Leser­brief zum geplan­ten Gefäng­nis: „Ent­wick­lung und Fort­schritt sind eine gute Sache, wenn man ver­ant­wor­tungs­voll damit umgeht. Wir müs­sen acht­sam mit dem Orga­nis­mus umge­hen, den wir ‚Natur‘ nen­nen. Das Tra­gi­sche ist, dass vie­le Akteu­re in Regie­rung, Stadt­ver­wal­tung und Gemein­de­rat sich des­sen nicht bewusst sind. Sie igno­rie­ren, dass das gigan­ti­sche Bau­vor­ha­ben ‚Groß­ge­fäng­nis‘ am Ran­de des Neckar­tals zwangs­läu­fig zu einer nach­tei­li­gen Reak­ti­on in den geschütz­ten Gebie­ten füh­ren wird.

Es ist mit den Regeln der Nach­hal­tig­keit nicht ver­ein­bar, wenn die Stadt­ver­wal­tung ver­spricht, den mit dem Bau der JVA ver­bun­de­nen Ein­griff in die Natur dadurch zu ‚kom­pen­sie­ren‘, dass durch das Neckar­tal zwi­schen dem ehe­ma­li­gen Rho­dia- Gelän­de und der Neckar­burg ein neu­er Rad­weg gebaut wer­den soll. Man kann nicht einen Scha­den, den man der Natur zufügt, durch einen wei­te­ren Ein­griff in die Natur aus­glei­chen. Das Vor­ha­ben der Stadt­ver­wal­tung dient dem Kon­sum von Natur, nicht ihrem Schutz. Der Hin­ter­ge­dan­ke die­ses Plans ist der Ver­such, Wan­de­rer und Rad­fah­rer von der opti­schen Kata­stro­phe fern­zu­hal­ten, die das Groß­ge­fäng­nis auf dem Esch dar­stel­len wür­de.

Das Neckar­tal zwi­schen Rott­weil und Sulz ist kein Frei­zeit­park, in dem man nach Belie­ben bau­en und asphal­tie­ren kann. Es han­delt sich um ein nach der Fau­na- Flora-Habitat-(FFH)-Richtlinie der Euro­päi­schen Uni­on geschütz­tes Gebiet, das zu dem Schutz­ge­biets­netz Natu­ra 2000 gehört. Der beab­sich­tig­te Bau des Rad­we­ges wür­de gegen euro­päi­sches Recht ver­sto­ßen, da die­ser Plan in dem engen Neckar­tal nur durch mas­si­ve bau­li­che Ein­grif­fe zu rea­li­sie­ren ist. Das Fluss­tal darf in sei­ner natür­li­chen Struk­tur nicht ver­schlech­tert, son­dern nur ver­bes­sert wer­den. Die Natur darf nicht auf dem Altar des Pro­fits geop­fert wer­den! Der Erhalt der natür­li­chen Lebens­grund­la­gen schei­tert oft an unse­rer Gleich­gül­tig­keit oder der Durch­set­zungs­kraft von staat­li­chen oder pri­va­ten Lob­by­is­ten. Der Run auf die Natur setzt sich welt­weit fort. Boden ist wert­voll gewor­den, weil er immer knap­per wird. Inves­to­ren kau­fen land­wirt­schaft­li­che Flä­chen auf. Wer den Boden besitzt, kann irgend­wann die Prei­se für Nah­rungs­mit­tel bestim­men. Wir müs­sen das Esch für die hei­mi­sche Land­wirt­schaft erhal­ten, eben­so die Quel­len, die das Was­ser­werk Neckar­burg spei­sen.

Auf dem Hof­gut Neckar­tal müs­sen aus Natur­schutz­grün­den abends zwei Schein­wer­fer aus­ge­schal­tet wer­den, die eine Reit­an­la­ge für Kin­der beleuch­ten. Mit wel­chem Recht kann man in gerin­ger Ent­fer­nung von den Schutz­ge­bie­ten eine rie­si­ge JVA nächt­lich dau­er­haft anstrah­len? Die­ses Pro­jekt soll nach Mei­nung der Stadt­ver­wal­tung gro­ßen Gewinn erzie­len. Für wen von uns denn? Gera­de im Esch stört das Vor­ha­ben alle: Men­schen, Tie­re und Pflan­zen. Aus die­sem Grund haben über 2000 Rott­wei­ler Bür­ger das Bür­ger­be­geh­ren zum Erfolg geführt. Aus die­sem Grund ist die Rott­wei­ler Bür­ger­schaft auf­ge­ru­fen, am kom­men­den Sonn­tag mit ‚NEIN‘ zu stim­men. Mit Unter­gangs­pro­phe­zei­un­gen für den Jus­tiz­stand­ort ver­sucht die Stadt­ver­wal­tung, den Ein­griff in Land­schaft und Öko­lo­gie zu recht­fer­ti­gen. Aber wir kön­nen und dür­fen den Raub­bau an der Natur und unse­rer Erho­lungs­re­gi­on nicht hin­neh­men. Die­se Natur gehört uns allen. Wir haben sie von unse­ren Vor­fah­ren geerbt und müs­sen sie unse­ren Nach­kom­men erhal­ten. Wir müs­sen end­lich anfan­gen, die Plün­de­rung unse­rer natür­li­chen Res­sour­cen zu stop­pen. Nur eine intak­te Natur garan­tiert den Erhalt unse­rer Lebens­grund­la­gen.“

Eva Kion­ka-Theo­bald, Vil­lin­gen­dorf