Ein Hauch von Nichts

Ein Hauch von Nichts

Unendlich zart sind sie, Schmetterlingsflügeln gleich, federleicht, fein und vergänglich. Einmal berührt – auf immer zerstört. Kaum wage ich sie anzufassen, geschweige denn anderes mit ihnen anzustellen. Ein goldgelbes Gespinst, feiner noch als Seide, selten wurde ein zarterer Stoff von Menschenhand fabriziert. Kaum vorstellbar, wie dies von Maschinen zu bewerkstelligen ist.

Gleich nach der Fabrikation fein säuberlich aufgerollt, aus Zartgefühl keinem Reißtest unterzogen, denke ich mir. Ständig weiterentwickelt in seiner zerbrechlichen Feinheit. Und wie habe ich mich gefreut, als sie auch noch ein praktisches Zugband bekamen – die Gelben Säcke für Plastik mit dem Grünen Punkt.

So ein Zugband ist eine feine Sache, allerdings nur für Menschen mit Fingerspitzengefühl, welches mir völlig abzugehen scheint. Kaum dran gezogen, habe ich das Band samt dem kompletten oberen Rand des gelben Sackes in der Hand. Aber das ist kein Problem. Weil nämlich Milchkartons keine abgerundeten Ecken haben und nebst anderem Scharfkantigen an mehreren Stellen aus dem Sack lugen wie Speck aus dem Spickbraten, und ich beim Hochheben des Sackes mit allen fünf Finger der linken Hand durchs Material breche, muss das Mängelexemplar sodann in einen Zweiten, von exakt derselben Beschaffenheit.

So bringe ich munter noch mehr Plastik in den ewigen Kreislauf. Der schweißtreibende Akt wird blumig kommentiert, aber erfolgreich abgeschlossen, und selbst das Zugband der zweiten Haut erfüllt seinen Zweck an der dafür vorgesehenen Stelle, man ist ja lernfähig.

Und während ich den doppelten Hauch von Nichts samt Inhalt aus dem Haus trage, um ihn überaus zartfühlend am Straßenrand zu deponieren, sehe ich vor meinem geistigen Auge ein vergrätztes Rumpelstilzchen in seiner Kammer sitzen und riesige Haufen von Polyäthylen zu Gold spinnen.

Und bei den Flüchen übers Endprodukt stehen wir uns in nichts nach, Rumpelstilzchen und ich.

Seite 1 / 1
Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 7. Juni 2020 von Gabi Hertkorn (gh). Erschienen unter https://www.nrwz.de/meinung/glosse/ein-hauch-von-nichts/265895