dem­nach wun­der­ten sich betrof­fe­ne Anwoh­ner der Bahn­hof­stra­ße, dass die Stadt­ver­wal­tung bereits eine Woche zuvor im Bau­aus­schuss fix und fer­ti­ge Plä­ne für das neue Park­haus prä­sen­tiert hat­te. Die direk­ten Anlie­ger wuss­ten nichts davon, obwohl ohne ihre Zustim­mung nichts geht.

NRWZ-Kommentator Lothar Häring.
NRWZ-Kom­men­ta­tor Lothar Häring.

Bür­ger­meis­ter Ruf igno­rier­te die von Stadt­rat Mar­tin Hiel­scher vor­ge­brach­ten Rüge und ging kom­men­tar­los und mit unbe­weg­ter Mie­ne zum nächs­ten Tages­ord­nungs­punkt über. So viel zum The­ma prak­ti­sche Bür­ger­be­tei­li­gung in Rott­weil.

Als wäre das nicht genug: Vor­komm­nis­se die­ser Art haben sich zuletzt wie ein roter Faden durch die Arbeits­wei­se im Rat­haus gezo­gen: Aus der Zei­tung muss­te nicht nur Hän­ge­brü­cken-Inves­tor Gün­ter Eber­hardt, son­dern auch der Gemein­de­rat zur Kennt­nis neh­men, dass mit Joa­chim Glatt­haar plötz­lich ein Kon­kur­rent im Ren­nen war. Im Gegen­zug erfuhr dann Glatt­haar auf glei­chem Weg, dass er wie­der raus ist. Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß hat­te ihm zuge­sagt, zur Rück­kehr von einer Aus­lands­rei­se zu war­ten. Bür­ger­meis­ter Ruf muss­te ihm dann (ver­spä­tet) mit­tei­len, dass die­ses Ver­spre­chen nicht zu hal­ten war.

Es wäre eine Ver­nied­li­chung, all das als unpro­fes­sio­nell zu bezeich­nen. Das ist es auch, aber noch mehr ist es ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons-Desas­ter, eine Miss­ach­tung und Respekt­lo­sig­keit gegen­über Bür­gern bezie­hungs­wei­se Geschäfts­part­nern und Inves­to­ren.

Man­che Beob­ach­ter unken gar, es sei Teil einer Stra­te­gie, um voll­ende­te Tat­sa­chen zu schaf­fen. Bele­ge gibt es frei­lich nicht – trotz vie­ler Unge­reimt­hei­ten.

Wie auch immer, eins ist klar: Die Ver­ant­wor­tung liegt beim Ober­bür­ger­meis­ter. Man kann ihm attes­tie­ren, dass er über wei­te Stre­cken sei­ner Amts­zeit eine durch­aus gute Figur gemacht hat. Aber immer, wenn Kom­mu­ni­ka­ti­on gefragt ist, wird’s brenz­lig. Das ging meist noch gut, solan­ge Bür­ger­meis­ter Wer­ner Guhl nicht nur ein über­ra­gen­der Fach­mann war, son­dern auch Bür­ger­nä­he auf dem klei­nen Dienst­weg leb­te, und so vie­le Pro­ble­me schon im Ansatz laut­los lös­te.

Gera­de in jüngs­ter Zeit ist indes­sen deut­lich gewor­den, wie sehr Wer­ner Guhl nach sei­nem Tod die­ser Stadt fehlt, fach­lich und mensch­lich. Man kann getrost davon aus­ge­hen, dass er im Kampf um die Grund­stü­cke auf dem Ber­ner Feld ver­mit­telt, sehr ziel­ge­rich­tet ein­ge­grif­fen und not­falls alle Betei­lig­ten zu einem frü­hen Zeit­punkt an einen Tisch gebracht hät­te.

Es ist meist unge­recht, wenn man Nach­fol­ger an solch hohen Ansprü­chen misst, das soll hier nicht gesche­hen. Aber Bür­ger­meis­ter Ruf ist inzwi­schen seit fast zwei Jah­ren im Amt, da ist die Schon­zeit vor­bei. Man kann ihm Enga­ge­ment und ein gewach­se­nes Gespür für die­se Stadt nicht abspre­chen, doch das reicht nicht. Es ist Zeit, dass er aus dem Schat­ten sei­nes Vor­gän­gers und von OB Broß her­aus­tritt, sein Pro­fil schärft und vor allem Defi­zi­te, spe­zi­ell in Sachen Bür­ger­nä­he aus­gleicht.

Eine güns­ti­ge Gele­gen­heit wäre die Erkennt­nis gewe­sen, dass zwi­schen for­ma­ler Bür­ger­be­tei­li­gung und Bür­ger­nä­he im All­tag ein gra­vie­ren­der Unter­schied liegt. Dann wäre die pein­li­che Sache mit dem Park­haus so nicht pas­siert. Dann hät­te die Obrig­keit im Vor­feld das Gespräch mit den Anlie­gern gesucht. Das wäre ein ganz nor­ma­ler Vor­gang gewe­sen. Bür­ger­nä­he liegt noch zwei Stu­fen höher, min­des­tens.