Leser­brief zu einem Text aus den Rei­hen der Rott­wei­ler Grü­nen, der die­se in zwei Lager spal­tet (wir haben berich­tet).

Mit gro­ßem Ent­set­zen habe ich das von Frank Sucker und Micha­el Lei­brecht ver­fass­te und über den Agen­da-Ver­tei­ler wei­ter­ge­lei­te­te ‚öko-sozia­le‘ Plä­doy­er für den JVA-Stand­ort Esch gele­sen und wuss­te zunächst nicht, ob ich dar­über lachen, wei­nen oder toben soll. Als Bür­ge­rin einer Umland­ge­mein­de schät­ze ich nicht nur die Natur der Umge­bung, son­dern die­se gene­rell als wert­voll, schüt­zens- und erhal­tens­wert. Des­halb möch­te ich die­ses Plä­doy­er nicht unkom­men­tiert ste­hen las­sen.

Ich zitie­re aus dem Anschrei­ben: ‚Wir bei­de ste­hen in Rott­weil hof­fent­lich glaub­haft für eine nach­hal­ti­ge Stadt­ent­wick­lung.‘ Gera­de von zwei Rott­wei­ler Bür­gern, die dies von sich sagen und mit ihrem bis­he­ri­gen Enga­ge­ment im kom­mu­na­len, kirch­li­chen und poli­ti­schen Bereich begrün­den, hät­te ich so einen Text nicht erwar­tet und bin maß­los ent­täuscht.

Wo sind hier die Grund­sät­ze eines ’nach­hal­ti­gen‘ Han­delns gegen­über unse­rer Umwelt, einem ver­ant­wort­li­chen und scho­nen­den Umgang mit unse­ren Res­sour­cen, wie sie beson­ders von der grü­nen Lan­des­re­gie­rung bis­lang pro­pa­giert wur­den, geblie­ben? Soll das etwa dem Bewah­ren der Schöp­fung ent­spre­chen, das Tie­re und Pflan­zen als unse­re Mit­ge­schöp­fe sieht, für deren Wohl­erge­hen wir mit­ver­ant­wort­lich sind, wie es in der Bibel nach­zu­le­sen ist und von den christ­li­chen Kir­chen gelehrt wird?

Trau­rig, wenn wie­der ein­mal Begrif­fe wie ‚öko‘, ’sozi­al‘ und ’nach­hal­tig‘ als Deck­män­tel­chen für etwas her­hal­ten müs­sen, bei dem es vor allem um wirt­schaft­li­che Inter­es­sen und Pro­fit geht – kos­te es was es wol­le – oder Kos­ten­re­du­zie­rung in einem Bereich, der einer Gesell­schaft nicht mehr wert ist.

Eine JVA ist ein bedeu­ten­des Sozi­al­pro­jekt, das Men­schen hilft, ihr ein­zig­ar­ti­ges Leben nicht zu ver­pfu­schen, son­dern zurück­zu­fin­den ins sozia­le Zusam­men­le­ben.‘ (Zitat)

Das ’sozia­le Zusam­men­le­ben‘ lässt sich also beson­ders gut in beson­ders gro­ßen Straf­an­stal­ten ein­üben, ganz beson­ders fern der Hei­mat und ohne die bis­he­ri­gen sozia­len Bezü­ge und Bin­dun­gen bzw. durch gro­ße Ent­fer­nun­gen erschwer­te Kon­tak­te zur Fami­lie und dem bis­he­ri­gen sozia­len Netz? Per­fek­tio­nier­te Ver­sor­gungs­struk­tu­ren, die kei­ne Wün­sche offen las­sen und emo­tio­na­le Bedürf­nis­se durch Mate­ri­el­les zu kom­pen­sie­ren ver­su­chen (bei Bedarf lei­der auch Dro­gen etc.), las­sen dann selbst­re­dend auch einen rich­tig kri­mi­nel­len Men­schen inner­halb kür­zes­ter Zeit zum Hei­li­gen mutie­ren? Inter­pre­tie­re ich das rich­tig? Ein Groß­ge­fäng­nis mit zen­tra­li­sier­ten Struk­tu­ren, nur weil es den aktu­el­len gesetz­li­chen Vor­ga­ben und Nor­men hin­sicht­lich Aus­stat­tung, per­so­nel­ler Qua­li­fi­ka­ti­on, Ver­sor­gung und der­glei­chen ent­spricht, gleich als bedeu­ten­des Sozi­al­pro­jekt zu bezeich­nen, spricht mei­nes Erach­tens nach Hohn. Ein lebens­wer­tes Wohn­um­feld (dazu gehört eben auch eine intak­te Natur), öffent­li­cher Raum und gute Bil­dungs- und Frei­zeit­an­ge­bo­te für alle Alters­grup­pen unab­hän­gig von irgend­wel­chen Zuschrei­bun­gen und Eti­ket­tie­run­gen – und das alles nied­rig­schwel­lig – sind ech­te sozia­le Pro­jek­te und kön­nen im Ide­al­fall lang­fris­tig den Bedarf an Haft­plät­zen dras­tisch sen­ken.

Damit ver­bun­den ist der Opfer­schutz – im Extrem­fall von Men­schen­le­ben.‘ (Zitat) Bei die­ser Wort­ket­te hört man direkt den Alarm und die Sire­nen heu­len in den Ohren. Soll wohl hei­ßen: bei so vie­len Kri­mi­nel­len, die über­all und aller­or­ten her­um­lau­fen, muss man dann doch wenigs­tens ein paar davon rich­tig gut weg­sper­ren. Mög­lichst weit weg, ohne dass jemand merkt, dass man die­se Men­schen nicht mehr in der Nähe der Gesell­schaft, also direkt in der Stadt oder am Sied­lungs­rand haben möch­te, denn sozi­al wol­len wir doch alle sein. Oder wie ist die­ser Satz zu inter­pre­tie­ren? Als ob in den Gefäng­nis­sen nur bru­ta­le Mör­der und Ver­ge­wal­ti­ger säßen, die eins ums ande­re Mal aus­bre­chen und nichts als wei­ter zu mor­den und zu ver­ge­wal­ti­gen im Sinn hät­ten. Natür­lich gibt es auch ver­ein­zelt Seri­en­tä­ter, aber der über­wie­gen­de Teil der Gefan­ge­nen lei­det – häu­fig ein Leben lang – unter dem Fehl­ver­hal­ten, das die Haft zur Fol­ge hat­te.

Auch ein Archi­tek­ten­wett­be­werb, von dem sich die bei­den Ver­fas­ser ‚eine inno­va­ti­ve Lösung für eine JVA, die sich so sen­si­bel wie irgend mög­lich in Land­schaft und ins öko­lo­gi­sche Umfeld ein­fügt‘ erhof­fen, macht aus einem Zweck­bau, der stren­ge gesetz­li­che Vor­ga­ben erfül­len muss, kein hüb­sches Wohn­häus­chen, bei dem es – je nach Vor­ga­ben – gewis­se künst­le­ri­sche Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten gibt. Will hei­ßen: Die rund­um lau­fen­de Mau­er wird weder durch Sträu­cher kaschiert noch der Sta­chel­draht durch Rosen­he­cken ersetzt wer­den kön­nen. Und die nächt­li­che Beleuch­tung erfolgt eben nicht durch Ker­zen und Petro­le­um­lämp­chen. Inno­va­ti­on hat eben ihre Gren­zen – nicht nur aus finan­zi­el­len Grün­den, son­dern auch bei über­ge­ord­ne­ten Inter­es­sen, wie dem Sicher­heits­as­pekt. Auch dass beim Bau der JVA ‚auf res­sour­cen­leich­te Bau­ma­te­ria­li­en geach­tet wird, die sich spä­ter ein­mal wie­der in Stoff­kreis­läu­fe ein­bet­ten‘, ist – der Natur der Sache geschul­det – wenig rea­lis­tisch, denn bei­spiels­wei­se Holz­bau­wei­se geht nicht.

Und da hilft alles Wün­schen, Träu­men und Hof­fen nicht: So klein und fein, dass sie fast zu über­se­hen ist, wird die JVA eben nicht, denn sie ist nun ein­mal kein unter­ir­di­scher, gut getarn­ter Bun­ker. Des­halb wird sie durch die erfor­der­li­che Aus­stat­tung mas­si­ve, lang­fris­ti­ge und dau­er­haf­te Aus­wir­kun­gen auf die angren­zen­den Natur- und Land­schafts­schutz­ge­bie­te und deren beson­de­re Flo­ra und Fau­na haben, die auch durch die gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen soge­nann­ten Aus­gleichs­maß­nah­men nicht wie­der gut zu machen sind.

Was ein ‚tra­di­ti­ons­rei­cher Jus­tiz­stand­ort‘ und eine ‚Poli­zei­di­rek­ti­on‘ mit Reso­zia­li­sie­rung zu tun haben und Rott­weil des­halb dafür so ‚her­vor­ra­gend geeig­net‘ machen sol­len, erschließt sich mir aller­dings nicht.

Eben­so wenig, was die Autoren hier unter ‚gute ver­kehr­li­che Anbin­dung erleich­tert Kon­tak­te zu Ange­hö­ri­gen‘ ver­ste­hen. Denn bis­lang führt an dem Gebiet Esch eine ganz nor­ma­le Bun­des­stra­ße vor­bei und jede in die­sem Bereich neu ein­ge­rich­te­te Bus­hal­te­stel­le wird dort Zu- und Aus­stei­gen­de vor allem als Ange­hö­ri­ge der Gefäng­nis­in­sas­sen und im Ein­zel­fall auch als Frei­gän­ger zu erken­nen geben und damit stig­ma­ti­sie­ren. So viel zur Reso­zia­li­sie­rung, wenn sie abseits jed­we­der gewach­se­ner Infra­struk­tur statt­fin­den soll. Und die ‚psy­cho-sozia­len und medi­zi­ni­schen Betreu­ungs­ein­rich­tun­gen‘ gehö­ren bereits heu­te zu einem moder­nen Straf­voll­zug, der auch in älte­ren Gemäu­ern und klei­ne­ren dezen­tra­len und damit für die Gefan­ge­nen wohn­ort­nä­he­ren Gefäng­nis­sen statt­fin­den kann. Auch hier steht bei den gro­ßen und zen­tra­li­sier­ten Gefäng­nis­sen im Vor­der­grund schlicht Kos­ten­mi­ni­mie­rung.

Mit ihrer Aus­sa­ge über die Ver­sor­gungs­struk­tu­ren der JVA (‚Sie wird von außer­halb mit Waren und Dienst­leis­tun­gen ver­sorgt‘) haben die Ver­fas­ser sicher­lich recht. Denn eine zen­tra­li­sier­te Ein­rich­tung die­ser Dimen­si­on, die vor allem auch unter öko­no­mi­schen Aspek­ten so groß geplant wird, wird aus den­sel­ben Grün­den auch nicht in Rott­weil als gro­ße Aus­nah­me vor allem dezen­tral ver­sorgt wer­den. Somit wird der loka­le Han­del kaum von der JVA pro­fi­tie­ren und ’sta­bi­le loka­le und regio­na­le Kreis­läu­fe‘ wer­den kaum geför­dert. Bereits der Bau wird – ganz geset­zes­kon­form – euro­pa­weit aus­ge­schrie­ben und die Auf­trä­ge nicht auto­ma­tisch an die ört­li­chen Fach­hand­werks­be­trie­be gehen. Zudem kom­men für etli­che Gewer­ke sowie­so nur spe­zia­li­sier­te Fach­fir­men in Fra­ge. Und ob die Beschäf­tig­ten die Stadt bele­ben, kann nie­mand vor­her­sa­gen, denn sie kön­nen (und wer­den ver­mut­lich zunächst vor allem) auch aus ganz ande­ren Land­krei­sen und Gemein­den kom­men und ihren Lebens­mit­tel­punkt bei­be­hal­ten, weil sie sich dort wohl füh­len und ger­ne woh­nen, ins­be­son­de­re, wenn sie im Zuge von Schlie­ßun­gen ande­rer JVA-Stand­or­te nach Rott­weil ver­setzt wer­den.

Wer die JVA garan­tiert in Rott­weil haben möch­te, muss jetzt im Bür­ger­ent­scheid fürs Esch stim­men.‘ Die­se For­de­rung hal­te ich für falsch. Denn mit dem Stand­ort Esch wür­de das direkt angren­zen­de Natur- und Land­schafts­schutz­ge­biet mas­siv beein­träch­tigt und letzt­lich ein ganz beson­de­res und außer­ge­wöhn­li­ches Natur­idyll zer­stört und künf­ti­gen Genera­tio­nen weg­ge­nom­men. Die­ses wert­vol­le Gebiet für ein Rie­sen­pro­jekt, wie es ein Groß­ge­fäng­nis nun ein­mal ist, zu opfern, ist ein ver­dammt hoher Preis. Denn in und um Rott­weil her­um gibt es genü­gend Flä­chen, die öko­lo­gisch bezo­gen auf den Arten­schutz wesent­lich weni­ger wert­voll sind als das Esch auf­grund der direkt angren­zen­den Schutz­zo­nen – wenn par­tout auch hier wie­der nicht auf eine Kon­ver­si­ons­flä­che aus­ge­wi­chen wer­den soll, wie es die grü­ne Lan­des­re­gie­rung für der­ar­ti­ge Pro­jek­te im Wahl­kampf ver­spro­chen hat­te, weil in einer ande­ren Regi­on lie­gend.

Wenn ich lese, es lie­ße sich in Fol­ge die­ses Rie­sen­pro­jek­tes even­tu­ell durch über die gesetz­li­chen Vor­ga­ben hin­aus­ge­hen­de Maß­nah­men viel­leicht ‚die Arten­viel­falt in die­sem Gebiet sogar erhö­hen- etwa durch wei­te­re Bio­top­ver­bün­de‘ stellt sich mir aller­dings die Fra­ge, wovon die bei­den Ver­fas­ser des Nachts träu­men.

Denn die Rea­li­tät sieht lei­der völ­lig anders aus: Häu­fig – und wie die Erfah­rung bei die­sem The­ma lei­der immer wie­der zeigt – wer­den nicht ein­mal die gesetz­li­chen Min­dest­stan­dards erfüllt bzw. erst nach noch- oder mehr­ma­li­ger Auf­for­de­rung. Denn ein Gras­frosch, eine Fle­der­maus oder eine Zaun­ei­dech­se, sel­te­ne Vögel und Insek­ten kön­nen sich nicht weh­ren, denn sie schei­ßen lei­der kei­ne Gold­du­ka­ten und wer­den des­halb in der Regel wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen unter­ge­ord­net, wie auch Sil­ber­dis­tel, Zit­ter­gras oder hei­mi­sche Orchi­de­en als pflanz­li­che Rari­tä­ten.

Und den durch Erschlie­ßung und Bau des Groß­pro­jek­tes JVA in die­sem Bereich bedroh­ten sel­te­nen Tie­ren und Pflan­zen ist es lei­der nicht mög­lich, mal schnell den Ruck­sack zu packen oder einen Umzugs­wa­gen zu bestel­len und in eine bes­se­re, weil noch intak­te Gegend umzu­zie­hen. Ein­mal ganz abge­se­hen davon, dass die­se gar nicht so leicht zu fin­den wäre. Der tag­täg­li­che Flä­chen­ver­brauch in Baden-Würt­tem­berg ist immens, und nicht mehr vor­han­de­ne Ersatz­flä­chen aus dem Hut zau­bern kann lei­der auch nie­mand. Mensch­li­che Hybris lässt also grü­ßen, die wie­der ein­mal mehr alle Mit­ge­schöp­fe den eige­nen ganz offen­sicht­li­chen wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen unter­ord­nen will.

Ein Ja zu einer JVA im Esch wür­de zei­gen, dass die Rott­wei­le­rin­nen und Rott­wei­ler ihrem Leit­bild einer sozia­len Stadt fol­gen und Ver­ant­wor­tung über­neh­men.‘ Ich glau­be jeden­falls nicht, dass es dafür eines Groß­ge­fäng­nis­ses in einem land­schaft­lich ein­ma­li­gen Gebiet bedarf, gibt es doch all­täg­lich Gele­gen­heit, mit­mensch­lich, respekt­voll und sozi­al zu han­deln. Denn bereits heu­te leben Men­schen in unse­rer Stadt, die nach einer per­sön­li­chen Kri­se, deren Fol­ge auch eine Haft­stra­fe gewe­sen sein kann, auf der Suche nach einer neu­en Chan­ce sind und sich Arbeit, eine ange­mes­se­ne und bezahl­ba­re Woh­nung oder ganz ein­fach mit­mensch­li­che Kon­tak­te wün­schen.

Elke Mül­ler, Zim­mern