(Meinung). Das Projekt Hängebrücke ist kein Selbstläufer. Weniger als beim Gefängnis, weniger auch als beim Testturm gibt es dennoch Kritik an der geplanten Brücke. Und im Gegensatz zu den beiden anderen Projekten gibt es bei der Hängebrücke eine ganz grundsätzliche Frage: Muss die überhaupt sein?

Nichts gegen Veränderung, gegen ein weiteres Rottweiler Alleinstellungsmerkmal. Nichts gegen einen Touristenmagneten. Vielleicht ist es ja tatsächlich so: Die Brücke würde das Zusammenspiel zwischen Turm und Innenstadt erst ermöglichen. Sie würde den Solitär auf dem Berner Feld erst auf eine ganz spannende Weise mit Rottweil verbinden. Rottweil könnte erst durch die Brücke vom Turm profitieren. Touristisch und wirtschaftlich.

Andererseits ist das mit Lasten verbunden. Die Brücke ist keine Busverbindung. Sie wird wohl tausende Besucher anlocken, die den ruhig gelegenen Bockshof bevölkern – manche sehen ihn schon entweiht. Die Brücke wird Infrastruktur brauchen. Und die Bereitschaft der Bürger – der Anwohner, der Einzelhändler, der Gastronomen -, die Begleiterscheinungen des Rottweiler Rekordbauwerks nicht nur zu ertragen, sondern sich diese auch zunutze zu machen. 

Ob man nun eine chaotische, vermüllte Parkanlage fürchtet oder den Andrang Auswärtiger auf der Suche nach Unterhaltung. Ob man ums Stadtbild bangt oder um seine sonntägliche Ruhe, nicht nur als Nachbarn, sondern auch als Stadtpfarrerin im Hinblick auf die Predigt. Oder ob man einfach die Welt und die Verwaltung nicht mehr versteht, weil sie mit viel Geld jüngst erst eine innerstädtische Brücke gegen Suizide abzusichern versucht hat und nun eine neue Einladung an Lebensmüde aufhängen lassen will – es gilt, diese Argumente der Gegner zu hören.

Ob man nun um Rottweils Zukunft fürchtet, wenn die Stadt nicht offen auch für ein ungewöhnliches Projekt ist. Ob man glaubt, dass ohne die Brücke der Touristenstrom zum Turm an Rottweil vorbei ziehen würde, oder ob man einfach dieses Geschenk, das der Stadt in den Schoß gefallen ist, gerne annehmen möchte – es gilt, auch diese Argumente der Befürworter zu hören. 

Am Ende gilt es, die Argumente gegeneinander abzuwägen und eine Entscheidung zu treffen. Nur – wer soll abwägen und entscheiden?

Der Gemeinderat? Weil er dafür da ist? Die Grünen meinen, dass das nicht genüge. Zu komplex die Aufgabe, die über die bloße Entscheidung hinaus gehe. Vielmehr müssten die Folgen des Brückenbaus identifiziert und in die Planung einbezogen werden.

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Ein Runder Tisch also, ein um weitere Bürger erweiterter Gemeinderat. Das soll aus Sicht der Grünen die Lösung sein. Das ist ein guter Vorschlag, denn ein Runder Tisch kann die Aufgabenstellung sicher umfassender angehen.

Und dennoch greift der Vorschlag zu kurz. Warum sollten die Ergebnisse des Runden Tisches nur die Grundlage für einen Gemeinderatsbeschluss sein? Warum nennen wir den Runden Tisch nicht gleich Begleitgruppe und machen deren Ergebnisse zur Basis eines Bürgerentscheids? Genau so hat es beim Gefängnis schon geklappt. Die Fragestellung diesmal: „Soll zwischen dem Berner Feld und der Rottweiler Innenstadt mittels einer Hängebrücke eine Verbindung geschaffen werden?“ Wie beim Gefängnis werden die Unterlegenen des Entscheids diesen sicher leichter akzeptieren als einen klassischen Gemeinderatsbeschluss. 

Der Termin des Baubeginns an der Brücke im Frühjahr 2017 wäre natürlich nicht haltbar. Aber dieser Zeitplan gilt ohnehin als eher ehrgeizig und von einer solchen Geschwindigkeit fühlten sich manche sicher überrumpelt.

Vielleicht kommt die Brücke dann ein Jahr später. Dafür aber von der Mehrheit der Rottweiler Bürger getragen. 

Übrigens: Der Gesetzgeber hat Bauleitpläne und örtliche Bauvorschriften dem Bürgerentscheid entzogen. Beides aber sind grundsätzliche, langfristige Planungen. Ein einzelnes Bauprojekt kann sehr wohl Gegenstand eines Bürgerentscheids sein.

Jetzt ist es am Gemeinderat Rottweil. Es wäre ein großzügiges Zeichen an die Bürger, den Entscheid direkt anzugehen. Ihn sich nicht über ein Bürgerbegehren aufzwingen zu lassen.