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Rottweil
Montag, 24. Februar 2020

Lesermeinung: Hängt Rottweils Zukunft von der Entscheidung für ein Großgefängnis ab?

Leserbrief zum geplanten Gefängnis: „Entwicklung und Fortschritt sind eine gute Sache, wenn man verantwortungsvoll damit umgeht. Wir müssen achtsam mit dem Organismus umgehen, den wir ‚Natur‘ nennen. Das Tragische ist, dass viele Akteure in Regierung, Stadtverwaltung und Gemeinderat sich dessen nicht bewusst sind. Sie ignorieren, dass das gigantische Bauvorhaben ‚Großgefängnis‘ am Rande des Neckartals zwangsläufig zu einer nachteiligen Reaktion in den geschützten Gebieten führen wird.

Es ist mit den Regeln der Nachhaltigkeit nicht vereinbar, wenn die Stadtverwaltung verspricht, den mit dem Bau der JVA verbundenen Eingriff in die Natur dadurch zu ‚kompensieren‘, dass durch das Neckartal zwischen dem ehemaligen Rhodia- Gelände und der Neckarburg ein neuer Radweg gebaut werden soll. Man kann nicht einen Schaden, den man der Natur zufügt, durch einen weiteren Eingriff in die Natur ausgleichen. Das Vorhaben der Stadtverwaltung dient dem Konsum von Natur, nicht ihrem Schutz. Der Hintergedanke dieses Plans ist der Versuch, Wanderer und Radfahrer von der optischen Katastrophe fernzuhalten, die das Großgefängnis auf dem Esch darstellen würde.

Das Neckartal zwischen Rottweil und Sulz ist kein Freizeitpark, in dem man nach Belieben bauen und asphaltieren kann. Es handelt sich um ein nach der Fauna- Flora-Habitat-(FFH)-Richtlinie der Europäischen Union geschütztes Gebiet, das zu dem Schutzgebietsnetz Natura 2000 gehört. Der beabsichtigte Bau des Radweges würde gegen europäisches Recht verstoßen, da dieser Plan in dem engen Neckartal nur durch massive bauliche Eingriffe zu realisieren ist. Das Flusstal darf in seiner natürlichen Struktur nicht verschlechtert, sondern nur verbessert werden. Die Natur darf nicht auf dem Altar des Profits geopfert werden! Der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen scheitert oft an unserer Gleichgültigkeit oder der Durchsetzungskraft von staatlichen oder privaten Lobbyisten. Der Run auf die Natur setzt sich weltweit fort. Boden ist wertvoll geworden, weil er immer knapper wird. Investoren kaufen landwirtschaftliche Flächen auf. Wer den Boden besitzt, kann irgendwann die Preise für Nahrungsmittel bestimmen. Wir müssen das Esch für die heimische Landwirtschaft erhalten, ebenso die Quellen, die das Wasserwerk Neckarburg speisen.

Auf dem Hofgut Neckartal müssen aus Naturschutzgründen abends zwei Scheinwerfer ausgeschaltet werden, die eine Reitanlage für Kinder beleuchten. Mit welchem Recht kann man in geringer Entfernung von den Schutzgebieten eine riesige JVA nächtlich dauerhaft anstrahlen? Dieses Projekt soll nach Meinung der Stadtverwaltung großen Gewinn erzielen. Für wen von uns denn? Gerade im Esch stört das Vorhaben alle: Menschen, Tiere und Pflanzen. Aus diesem Grund haben über 2000 Rottweiler Bürger das Bürgerbegehren zum Erfolg geführt. Aus diesem Grund ist die Rottweiler Bürgerschaft aufgerufen, am kommenden Sonntag mit ‚NEIN‘ zu stimmen. Mit Untergangsprophezeiungen für den Justizstandort versucht die Stadtverwaltung, den Eingriff in Landschaft und Ökologie zu rechtfertigen. Aber wir können und dürfen den Raubbau an der Natur und unserer Erholungsregion nicht hinnehmen. Diese Natur gehört uns allen. Wir haben sie von unseren Vorfahren geerbt und müssen sie unseren Nachkommen erhalten. Wir müssen endlich anfangen, die Plünderung unserer natürlichen Ressourcen zu stoppen. Nur eine intakte Natur garantiert den Erhalt unserer Lebensgrundlagen.“

Eva Kionka-Theobald, Villingendorf

 

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