Wo laufen sie denn… Oder: Ich geb mir den Marathon

Wo laufen sie denn… Oder: Ich geb mir den Marathon

Viele Menschen müssen selbst in fortgeschrittenem Alter von Zeit zu Zeit ihre Grenzen austesten. Manche tun dies auf verbale Weise, nach dem Motto wie weit kann ich gehen, bis es eine aufs Maul gibt. Andere finden die sportliche Variante ungeheuer reizvoll. Der Körper wird geschunden, bis dass der Geist triumphieren kann.

Es gibt viele Arten sich zu quälen und eine scheint inzwischen ein absolutes Muss zu sein.

Niemals hätten sich die alten Griechen träumen lassen, dass sich der Marathonlauf einstens zum Volkssport auswachsen würde. Den einsamen Boten Thersippos hätte schon vorab der Schlag getroffen, wäre er letzten Sonntag in Freiburg an den Start gegangen. Und die 12 000 Teilnehmer dort hatten noch nicht mal eine Nachricht nach Athen zu bringen – die tun das aus Jux und Tollerei. Die Stimmung war gigantisch.

Vom ungestümen Jüngling bis zum Greis, vom Teenie in voller Kriegsbemalung bis zur Oma im hautengen Laufanzug war alles vertreten. Der Laufbanause sah’s mit Staunen.

Dachte ich doch bislang der eher kleine, drahtige Typ, mit dem gleichmäßigen Laufstil, habe die besten Chancen durchzukommen. Doch dann gab’s da den großen Ausgemergelten mit dem Zwischenhüpfer, die Bierbauchvariante mit dem Asthma-Schnaufer, das Model mit den blütenweißen Laufschuhen, den Verbissenen mit dem Tunnelblick, die Großmama im rosa Ganzkörperkondom, die ganz Coolen mit den Piratentüchern ums Haupt und der Zwischenbanane im Halfter – und (fast) alle kamen sie irgendwie ins Ziel. Respekt!

 Zum Zwecke der physiologischen Betreuung, sowie der psychischen Wiederaufrichtung im ansteigenden letzten Streckenabschnitt, zum Ort des Geschehens mitgeschleppt, bin ich trotz allem ungemein dankbar, über mein drastisch mangelndes Interesse am Austesten meiner Grenzen. Mir reicht bislang eine grobe Schätzung.

Sollte irgendwann mal ein Achtelmarathon in New York ausgeschrieben werden, an dessen Ziel George Clooney Cocktails reicht und ein kaltes Buffet anbietet, kann ich ja immer noch ins Training einsteigen.

Seite 1 / 1
Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 7. Juni 2020 von Gabi Hertkorn (gh). Erschienen unter https://www.nrwz.de/meinung/glosse/wo-laufen-sie-denn-oder-ich-geb-mir-den-marathon/265888