Abriss an der Geisshalde Foto: privat

Der Arti­kel  von Cars­ten Kohl­mann im Schw­abo vom 14. Janu­ar über die Vil­la Haas  hat mich sehr nach­denk­lich gemacht. Ich bin seit 1967 gern Bür­ger von Schram­berg und ich mei­ne heu­te, dass jetzt end­lich Schluss sein soll­te mit die­ser blind­wü­ti­gen Abreisserei.

Wenn man von Sul­gen nach Schram­berg fährt, sieht man als ers­tes in der HAU eine alte  graue Gie­bel­wand mit einer über­gros­sen Jung­hans Funk­uh­ren-Anti­qui­tät aus den 80er-Jah­ren. Die Res­te der Gebäu­de in der HAU gehen ja noch. Man hat jeden­falls noch den Ein­druck, dass da mal etwas war. Das schöns­te Gebäu­de, der Die­sel­bau – steht noch. Eben­falls das Halb-Rund­haus, in dem mal ein HAU-Kin­der­gar­ten war. Das weni­ger schö­ne Gebäu­de, für wel­ches auch eine Men­ge Gebäu­de nie­der­ge­macht wur­den, heisst HAU-Cen­ter und wur­de gebaut, obwohl es kei­ner brauch­te. Heu­te gehört es einem Indus­tri­el­len. Das Muse­um Erfin­der­zei­ten ist im Wesent­li­chen in den ehe­ma­li­gen Mus­ter­werk­stät­ten der HAU unter­ge­brach.. So viel zur HAU, die in ihrer Blü­te­zeit eine eigen­stän­di­ge Uhren­fa­brik war. Kurio­ser­wei­se hat­te man in Schram­berg kei­nen Strom für die HAU. Da haben sie eben mit dem gröss­ten Schiffs­die­sel der Welt ihren eige­nen Strom gemacht. Dafür haben

wir heu­te den Die­sel­bau. Ich hät­te das Gebäu­de mit Inhalt dem Karl Diehl Ende der 80er fast abge­kauft. Öl-Kon­ter­mi­nie­rung  im Boden (heu­te noch?) hat mich glück­li­cher­wei­se davon abge­hal­ten. Damals gab es den Begriff Denk­mal­schutz für Jung­hans in Schram­berg  noch nicht. Das hat erst der Roland Bley (+ )Anfang der 90er geschafft.

Wei­ter geht es in die Stadt zum Tun­nel und von dort aus in die Gaiss­hal­de, dem Haupt-Stand­ort der ehe­ma­li­gen Fir­ma Jung­hans (1861- 2008). 2008 war sie Plei­te und wur­de von einem Schram­ber­ger Indus­tri­el­len über­nom­men, der sie heu­te erfolg­reich als klei­ne Arm­band­uh­ren­fa­brik wei­ter führt. Damals stan­den auch noch (fast) alle Gebäu­de in der Gaiss­hal­de. Das ein­ma­li­ge berühm­te „Beam­ten­bad“, (das war ein klei­nes Hal­len­bad, wel­ches den höhe­ren Ange­stell­ten vor­be­hal­ten war) und den „Treib­rie­men-Saal“ für Maschi­nen hat irgend­ei­ne Kul­tur-Banau­se schon  in den 80ern platt gemacht.

Das sind unwie­der­bring­ba­re  Indus­trie -Archi­tek­tur-Denk­mä­ler gewe­sen. Damit war es noch nicht zu Ende mit der Abriss­bir­ne: Anfang April 2016 war ich zufäl­lig in der Gaiss­hal­de und habe live mit­er­lebt, wie das Ver­wal­tungs­ge­bäu­de, in dem ich 14 Jah­re lang tätig war, abge­ris­sen wur­de. Ein Bild war damals  in kei­ner Zei­tung. Ich habe mei­nes die­sem Arti­kel ange­fügt. In der Woche (3/2017)  bin ich wie­der dort gewe­sen und ich muss­te fest­stel­len, dass wei­ter gewü­tet wur­de und in der Mit­te fast alles platt gemacht wur­de. Es steht noch eine uralte Bude, die als Sce­ne 64 genutzt wird und ein Gebäu­de 50, in dem ein Besen den Schram­ber­gern  Kul­tur nahe­brin­gen will. Das abge­ris­se­ne Ver­wal­tungs- Gebäu­de  hät­te man, wegen sei­ner guten Bau­sub­stanz, garan­tiert einer Neu­ver­wen­dung zufüh­ren kön­nen. Ich habe 14 Jah­re in der Gaiss­hal­de gearbeitet.

Ansons­ten ste­hen noch der alte und der neue Wecker­bau, letz­te­rer von Karl Diehl Ende der 60er gebaut und ein paar ver­gam­mel­ter Gebäu­de. Auf die TERRASSE will ich nicht näher ein­ge­hen. Das haben schon schlaue His­to­ri­ker aus­gie­big aus ihrer Sicht behan­delt. Die Nach­ver­wen­dung ist hin­rei­chend bekannt. Hof­fen wir, dass alles gut geht. Soweit die alte Fir­ma Jung­hans, die Stadt  und Stadt­bild über ein gan­zes Jahr­hun­dert lang geprägt hat. Zuge­ge­be­ner­mas­sen ist die­ser Wecker­bau nicht mit den VAN NEL­LE-Gebäu­den in Rot­ter­dam ver­gleich-bar. Aber mit dem rich­ti­gen Kon­zept und den rich­ti­gen Leu­ten kann auch heu­te wie­der etwas Neu­es entstehen.

Neu­er­dings haben wir ja lau­ter pen­sio­nier­te Semes­ter in Schram­berg, die urplötz­lich Kunst-, Design-und Archi­tek­tur-Ken­ner zu sein vor­ge­ben.  Ich habe das übri­gens alles ein­mal stu­diert. Die­se Leu­te haben vor ein paar Jah­ren den Abriss des Denk­mal­wür­di­gen Ber­neck­ba­des und die Fol­gen nicht ver­hin­dert. Eben­so wenig  das viel schlim­me­re Abreis­sen des alten Post­ge­bäu­des  und die Neu­ver­wen­dung des gewon­ne­nen Gelän­des als Bank-Gebäu­de. Davor steht ein Rost­hau­fen, der auch den wenigs­ten Schram­ber­gern  gefällt.

Man­che den­ken, dass die gegen­über Café  Brant­ner auf­ge­stell­te  Stahl­uhr  (seit Wochen defekt) ein HAUSER ist. Sie ist aber so wenig von Hau­ser als auch von Max Bill. Wer soll­te das heu­te noch mer­ken? Ich muss noch­mals zum Arti­kel des Cars­ten Kohl­mann kom­men: Der erwähn­te Stadt­pla­ner  war, zumin­dest damals dabei, als es dar­um ging, die Haas-Vil­la für die Volks­bank abzu­reis­sen. Heu­ti­ge Bekennt­nis­se, so etwas wie­der auf­bau­en zu wol­len, zeu­gen von städ­te­bau­li­cher Ahnungs­lo­sig­keit. Eines ist aber sicher: Beschlüs­se zum Abriss wert­vol­ler städ­te­bau­li­cher Gebäu­de, wer­den nicht allein vom jewei­li­gen OB beschlos­sen, son­dern zusam­men mit dem ihn umge­ben­den Stadt­rat. Heu­te  kann man „post­fak­tisch“ auf schwä­bisch sagen: Was HEE ISCH, IS HEE:

Abschlies­send noch etwas Posi­ti­ves: Fol­gen­de Gebäud­lich­kei­ten (Schwei­jk) sind bis heu­te noch nicht der Abriss­bir­ne  anheim-gefal­len: Das Kino am Para­dies­platz und das gegen­über­lie­gen­de Para­dies-Gebäu­de , der Bruck­bäck, der Schrai­vo­gel, der Bären­saal, die  Karl-Diehl-Hal­le, das Park­ho­tel, und das Gut Ber­neck, sowie der Dieselbau.

Noch nicht: Das Kran­ken­haus, wel­ches in den letz­ten fünf Jah­ren eine  typisch Schram­ber­ger Vita auf­wei­sen konn­te. Das  hat­te  bis zum heu­ti­gen Tag auch kei­ner zu ver­ant­wor­ten. Dar­über hin­aus gibt es jedoch noch über ein Duzend  his­to­ri­scher Gebäu­de, die noch ste­hen und auch genutzt wer­den, wie z.B. das  Schloss mit dem Stadt-Muse­um und eini­ge Majo­li­ka-Gebäu­de, die eben­falls eine neue Nut­zung erfah­ren durf­ten. Auch die drei Moser-Vil­len ste­hen noch! Schlimm wird es nur dann, wenn in  Zukunft  „Neu-His­to­ri­ker“ ihre Kennt­nis­se bei Cars­ten Kohl­mann im Stadt-Archiv abho­len müs­sen und  dann ihre eige­ne „Sto­ry“ dar­aus  machen.

WIE SIEHT DIE ZUKUNFT AUS?

Eines gebe ich noch den künf­ti­gen „Stadt­pla­nern“ zu beden­ken: Im Herbst 2017, also noch in die­sem Jahr – soll in der denk­mal-geschütz­ten Ter­ras­se in der Gaiss­hal­de ein Super-Muse­um ent­ste­hen. Bau­herr ist Herr Dr.-Ing. Hans-Jochem Steim. Ich ken­ne die  Zie­le des Herrn Steim noch nicht, kann mir aber den­ken, dass da end­lich Uhren zu Uhren kom­men und  die  schluss­end­lich auch in  e i n e m  Muse­um in Schram­berg kon­zen­triert gezeigt wer­den sol­len. Mal  sehen, ob ich da rich­tig liege.

Ich gebe zu beden­ken, dass es nicht mit einem neu­en und auch bestimmt guten Muse­um getan sein wird. Den­ken Sie dar­an, dass auch die Stadt Schram­berg sich als sol­che reprä­sen­tiert. Beson­ders auch, weil sie im Jahr 2017  150 Jah­re alt wird. Wenn aber  frem­de Besu­cher heu­te die  ehe­mals gröss­te Uhren­fa­brik des Kon­ti­nents sehen, den­ken sie in der Gaiss­hal­de zunächst an einen Bom­ben­an­griff, von dem Schram­berg gott­sei­dank im Welt­krieg (2) ver­schont blieb. Trotz, oder gera­de weil man in Schram­berg  für die Rüs­tung  produzierte.

Man muss die Stadt Schram­berg  nicht schlech­ter  reden, als sie ist. Aber in Anbe­tracht der gros­sen Vor­ha­ben noch in die­sem Jubi­lä­ums­jahr, soll­ten die Ver­ant­wort­li­chen und die vor­her erwähn­ten pen­sio­nier­ten Geschichts-Spe­zia­lis­ten sich schleu­nigst mit den ver­ant­wort­li­chen Leu­ten zusam­men­set­zen und Nägel mit Köp­fen machen – und kei­ne Stecknadeln.

Udo Schult­heiss,  lang­jäh­ri­ger Chef-Desi­gner bei Jung­hans bis 2008, Schramberg