Für unbefangene Zuhörer sind Gemeinderatssitzungen in Rottweil zuweilen ein zweifelhaftes Vergnügen, vorsichtig formuliert. Da geht es oft genug um Partei- beziehungsweise Fraktions-Egoismen, um Rechthabereien, Eitelkeiten und manchmal auch um Eigeninteressen. Am Mittwochabend war alles anders.

Da entwickelten sich über vier Stunden hinweg kontroverse, lebendige und spannende Diskussionen, in den es immer um die Sache ging. Es war ein respektvolles und redliches Ringen um die beste Lösung. Das ist keine Selbstverständliche in Zeiten von Wutbürgern und Hasskommentaren und persönlichen Beleidigungen oder gar Bedrohungen im Internet, in Zeiten, in denen Anstand, Sitten und Umgangsformen immer mehr verkommen. Und deshalb umso höher zu bewerten.

Es war ein Verdienst aller Beteiligten. Nehmen wir nur die Protagonisten: Günter Posselt (CDU) zum Beispiel plädierte beim Thema Parkhaus in der Bahnhofstraße 1 gegen eine  Variante mit Verlegung der Straße, konzedierte aber gleichzeitig: „Das kann man auch anders sehen.“ Die Freien Wähler, ultimative Vorkämpfer für den Skate-Park, bekräftigten ihren Standpunkt, verzichteten aber auf den bisherigen  Absolutismus. Hermann Breucha erwies sich an diesem Abend einmal mehr als ebenso sachkundig wie sachlich.

Ähnliches gilt für Jürgen Mehl (SPD). Und dann ist da noch Ingeborg Gekle-Maier von den Grünen, vor Jahren von den Bäumen des Bitzwäldle als Gefängnis-Standort kaum herunterzuholen. Mittlerweile gehört sie zu den konstrukivsten und aktivsten Stadträten. Schon diese Entwicklung ist ein Wert an sich. Dann: Rainer Hils (Forum für Rottweil). Er trug seine kritischen Einwände in durchaus aufbauendem Ton vor. Nicht zuletzt OB Broß, der dieses Diskussionsklima durch seine offene Moderation beflügelte.

Es waren stilbildende Lehrstunden der Demokratie, Und die vielen Jugendlichen bekamen nicht nur Anschauungsunterricht geboten, sie spielten auch eine Hauptrolle. Ziemlich einmalig und imponierend, dass sie am Ende klatschten, obwohl sie mit ihrem Anliegen vorerst keinen Erfolg hatten. Deshalb haben auch sie zu diesen Lehrstunden beigetragen.  Sie hatten glaubwürdige Politiker erlebt, auch das ein schwindendes Phänomen.

Es wäre naiv zu glauben, dass sich das jetzt nahtlos fortsetzt. Zumal es auch nur eine Bauausschusssitzung gewesen ist, wenn auch eine stundenlange. Aber vielleicht bleibt doch ein bisschen was hängen von diesem denkwürdigen Abend im Rottweiler Gemeinderat.