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    Schramberg und die Abrissbirne: Gedanken eines Zeitzeugen

    Leserbrief zu "Perle des Spätklassizismus" von Carsten Kohlmann am 13. Januar

    Der Artikel  von Carsten Kohlmann im Schwabo vom 14. Januar über die Villa Haas  hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich bin seit 1967 gern Bürger von Schramberg und ich meine heute, dass jetzt endlich Schluss sein sollte mit dieser blindwütigen Abreisserei.

    Wenn man von Sulgen nach Schramberg fährt, sieht man als erstes in der HAU eine alte  graue Giebelwand mit einer übergrossen Junghans Funkuhren-Antiquität aus den 80er-Jahren. Die Reste der Gebäude in der HAU gehen ja noch. Man hat jedenfalls noch den Eindruck, dass da mal etwas war. Das schönste Gebäude, der Dieselbau – steht noch. Ebenfalls das Halb-Rundhaus, in dem mal ein HAU-Kindergarten war. Das weniger schöne Gebäude, für welches auch eine Menge Gebäude niedergemacht wurden, heisst HAU-Center und wurde gebaut, obwohl es keiner brauchte. Heute gehört es einem Industriellen. Das Museum Erfinderzeiten ist im Wesentlichen in den ehemaligen Musterwerkstätten der HAU untergebrach.. So viel zur HAU, die in ihrer Blütezeit eine eigenständige Uhrenfabrik war. Kurioserweise hatte man in Schramberg keinen Strom für die HAU. Da haben sie eben mit dem grössten Schiffsdiesel der Welt ihren eigenen Strom gemacht. Dafür haben

    wir heute den Dieselbau. Ich hätte das Gebäude mit Inhalt dem Karl Diehl Ende der 80er fast abgekauft. Öl-Konterminierung  im Boden (heute noch?) hat mich glücklicherweise davon abgehalten. Damals gab es den Begriff Denkmalschutz für Junghans in Schramberg  noch nicht. Das hat erst der Roland Bley (+ )Anfang der 90er geschafft.

    Weiter geht es in die Stadt zum Tunnel und von dort aus in die Gaisshalde, dem Haupt-Standort der ehemaligen Firma Junghans (1861- 2008). 2008 war sie Pleite und wurde von einem Schramberger Industriellen übernommen, der sie heute erfolgreich als kleine Armbanduhrenfabrik weiter führt. Damals standen auch noch (fast) alle Gebäude in der Gaisshalde. Das einmalige berühmte „Beamtenbad“, (das war ein kleines Hallenbad, welches den höheren Angestellten vorbehalten war) und den „Treibriemen-Saal“ für Maschinen hat irgendeine Kultur-Banause schon  in den 80ern platt gemacht.

    Das sind unwiederbringbare  Industrie -Architektur-Denkmäler gewesen. Damit war es noch nicht zu Ende mit der Abrissbirne: Anfang April 2016 war ich zufällig in der Gaisshalde und habe live miterlebt, wie das Verwaltungsgebäude, in dem ich 14 Jahre lang tätig war, abgerissen wurde. Ein Bild war damals  in keiner Zeitung. Ich habe meines diesem Artikel angefügt. In der Woche (3/2017)  bin ich wieder dort gewesen und ich musste feststellen, dass weiter gewütet wurde und in der Mitte fast alles platt gemacht wurde. Es steht noch eine uralte Bude, die als Scene 64 genutzt wird und ein Gebäude 50, in dem ein Besen den Schrambergern  Kultur nahebringen will. Das abgerissene Verwaltungs- Gebäude  hätte man, wegen seiner guten Bausubstanz, garantiert einer Neuverwendung zuführen können. Ich habe 14 Jahre in der Gaisshalde gearbeitet.

    Ansonsten stehen noch der alte und der neue Weckerbau, letzterer von Karl Diehl Ende der 60er gebaut und ein paar vergammelter Gebäude. Auf die TERRASSE will ich nicht näher eingehen. Das haben schon schlaue Historiker ausgiebig aus ihrer Sicht behandelt. Die Nachverwendung ist hinreichend bekannt. Hoffen wir, dass alles gut geht. Soweit die alte Firma Junghans, die Stadt  und Stadtbild über ein ganzes Jahrhundert lang geprägt hat. Zugegebenermassen ist dieser Weckerbau nicht mit den VAN NELLE-Gebäuden in Rotterdam vergleich-bar. Aber mit dem richtigen Konzept und den richtigen Leuten kann auch heute wieder etwas Neues entstehen.

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    Neuerdings haben wir ja lauter pensionierte Semester in Schramberg, die urplötzlich Kunst-, Design-und Architektur-Kenner zu sein vorgeben.  Ich habe das übrigens alles einmal studiert. Diese Leute haben vor ein paar Jahren den Abriss des Denkmalwürdigen Berneckbades und die Folgen nicht verhindert. Ebenso wenig  das viel schlimmere Abreissen des alten Postgebäudes  und die Neuverwendung des gewonnenen Geländes als Bank-Gebäude. Davor steht ein Rosthaufen, der auch den wenigsten Schrambergern  gefällt.

    Manche denken, dass die gegenüber Café  Brantner aufgestellte  Stahluhr  (seit Wochen defekt) ein HAUSER ist. Sie ist aber so wenig von Hauser als auch von Max Bill. Wer sollte das heute noch merken? Ich muss nochmals zum Artikel des Carsten Kohlmann kommen: Der erwähnte Stadtplaner  war, zumindest damals dabei, als es darum ging, die Haas-Villa für die Volksbank abzureissen. Heutige Bekenntnisse, so etwas wieder aufbauen zu wollen, zeugen von städtebaulicher Ahnungslosigkeit. Eines ist aber sicher: Beschlüsse zum Abriss wertvoller städtebaulicher Gebäude, werden nicht allein vom jeweiligen OB beschlossen, sondern zusammen mit dem ihn umgebenden Stadtrat. Heute  kann man „postfaktisch“ auf schwäbisch sagen: Was HEE ISCH, IS HEE:

    Abschliessend noch etwas Positives: Folgende Gebäudlichkeiten (Schweijk) sind bis heute noch nicht der Abrissbirne  anheim-gefallen: Das Kino am Paradiesplatz und das gegenüberliegende Paradies-Gebäude , der Bruckbäck, der Schraivogel, der Bärensaal, die  Karl-Diehl-Halle, das Parkhotel, und das Gut Berneck, sowie der Dieselbau.

    Noch nicht: Das Krankenhaus, welches in den letzten fünf Jahren eine  typisch Schramberger Vita aufweisen konnte. Das  hatte  bis zum heutigen Tag auch keiner zu verantworten. Darüber hinaus gibt es jedoch noch über ein Duzend  historischer Gebäude, die noch stehen und auch genutzt werden, wie z.B. das  Schloss mit dem Stadt-Museum und einige Majolika-Gebäude, die ebenfalls eine neue Nutzung erfahren durften. Auch die drei Moser-Villen stehen noch! Schlimm wird es nur dann, wenn in  Zukunft  „Neu-Historiker“ ihre Kenntnisse bei Carsten Kohlmann im Stadt-Archiv abholen müssen und  dann ihre eigene „Story“ daraus  machen.

    WIE SIEHT DIE ZUKUNFT AUS?

    Eines gebe ich noch den künftigen „Stadtplanern“ zu bedenken: Im Herbst 2017, also noch in diesem Jahr – soll in der denkmal-geschützten Terrasse in der Gaisshalde ein Super-Museum entstehen. Bauherr ist Herr Dr.-Ing. Hans-Jochem Steim. Ich kenne die  Ziele des Herrn Steim noch nicht, kann mir aber denken, dass da endlich Uhren zu Uhren kommen und  die  schlussendlich auch in  e i n e m  Museum in Schramberg konzentriert gezeigt werden sollen. Mal  sehen, ob ich da richtig  liege.

    Ich gebe zu bedenken, dass es nicht mit einem neuen und auch bestimmt guten Museum getan sein wird. Denken Sie daran, dass auch die Stadt Schramberg sich als solche repräsentiert. Besonders auch, weil sie im Jahr 2017  150 Jahre alt wird. Wenn aber  fremde Besucher heute die  ehemals grösste Uhrenfabrik des Kontinents sehen, denken sie in der Gaisshalde zunächst an einen Bombenangriff, von dem Schramberg gottseidank im Weltkrieg (2) verschont blieb. Trotz, oder gerade weil man in Schramberg  für die Rüstung  produzierte.

    Man muss die Stadt Schramberg  nicht schlechter  reden, als sie ist. Aber in Anbetracht der grossen Vorhaben noch in diesem Jubiläumsjahr, sollten die Verantwortlichen und die vorher erwähnten pensionierten Geschichts-Spezialisten sich schleunigst mit den verantwortlichen Leuten zusammensetzen und Nägel mit Köpfen machen – und keine Stecknadeln.

    Udo Schultheiss,  langjähriger Chef-Designer bei Junghans bis 2008, Schramberg

     

     

     

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