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Montag, 21. September 2020

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Als Demokrat zu den Menschenrechten bekennen

SPD fordert zum Nachdenken über das Kriegsende vor 75 Jahren auf

Am 8. Mai endete der zweite Weltkrieg mit der Kapitulation der Wehrmacht. In einem ausführlichen Text beschäftigt sich der SPD-Kreisvorstand mit diesem historischen Ereignis. Wir veröffentlichen den Text im Original als Beitrag zur Diskussion.

Für Aleksander Chlebowski, neunjähriges Kind polnischer Zwangsarbeiter, war mit dem Einmarsch der französischen 1. Armee am 19. April 1945 endlich der Tag der Befreiung gekommen. Das galt auch für Tausende von Häftlingen und Zwangsarbeitern und für Nazi- Gegner wie Ernst Keck, den langjährigen SPD-Vorsitzenden in Sulz und Gestapo-Häftling in Horb,  galt für die ehemaligen Stadträte Stockburger und Rauch, und für einige andere, die Sand ins Räderwerk der NS-Vernichtungsmaschine geworfen und bis in die letzten Tage des Krieges ihr Leben riskiert hatten, wie Familie Plocher vom Brändehof.

In Deißlingen begrüßten die Befreiung der ehemalige SPD-Vorsitzende Heinrich Kunz, die SPD- Mitglieder  August Haller, Isidor Seifer und Ernst Hengstler sowie die KPD-Mitglieder Hermann Emminger, Otto Moritz, Rudolf Blust, Martin Gassner und Paul Mink, die 1933 im KZ Heuberg interniert waren. In Oberndorf waren es Andreas Singer und Wilhelm Bloß, um nur einige zu nennen, in Rottweil Lorenz Bock und die Familie Maier-Roth, in Schramberg Josef Neef, Anna und Max Schneider und viele mehr, deren Freude sich mit Wut und Trauer um KZ-Opfer wie Franz Erath und Wilhelm Blank mischte. Zu viele Opfer und Überlebende, um sie alle zu nennen!

Im Verständnis vieler Bürger aber waren und blieben sie Vaterlandsverräter und die Niederlage war nicht Befreiung sondern „Umsturz“. Viele ehemalige Mitläufer und Fanatiker richteten sich geschmeidig in der Opferrolle ein, nachdem es mit dem Herrenmenschentum so kläglich daneben gegangen war.

Am 8. Mai 1945 war dann die Katastrophe, die weltweit Millionen von Opfern forderte, auch offiziell vorbei. Es gab viel zu tun. Ehemalige Zwangsarbeiter richteten für ihre Kinder Schulen ein, pensionierte Rektoren  zählten eifrig, was die Besatzung an Mänteln und Radioapparaten konfiszierte, die außerhalb der Friedhöfe in nicht genau gezählter Menge Verscharrten mussten umgebettet werden, am ganzen Oberen Neckar waren die Verwaltungen monatelang mit der Vernichtung von Akten beschäftigt.

Mahnmal für die Opfer des Faschismus in Schramberg. Archiv-Foto: him

Sehr beschäftigt waren auch die Zeitgenossen, die ihre Lebensläufe verharmlosten und die, welche in der glücklichen Lage waren, „Persilscheine“ auszustellen. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit den von ihnen begangenen Verbrechen leisteten sich viele der Kriegsheimkehrer bis 1963, zum ersten Auschwitz-Prozess, nicht. Wozu auch? Schließlich prasselten schon seit Anfang der 50er Jahr wieder Verdienst(!)kreuze, Ehrenbürgerschaften und Pensionen auf sie nieder.

Inflation, Hunger, Arbeitslosigkeit, Kriegsverbrecher- und Spruchkammerprozesse, Wohnungsnot, Flucht und Vertreibung wurden ab 1948 abgelöst, wenigstens hierzulande, durch das Wirtschaftswunder. Und den Antikommunismus im Kalten Krieg. Und, ach ja, auch die Demokratie. Erst mal von oben verordnet. War ja aber auch nicht so ganz neu: zweimal in den vergangenen hundert Jahren hatte der heutige Kreis Rottweil schon mal für die Demokratie gebrannt: 1848/49 und 1918/19. Hätte man doch bloß da angeknüpft!

Wer wollte aber von 1918 schon lernen? Wieder waren nach kurzer Zeit vielerorts die selben alten Männer am Steuer. Aber: das Grundgesetz konnten sie nicht verhindern. Und die 68er Generation zwang sie sogar, es wörtlich zu nehmen. So „wagten“ wir „mehr Demokratie“ (Willy Brandt) und lebten neue Freiheiten in nie dagewesenem Wohlstand.

Aber seit der zu bröckeln beginnt, kommt die Kehrseite der Demokratie zum Vorschein: Angst, Hass, Nationalismus, Rassismus bahnen sich ihren Weg in die Parlamente und machen gerechtes Regieren noch schwerer. Und viele Regierende geben ein hundsmiserables Bild ab.

Heute sind wir gefordert. Viele ziehen schon den Vergleich mit der Endzeit der Weimarer Republik. Und das reicht nicht mal. Rund um den Erdball ist die Demokratie angeschlagen: in den USA, in der Türkei in Brasilien, in Polen und Ungarn. Oder sie wird im Keime erstickt, wie in den arabischen Staaten. Aber die Gefahr von rechts ist erst noch eine Tendenz, kein Trend, ist Bedrohung, nicht Schicksal.

Wir müssen uns gegen die schleichende Unterwanderung der Zivilgesellschaft zur Wehr setzen. Die unselige Kultur des „Man wird doch noch sagen dürfen.“ verschiebt die Grenzen des Anstands, der Menschenwürde, des demokratischen Konsens.

Ergebnis des Nachdenkens über den 8. Mai 1945:

  1. Wir nehmen uns ein Beispiel. In Hongkong, in arabischen Staaten, in Chile, Russland, Iran gehen die jungen Leute auf die Straße und riskieren Folter, Haft, ihr Leben. Und wir stehen untätig daneben? Zu faul zum Demonstrieren, zu faul zum Wählen? Das kostbare Geschenk der Freiheit unausgepackt liegen lassen?
  2. Wir passen auf. Freiwillige Feuerwehr, Vereine, Jugendarbeit, Gewerkschaften, Kirchen, Soldaten und Polizisten: überall tauchen die Rechten auf, mal als völkische Kapitalismuskritiker, mal als Anwälte der kleinen Leute, mal als „Stimme der Vernunft in der Klimahysterie“.
  3. Wir mischen uns ein. Überall da, wo Demokratiehasser ihre Stimme gegen die Menschenwürde erheben, wo sie gleiches Recht für alle bekämpfen. Oder wo jemand fahrlässigerweise ihre Parolen nachplappert. Es muss wieder modern werden, sich als Demokrat und zu den Menschenrechten zu bekennen! Man muss ja nicht gleich (wie 1848) nur noch mit schwarz-rot-goldenen Regenschirmen rumlaufen.

 

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