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Dienstag, 25. Februar 2020

„Irgendwann hatten wir nicht einmal mehr Regenschutzfolien“

Vortrag mit Karin Schmidtke in Deißlingen

DEISSLINGEN (mm) – Karin Schmidtke aus Schenkenzell ist eigentlich Journalistin und Fotografin. Aber kürzlich war sie in Kroatien, um Flüchtlingen zu helfen. Davon erzählte sie im Hotel Hirt in Deißlingen, untermalt von eindrucksvollen Bildern.

Auslöser für die Reise waren auch Fotos: „Ich hab Bilder gesehen von Flüchtlingen, die von der Polizei eingekesselt wurden, da war ein Mann mit blutendem Gesicht und einem Kind auf dem Arm, im Hintergrund Stacheldraht und Tränengas, das konnte ich nicht mit ansehen!“ Also startete sie eine Sammelaktion, bekam jede Menge Spenden: Kleidung, Schuhe, Babynahrung, Hygieneartikel und mehr. Und Geldspenden, so dass auch der gemietete Transporter finanziert war.

„Eigentlich wollte ich mit meinem Auto fahren, aber da hätte ich nie alles reingekriegt!“ Dann die Fahrt Anfang Oktober, nach Opatovac in Kroatien, wo die Flüchtlinge registriert und dann über Ungarn nach Österreich weitergeleitet werden. Erzählte von dehydrierten Babys, von Neugeborenen, „fünf Tage alt, die sind unterwegs geboren worden!“, von einbeinigen Männern, alten Menschen, die stundenlang im Regen stehen mussten, bis sie endlich in die Busse einsteigen mussten, von weinenden, frierenden, durchnässten Menschen, brüllenden Kindern.

„Ich hab ihnen gegeben, was wir hatten, aber irgendwann hatten wir nicht einmal mehr Notfalldecken oder Regenfolien“, da habe sie sich fast geschämt, als sie schließlich in ihren Transporter stieg, um im Trockenen ein wenig zu schlafen.

Von Kindern mit völlig durchnässten Schuhen, denen man keine neuen geben konnte, weil einfach keine mehr da waren. Frische Socken gabs aber, und über die wurden Plastiktüten gezogen, und dann wieder ab in die nassen Schuhe. Was das für ein Gefühl gewesen sei, wenn man endlich einen warmen Kinderstiefel in den Spendenkisten gefunden habe, und dann der zweite fehlte.

Wenn sie einem Flüchtling ein Paar Schuhe gegeben hatte, weil seine total kaputt waren, und dann für den nächsten keine mehr hatte – der auf Flipflops unterwegs war. Erzählte von dem jungen Mann, der seinen Geigenkasten über die gesamte Balkanroute getragen hat, von einem Sportlehrer, der beim Versuch, die fünf Kilometer breite Meerenge zwischen der Türkei und Griechenland zu durchschwimmen beinahe in der rauen See ertrank, schließlich von einem Touristenboot gerettet wurde.

Und von der Kasperlefigur, mit der sie es schaffte, die völlig erschöpften und abgemagerten Kinder zum Lachen zu bringen. Karin Schmidtke folgte dann auf dem Heimweg einem der Flüchtlingszüge, musste feststellen, dass sie auf der Fahrt durch Ungarn nur spärlich von Freiwilligen versorgt werden, der Staat gönnt ihnen da weder Wasser noch Nahrung.

Und traf dann manch einen am Wiener Hauptbahnhof wieder, wo für die Flüchtlinge ein Parkhausdeck eingerichtet wurde. Und wo sich Helfer um sie kümmern, auch um ihre Seele. Ein bemaltes Tuch war zu sehen, auf dem die Kinder malten und schrieben, was ihnen alles unterwegs passiert war, „Wir sind zweimal fast ertrunken“, schreiben da zwei Schwestern, Bilder von Blut und Zerstörung sind zu sehen, aber auch Wünsche nach einem friedlichen Leben.

Tief beeindruckt von all dem beschloss sie, eine weitere Tour zu machen, die startet am Montag. Im Transporter hat sie fast nur Socken und Schuhe, und damit will sie dann dorthin fahren, wo es den Menschen noch schlechter geht als in Kroatien: An die serbisch-mazedonische Grenze. Mit dabei auch einige Tüten voller Schuhe und Socken, die die Besucher ihres Vortrags in Deißlingen gespendet haben.

 

 

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