Tausende interessiert die Nachricht an sich: Rottweil könnte eine Fußgängerbrücke bekommen vom ThyssenKrupp-Aufzugtestturm zur Innenstadt. Viele haben sofort eine Meinung dazu, einige finden das Projekt spannend, andere aber lachen symbolisch Tränen über den Ideengeber und die Idee, halten sie für Satire und einen „Fall für Mario Barth“. Und viele kommen gleich mit dem Knüppel: Die dann längste Fußgängerhängebrücke der Welt, die werde wohl nur zu Selbsttötungen animieren.

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Zunächst zu den Fakten: Es gibt offenkundig einen privaten Investor, der den Hängebrückenbau stemmen soll. Die Stadtverwaltung Rottweil will am Mittwochabend den Gemeinderat darüber in nichtöffentlicher Sitzung informieren, hieß es am Montagabend. Die Brücke diene der Anbindung „des neuen Rottweiler Wahrzeichens“ – des ThyssenKrupp-Aufzugtestturms – „an die Innenstadt mit ihren historischen Schätzen und Sehenswürdigkeiten und soll so dafür sorgen, dass die Besucher des Teststurms auf direktem Weg vom Turm zu den weiteren Attraktionen der ältesten Stadt Baden-Württembergs gelangen können“, so der städtische Pressesprecher, Tobias Hermann in einer am Abend verschickten Erklärung.

Am Donnerstag wollen Oberbürgermeister Ralf Broß, der private Investor und der zuständige Projektentwickler die Öffentlichkeit im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz über Details informieren. Dann wird die NRWZ weitere Details berichten.

Nun zu den Reaktionen: In der Stadthalle haben die Bürger die Nachricht von der möglichen Brücke erstaunt bis wohlwollend aufgenommen. Es gab Applaus als eine erste, spontane Reaktion.

Online geht das anders. Man braucht nur einen Daumen, Profis machen’s mit beiden. Nichts ist auf diese Weise schneller getippt als die eigene Meinung ins Smartphone, das eh immer zur Hand ist. Wie von selbst schaltet der dahinter stehende Geist dann auf Ironie, Sarkasmus, Aggression oder alles zusammen um, in der Vorstellung, besonders zu sein und vielleicht sogar besonders witzig.

Im Falle der Nachricht, dass Rottweil eine Hängebrücke bekommen könnte, die von der Innenstadt zum ThyssenKrupp-Aufzugtestturm führt, läuft das so: Die NRWZ verbreitet die News auch über Facebook, und gleich fragt ein Leser: „Das Fangnetz dazu auch schon geplant?“ Eine andere schreibt: „Und wieviele springen dann dort runter. So ein Blödsinn und Geld-Verschwendung.“ Oder, ein Kommentar mit Sarkasmus, im O-Ton: „Find ich ne super idee dann wird die hochbrücke entlastet!“ Dazu muss man wissen, dass die Rottweiler Hochbrücke jüngst Fangnetze erhalten hat, um Selbsttötungen dort zu verhindern.

Eine Kommentatorin meint knapp: „Selbstmord lässt grüßen.“ Drei Worte, ein Totschlagargument, keine Erklärung. 

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Ausführlicher wird ein Kommentator auf der Seite „Rottweiler Testturm ‚Tower of Light'“. Er schreibt als Antwort auf einen anderen Hinweis auf Suizide: „Mmmmhh … Nun hat man zuerst die B14-Brücke oberhalb vom St.Vinzenz mit Gittern versehen, nun letztes Jahr die Hochbrücke. Dann gab es den Suizid an der Neckarbrücke der Nordumgehung.
Rottweil hat leider eine traurige Tradition, was Suizide angeht. Da schreit eine Hängebrücke förmlich nach weiteren Opfern.“

Was dabei völlig aus dem Blickfeld gerät: Rottweil hat bald die höchste Aussichtsplattform Deutschlands und den höchsten Turm Baden-Württembergs. Um den mit der Innenstadt zu verbinden, ist nicht weniger als die längste Fußgänger-Hängerücke der Welt im Gespräch. Ein weiterer moderner Superlativ in einer Kleinstadt, die bislang von ihrer Tradition und Geschichte lebte. Weitere positive Nachrichten.

Und vielleicht kann man hier mal dem Oberbürgermeister einfach zutrauen, weit genug zu denken. OB Broß hat sich lange Zeit mit der Suizidprävention an der Hochbrücke befassen müssen. Er hat akzeptieren müssen, dass es ihr zum Trotz einen weiteren Toten an diesem Bauwerk gegeben hat.

Broß gilt nicht als euphorisch. Er wird bei einem Mammutprojekt wie dem der dann längsten Fußgängerbrücke der Welt auch unschöne mögliche Begleiterscheinungen mit bedenken. Darauf werden wir uns im Moment verlassen können – zumal sicherlich noch nicht mal ein Bauplan besteht, Architekten und Statiker beteiligt sein werden und noch einige Zeit ins Land gehen wird, bis diese Brücke hängt.

Info: Hilfe für Suizidgefährdete bietet die Telefonseelsorge unter Tel. 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.