NRWZ.de, 23. März 2021, Autor/Quelle: Peter Arnegger (gg)

Geimpft

AstraZeneca. Den zwischenzeitlich vom Markt genommenen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt es seit heute wieder. Der Zufall will es, dass ich heute meinen Impftermin hatte. Als pflegender Angehöriger. Dies ist ein kleiner Erlebnisbericht, bei dem ich eines vorwegnehmen will: Es geht mir bislang bestens.

Die vergangenen Tage waren aufregend. Die beiden Impftermine hatten länger schon festgestanden – früh morgens, gleich nach dem Aufstehen noch vor 6 Uhr auf www.116117.de gebucht, das als kleiner Insidertipp -, da nahm die Landesregierung den Impfstoff AstraZeneca aus dem Programm. Auch Rottweil sagte die Impftermine ab. Alles vorsorglich. Mein Termin stand noch, aber will ich das dann wirklich?

Seit heute gibt es das Vakzin – ein Wort, das ich vor 2021 nicht kannte – wieder in den Arm. Noch nie zuvor habe ich mich ernsthaft mit Nebenwirkungen dessen befasst, was ich auf ärztliche Anordnung oder als Selbstmedikation jemals eingenommen habe. War ohnehin nicht viel, das übliche. Mit AstraZeneca habe ich mich näher beschäftigt. Ich rauche nicht (mehr) trinke in Maßen, esse ordentlich aber nicht zu viel und bin dank meines Hundes jeden Tag an der frischen Luft. Und dennoch: Ja, ich habe über den Tod nachgedacht. Wie gesagt: Die vergangenen Tage waren aufregend. Viele Gespräche.

Dann der Termin. 15 Uhr im Impfzentrum, Stadthalle Rottweil. Das Herz klopft. Ich habe mich vorab informiert, es gibt da dieses schicke Video, das die Abläufe zeigt. Ein Informationsfilm des Kreisfeuerwehrverbands. Gut gemacht:

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Was mir gleich auffällt: Die Stimmung in der Halle ist unaufgeregt-locker. Jedenfalls bei den vielen Helfern vor Ort. Die Besucher mit Impftermin sind teils etwas aufgeregt. Ich selbst, beispielsweise, aber auch die junge Dame vor mir, die ich gleich zu Anfang überhole, weil sie ihr Krankenkassenkärtchen im Auto vergessen hat.

Am Eingang ein lockeres Witzchen: Ich hätte 76 Grad, stellt der Impfzentrums-Mitarbeiter nach einer kontaktlosen Messung fest. Er sagt das todernst. Ich kriege es kaum mit, wundere mich allenfalls ein bisschen, er wird schon wissen, was er tut. Weiß er: mich auflockern. Tatsächlich hätte ich 35,4 Grad Celsius notiert er. Okay, ich köchle nicht vor mich hin. Gut zu wissen. Wir lachen beide. Unter unserem Mundschutz, jeweils.

Weiter geht’s, die Security, äußerst zuvorkommend, führt mich zur nächsten Station. Was ein Treffen mit dem Vorsitzenden der Kreisärzteschaft, Dr. Jochen Scherler bringt, der gerade am Gehen ist. Lockerer Typ, man kennt sich auch als Musiker. Währenddessen werden die Anmeldeformalitäten erledigt. Ohne mein direktes Zutun, die junge Dame greift sich einfach die Dokumente, die sie braucht. Ich bin derweil mittelmäßig überfordert.

Wieder weiter zur Security, einem Herrn, der ebenfalls genau weiß, was zu tun ist: mich bei Registratur 3 abzuliefern. Ein abgekartetes Spiel – dort sitzt nämlich eine Dame mit meinem Nachnamen. Meine Schwägerin. Lachen, Umarmen – wir und unsere Partner bilden die beiden Haushalte, die sich zurzeit so treffen dürfen – und das Prozedere abarbeiten. Das ist sehr geschickt gemacht: was sie an ihrem Computer eintippt, das sieht ihr Gegenüber an einem großen Zweitbildschirm. Das begreife sogar ich.

Den Informationsfilm lassen wir aus, es geht direkt zu einem netten Bundeswehrsoldaten, der mich einer Impfkabine zuordnet. Es wird also Ernst. Aber wieder halb so schlimm: Man kennt sich auch dort, ein Small Talk mit den beiden Damen leitet den Höhepunkt ein. Die eigentliche Impfung geht rasch, die Ärztin agiert sehr geschickt. Linker Arm, den rechten brauche ich noch. Erst ein Spray auf die Stelle, dort wird’s kalt. Dann die Spritze. Ich spüre nichts. Wirklich: nichts.

Ein paar Notizen auf die Blätter auf meinem Klemmbrett, ich darf weitergehen. Dieses Klemmbrett hatte ich eingangs ausgehändigt bekommen, es hilft in mancherlei Hinsicht: Man selbst kann sich daran festhalten und bekommt das Gefühl, alles geordnet beieinander zu haben. Und die Mitarbeiter brauchen nur zuzugreifen, darauf eine Nummer festklemmen oder diese abnehmen, sich das ganze Klemmbrett schnappen oder es einem wieder aushändigen. Alles geschieht mit einem Lächeln. Wunderbar beruhigend.

Blick in den Impfausweis.

Etwa zehn Minuten, nachdem ich unsicher die Halle betreten habe, komme ich im Wartebereich an. Geimpft. Irgendjemand hat zwei Fernsehschirme dort angebracht und rund hundert Stühle aufgestellt. Viele sind besetzt. Mit mir haben einige Leute AstraZeneca an diesem Tag bekommen, Lehrer, etwa, Vorerkrankte, Pfleger, Polizisten oder pflegende Angehörige. Die meisten sind mit sich selbst beschäftigt, hängen ihren Gedanken nach. Hören und fühlen vielleicht in sich hinein, ob schon erste Schwaden eines starken Kopfschmerzes aufkommen, bei deren Auftreten man dann doch den Arzt aufsuchen soll. AstraZeneca, das Teufelszeug. Aber auch das Heilsversprechen. Mich beschäftigen solcherlei Dinge, während ich warte.

Man hat im Vorfeld ja vieles gehört: dass einige, die das Vakzin bisher bekommen haben, eine schlimme Nacht danach erleben. Übelkeit bis hin zum Erbrechen, Schüttelfrost, Fieber. Manchen ist auch überhaupt nichts passiert. Die Harten, die in den Garten kommen – ob ich auch zu diesen gehöre?

Das Warten wird leger überwacht von einer Schwester. Freundlich, aber bestimmt, auch sie weiß, wie offenbar wirklich alle in der Stadthalle, was sie tut. Und was gut ist für die ihr Anvertrauten. Das, übrigens, hört man auch allenthalben über das Rottweiler Kreisimpfzentrum: dass die Leute dort einen richtig guten Job machen. Klar, es gibt Einzelfälle. Vor ein paar Tagen ist ein Besucher laut geworden, weil er abgewiesen wurde. Sein Arzt hatte das Rezept, auf das er die Impfung bekommen sollte, eher lax ausgestellt. Ein Problem, das aus der Welt geschafft werden konnte, wie die NRWZ erfuhr. So stempelt der Arzt jetzt seine Rezepte.

Nach einem Viertelstündchen im Wartebereich im Impfzentrum – und unter den Augen der aufmerksamen Schwester – darf ich gehen. Noch ein letzter Check am Ausgang, wieder ein wirklich freundlicher junger Mann. Mein Klemmbrett bin ich wieder los, dafür habe ich ja inzwischen ein Pflaster am Arm. Und mehr als 90-prozentigen Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung mit schwerem Verlauf.

Jetzt, rund eineinhalb Stunden später, geht es mir gut. Falls sich das ändert und solange mir das möglich ist, werde ich hier berichten.

Update Mittwoch, 24.03., 6 Uhr: Unruhige Nacht, aber es geht mir gut. Keinerlei Beschwerden. Leichter Muskelkater im linken Arm, aber den brauche ich ja kaum.

Update Donnerstag, 25.03., 20 Uhr: eine 24-stündige Grippe erlebt.

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