Kurt Georg Kie­sin­ger, der frü­he­re Bun­des­kanz­ler und Minis­ter­prä­si­dent, adel­te sie als Nar­ren-Aris­to­kra­ten. In die­ser Aner­ken­nung schwingt auch ein Schuss Iro­nie mit. An die­sem Wochen­en­de tref­fen sie sich nach vier Jah­ren wie­der zum Hoch­amt der schwä­bisch-ale­man­ni­schen Fas­net: die Zünf­te aus Elzach, Obern­dorf, Über­lin­gen und Gast­ge­ber Rott­weil.

Für die ältes­te Stadt Baden-Würt­tem­bergs, ist es ein his­to­ri­sches Ereig­nis: Sie ist nach 14 Jah­ren und ins­ge­samt erst zum vier­ten Mal Schau­platz und erwar­tet am Sams­tag zum Ster­nen­lauf um 19 Uhr und am Sonn­tag zum Umzug um 14 Uhr rund 2500 Nar­ren und 20.000 Besu­cher.

Sie nen­nen sich Vie­rer­bund, ande­re spre­chen respekt­voll auch von Edel­zünf­ten oder Rebel­len­zünf­ten, aber auch selbst ernann­ter Nar­ren-Adel. Ihnen allen ist die stren­ge Regle­men­tie­rung der Fas­nacht gemein. Wer ihr Selbst­ver­ständ­nis ver­ste­hen will, der muss bei­spiels­wei­se Frank Huber zuhö­ren. „Der Vie­rer­bund”, sagt er, „ist etwas, das einem vor­kommt, als ob es aus der Zeit gefal­len wäre. Ein Ana­chro­nis­mus. Hier spürt man noch den Odem längst ver­gan­ge­ner Tage.” Huber ist gebür­ti­ger Rott­wei­ler, 52 Jah­re alt, im Haupt­be­ruf Pro­fes­sor für Betriebs­wirt­schaft in der Kar­ne­vals-Hoch­burg Mainz und im Ehren­amt Zunftschrei­ber in sei­ner Hei­mat­stadt.

Das Selbst­be­wusst­sein erklärt sich mit dem Allein­stel­lungs­merk­mal, das sich der Vie­rer­bund erkämpft hat. Es war ein lan­ges Rin­gen: Als „Schutz- und Trutz­burg” gegen den über­bor­den­den Kar­ne­val und gegen die Fas­nets­ver­bo­te der Regie­run­gen von Würt­tem­berg und Baden ent­stand im Jahr 1924 die Schwä­bisch-Ale­man­ni­sche Nar­ren­ver­ei­ni­gung. Doch eine „Flut von Neu­auf­nah­men”, eine infla­tio­nä­re Zunah­me von Nar­ren­tref­fen und die Nach­ah­mung his­to­ri­scher Nar­ren­fi­gu­ren durch neue Zünf­te führ­te schon zwölf Jah­re spä­ter zu einem Grund­satz­streit, Vor allem Rott­weil und Vil­lin­gen fühl­ten sich als his­to­ri­sche Grals­hü­ter des Brauch­tums beru­fen. Nur der Krieg ver­hin­der­te Aus­trit­te.

Zum end­gül­ti­gen Bruch kam es im Jahr 1953, als sich der Anschluss der Ver­ei­ni­gung in den Bund Deut­scher Kar­ne­va­lis­ten abzeich­ne­te. Da hör­te für den Rott­wei­ler Nar­ren­meis­ter Edu­ard Vil­lin­ger der Spaß auf: Er erklär­te spon­tan den Aus­tritt sei­ner Zunft. Weni­ge spä­ter zogen Elzach und dann Über­lin­gen nach. So ent­stand zunächst ein „Drei­er­bund”, der im Jahr 1959 in Über­lin­gen demons­tra­tiv sei­nen ers­ten Nar­ren­tag fei­er­te. 1958 hat­te auch Obern­dorf die Ver­ei­ni­gung ver­las­sen und schloss sich 1963 den Rebel­len an. Seit­her trifft sich der Vie­rer­bund im Wech­sel von drei und vier Jah­ren in einer ande­ren Stadt zum Nar­ren­tag.

Einen Son­der­sta­tus sicher­te sich Vil­lin­gen, das 1955 den Aus­tritt erklärt hat­te und beschloss, fort­an die eige­nen Stadt­mau­ern nicht mehr zu ver­las­sen, nicht ein­mal zum Stadt­part­ner Schwen­nin­gen.

Eine Erfolgsgeschichte

Die Besen­wirt­schaf­ten beim Narra­dag in Rott­weil 2017

Der Nar­ren­tag aber wur­de zu einer Erfolgs­ge­schich­te. Er prä­sen­tiert alle drei oder vier Jah­re wie­der die schwä­bisch-ale­man­ni­sche Fas­nacht in all ihrer Urwüch­sig­keit, ihrer Pracht und ihrer Viel­falt. Hier die Rott­wei­ler Weiß­nar­ren, die Feder­a­han­nes, Schant­le, Fran­sen­kleid­le und Röss­le – da die wil­den Schuttig aus Elzach, die vor allem beim Fackel­lauf am Sams­tag­abend ein fas­zi­nie­ren­des Spek­ta­kel bie­ten. Hier die Obern­dor­fer Figu­ren Han­sel, Nar­ro und Schant­le – dort die Über­lin­ger Hän­se­le mit ihren Kar­pat­schen. Auch wenn sich Rott­weil und Obern­dorf ähneln mögen, so sind sie doch im Ver­hal­ten grund­ver­schie­den. Wäh­rend den Rott­wei­ler Nar­ren nach­ge­sagt wird, sie hät­ten zwei Guts­le dabei – eins zum Zei­gen und eins zum sel­ber Essen –, wer­fen die Obern­dor­fer ihre Köst­lich­kei­ten mit offe­nen Hän­den aus. Zum Nar­ren­tag in Rott­weil brin­gen sie, wie Zunft­meis­ter Eber­hard Schmid ankün­digt, 200 Kilo­gramm Scho­ko­la­de und Pra­li­nen, 13. 000 Bre­zeln und vier Ton­nen Oran­gen mit.

Die Elza­cher schlep­pen an die 3000 „Saublo­de­re” her­an, das sind auf­ge­bla­se­ne Schweins­bla­sen, die zur Aus­rüs­tung der rund tau­send Schuttig gehö­ren. Doch das ist nur der Anfang: Für die Fas­net sind wei­te­re 5000 bis 6000 bei den Metz­gern in und um Elzach geor­dert. „Bei uns herrscht Hoch­span­nung”, sagt Tho­mas Land­wehr, der stell­ver­tre­ten­de Zunft­meis­ter.

Bei uns gibt es kein ande­res The­ma”, berich­tet Tho­mas Pross, sein Über­lin­ger Kol­le­ge, und ver­gisst nicht zu erwäh­nen, dass die ers­te Nar­ren­ord­nung der Boden­see-Stadt auf das Jahr 1496 zurück­ge­he und damit eine der ältes­ten Süd­deutsch­lands sei. Die Über­lin­ger hal­ten bis heu­te an den alten Sit­ten fest, und so kommt es, dass nur Män­ner unter das Hän­se­le-Häs schlüp­fen dür­fen. Frau­en mit Mas­ke gibt es nicht, sogar die his­to­ri­sche Figur der Nar­ren­mut­ter (ohne Mas­ke) wird wei­ter­hin von einem Mann dar­ge­stellt.

In Rott­weil haben sie eine Urkun­de von 1310 aus­ge­gra­ben, in der das Wort „Fas­net” erst­mals erwähnt wur­de. Und so hat Zunftschrei­ber Huber eine spe­zi­el­le Stei­ge­rung für das Wort his­to­risch parat. „Vier alt­his­to­ri­sche Zünf­te”, sagt er zum bevor­ste­hen­den Nar­ren­tag, „vier alt­his­to­ri­sche Zünf­te auf einem Platz – das gibt es nur ein­mal.”

Die Schau des Vie­rer­bun­des hat es zu einer sol­chen Attrak­ti­vi­tät gebracht, dass in der Ver­gan­gen­heit immer mehr Tritt­brett­fah­rer ver­sucht haben, mit Sou­ve­nirs Geschäf­te zu machen. Dem haben die vier Zünf­te jetzt einen Rie­gel vor­ge­scho­ben, den Nar­ren­tag in den urschwä­bisch-ale­man­nisch Begriff „Narra­dag” umge­tauft und ihn mar­ken­recht­lich schüt­zen las­sen.

Wir sind bereit”, sagt Frank Huber. Vier Jah­re lang hat sich die Rott­wei­ler Zunft detail­ver­ses­sen vor­be­rei­tet. Jetzt ist es voll­bracht. Ins­ge­samt ste­hen knapp 100 Besen­wirt­schaf­ten bereit und sogar das fast 800 Jah­re alte Schwar­ze Tor, Mono­lith der Rott­wei­ler Fas­net, erstrahlt nach der Sanie­rung in neu­er Hel­lig­keit. Frank hat auch schon vor­ge­sorgt, dass die Gefüh­le nicht zu sehr über­schwap­pen. „Wir ver­fal­len nicht in Glück­s­pa­nik”, sagt er.

Das Programm

Sams­tag
11 Uhr Nar­ren­baum­stel­len Zim­mer­manns­gil­de Über­lin­gen. Ort: Kapel­len­hof. Musik: Tag­wach­ka­pel­le.

15 Uhr Emp­fang des Vie­rer­bun­des. Ort: Kapu­zi­ner (nicht öffent­lich).

19 Uhr: Stern­lauf mit Schuttig­feu­er. Ort: Stadt­mit­te. Ver­lauf: Obern­dorf – Hoch­brü­cke à Hotel zum Ster­nen. Über­lin­gen – Pre­di­ger­kir­che à Hotel zum Ster­nen. Rott­weil – Schwar­zes Tor à Fried­richs­platz. Elzach – Schwar­zes Tor à Schuttig­feu­er auf Haupt­kreu­zung à Fried­richs­platz.

Sonn­tag
09.30 Uhr Nar­ren­mes­se. Ort: Kapel­len­kir­che.

11 Uhr Früh­schop­pen­kon­zert der vier Stadt­ka­pel­len. Ort: Kapu­zi­ner.

14 Uhr Gro­ßer Umzug. Start: Café Herz. Ende: Domi­ni­ka­ner­mu­se­um. Rei­hen­fol­ge: Über­lin­gen, Obern­dorf, Elzach, Rott­weil. „Schluss­akt” mit den vier Stadt­ka­pel­len am Stra­ßen­kreuz.