Mit gro­ßem Befrem­den  erfuhr ich von der nächt­li­chen Abschie­bung eines Soma­li­ers, der seit sie­ben Mona­ten in Lau­ter­bach leb­te. Ich ken­ne die­sen jun­gen Men­schen per­sön­lich, der sich durch die Bereit­schaft für eine offe­ne Zusam­men­ar­beit und Unter­stüt­zung, ins­be­son­de­re durch die Dol­met­scher­diens­te gera­de auch für ara­bisch spre­chen­de Fami­li­en, mehr als ver­dient gemacht hat. 

Eine Ein­la­dung zur Bera­tung für ein Fach­kräf­te-Pro­gramm für Flücht­lin­ge bei der Agen­tur für Arbeit am 10. April konn­te der  Flücht­ling nicht mehr wahr­neh­men. Man hat ihn vor­her abge­scho­ben! Den Paten und ehren­amt­li­chen Hel­fern vor Ort, die kei­ne Mühe und Ein­satz gescheut hat­ten, war es zu ver­dan­ken, dass das Leben die­ses Men­schen, der schick­sals­haf­te und trau­ma­ti­sche Erfah­run­gen hin­ter sich hat­te, eine so wün­schens­wer­te Ent­wick­lung genom­men hat, die nun  plötz­lich abbricht.

Ich erin­ne­re dar­an, mit welch gro­ßem Enga­ge­ment auch die gesam­te Gemein­de Lau­ter­bach eine Will­kom­mens­par­ty gestal­tet und ein Zei­chen gesetzt hat, dass Flücht­lin­ge und Asyl­be­wer­ber will­kom­men sind. Ja, es gibt Abschie­bun­gen, die nach ent­spre­chen­der Prü­fung und vor­he­ri­ger Ankün­di­gung auch voll­zo­gen wer­den müs­sen. Die Rechts­la­ge des jun­gen Soma­li­ers aber war zum dama­li­gen Zeit­punkt noch unklar, ein Ermes­sens­spiel­raum der Behör­den über die Vor­ge­hens­wei­se in jedem Fal­le gege­ben. Es hat Sys­tem, dass an irgend­ei­nem Schreib­tisch ein Mensch über das Schick­sal eines ande­ren mit einem ein­zi­gen Feder­strich ent­schei­det, ohne den ande­ren jemals zu Gesicht bekom­men zu haben.

Aus eige­ner Erfah­rung ist mir bekannt, wie vie­le Gesprä­che, Begeg­nun­gen, Ein­la­dun­gen nötig sind, um Ver­trau­en und  eine Bezie­hung zu die­sen  see­lisch oft tief ver­wun­de­ten Men­schen auf­zu­bau­en. Wie muss die­se nächt­li­che Akti­on von den Mit­be­woh­nern (zehn Men­schen leben in einer Woh­nung mit drei Zim­mern!) erlebt wor­den sein? In wel­che Situa­ti­on und viel­leicht auch Gewis­sens­kon­flik­te wer­den Poli­zei­be­am­te gebracht, die  Anwei­sun­gen einer nicht aus­ge­reif­ten poli­ti­schen Geset­zes­la­ge aus­füh­ren müs­sen? Sind wir schon so weit, dass wir nur noch Geset­zen die­nen und nicht die Geset­ze den Men­schen? Was ist, wenn die Ehren­amt­li­chen vor Ort aus Frust und nach­voll­zieh­ba­rer Ent­täu­schung sich aus ihrer Tätig­keit zurück­zie­hen?

So kann, fürch­te ich, eine mit viel Herz­blut auf­ge­bau­te  Will­kom­mens­kul­tur in kür­zes­ter Zeit zer­schla­gen wer­den. Wir haben die Ver­ant­wor­tung, eine Geset­zes­la­ge zu schaf­fen, die eine solch men­schen­un­wür­di­ge Vor­ge­hens­wei­se aus­schließt.  

Hans Kurt Ren­nig, Schen­ken­zell