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Mittwoch, 26. Februar 2020

„Eine gewaltig große Aufgabe“ – Bürgerversammlung zum Flüchtlingsthema in Deißlingen

ROTTWEIL  – Am Donnerstag hatte Deißlingen zur Bürgerversammlung geladen, Thema: Flüchtlinge. Und das lockte viele, die Halle in Laffen war voll besetzt. Auch mit Flüchtlingen.

„Es ist eine gewaltig große Aufgabe!“ so Bürgermeister Ralf Ulbrich einleitend. Einfache Antworten gäbe es nicht, auch wenn manch Stammtischhocker welche parat hätte. Er wolle nichts beschönigen, aber manch fragwürdige These richtigstellen. Dafür hatte er Bernd Hamann, Sozialdezernent des Kreises, geladen, der ursprünglich vorgesehene Redner, Prof. Dr. Werner Mezger, hatte kurzfristig abgesagt.

Ulbrich nannte den Flüchtlingsansturm „die größte Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg“, unsere Gesellschaft werde in zehn Jahren anders aussehen, „wie, das haben wir in der Hand!“ Und er lieferte Zahlen: So seien in den 60er Jahren über eine Million Gastarbeiter gekommen, nach der Maueröffnung und dem Zusammenbruch des Ostblocks 8,5 Millionen Zuwanderer.

„Es ist also bei weitem nicht so, dass wir damit nicht umgehen können!“ Außerdem gingen alle Demographen davon aus, dass Deutschland jährlich eine halbe Million Zuwanderer brauche. Von einer Islamisierung könne man keineswegs sprechen, ging er auf allgegenwärtige Stimmungsmache ein: 60 Prozent der Deutschen seien Christen, 34 Prozent konfessionslos, fünf Prozent Muslime, und bei 1,5 Millionen Flüchtlingen, die mehrheitlich Muslime seien, käme man auf 6,5 Prozent.

Deißlingen habe derzeit Flüchtlinge zwischen drei und 56 Jahren, und denen biete man mehr als vorgeschrieben, also statt 4,5 Quadratmetern acht bis zehn. „Wir haben das als nicht menschenwürdig erachtet!“ Die Flüchtlinge schliefen in Stockbetten und seien dezentral untergebracht, auch wenn das einen größeren Aufwand bedeute. 359 Euro stehen ihnen zu, also zehn Prozent weniger als Hartz 4, dürften von Anfang an Ein-Euro-Jobs bei der Gemeinde machen, manche seien bereits anerkannt und könnten eine richtige Arbeitsstelle antreten.

Alle bekommen intensiven Deutschunterricht, so Ulbrich, da der Spracherwerb das wichtigste für die Integration sei. 40 Ehrenamtliche kümmerten sich neben den Hauptamtlichen um sie, begleiteten, erklärten, hörten zu. „Viele erfahren zum ersten Mal, wie der Alltag bei uns funktioniert.“ Manche wollten bleiben, manche so schnell wie möglich in die Heimat zurück. „Wir fordern von jedem die Akzeptanz unserer Normen und Werte, die sind nicht diskutabel!“ erklärte der Schultes und erhielt dafür Beifall.

Sozialdezernent Hamann beschrieb die Fülle an Arbeit, die er und seine Mitarbeiter derzeit zu erledigen hätten und wie oft sie vor vollendete Tatsachen, also kurzfristig ankommende Busse voller Flüchtlinge, gestellt würden. Anfangs habe er auf Sammelunterkünfte verzichtet, inzwischen fülle man auch solche, weil es nicht mehr anders ginge. Noch brauche man keine Sporthallen zu belegen, doch sei für den Notfall darauf vorbereitet.

Und werde diesbezüglich mit Argusaugen beobachtet: „Sobald jemand mit einem Akkuschrauber in der Nähe einer Sporthalle auftaucht, klingelt bei mir das Telefon!“ Angeblich horrende Mieten für Flüchtlingsunterkünfte zahle er keineswegs, sondern die ortsübliche Miete, also durchschnittlich zehn Euro pro Quadratmeter. „Das sind ja schließlich Steuergelder, und ich muss transparent arbeiten!“ Die größte Herausforderung für den Kreis sind derzeit die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die Heime seien voll, Angebote von Pflegefamilien gebe es, „doch wir müssen da gründlich prüfen!“

Pfarrer Edwin Stier betonte, als Christ habe man die Pflicht, die Flüchtlinge aufzunehmen, und vor allem dürfe man sich nicht aufhetzen lassen. Er würde gern alle Deißlinger Flüchtlinge am Heiligen Abend einladen, „vielleicht können wir zusammen kochen!“ Und Pfarrerin Rose Winkler unterstrich, in den Flüchtlingen müsse man Jesu selbst sehen, so habe er es gefordert. „Wir sollten nicht ängstlich fragen, können wir es schaffen, sondern: Wie können wir es gemeinsam schaffen?“

Bei der Fragerunde wollte eine Bürgerin wissen, ob die Flüchtlinge ihr beim Schneeschippen oder der Gartenarbeit helfen könnten – könnten sie, so Ulbrich – ein Arbeitsverhältnis dürfe das allerdings nicht sein. Teure Handys und eine angeblich höhere Kriminalität waren Themen – „Alle unsre Flüchtlinge haben Handys mitgebracht, sie sind für sie überlebensnotwenig, als Atlas, Übersetzer und die einzige Verbindung zur Heimat!“, so Ulbrich. Und die Polizei könne keine wesentliche Zunahme der Kriminalität feststellen.

Dass manche keine Papiere hätten, liege auch daran, dass die IS gezielt alle Unterlagen ihrer Opfer vernichte, damit diese eben nicht ins Ausland flüchten könnten. Und nein, die Flüchtlinge würden bei Ärzten nicht bevorzugt behandelt, es sei im Gegensatz schwierig, Fachärzte zu finden, die das überhaupt täten, denn manche lehnten das ab. Es sei ein Gerücht, dass Ärzte mehr für die Behandlung von Asylbewerbern bekämen. Und klar sei, dass die wenigsten der Ankommenden eine Ausbildung hätten, die der hiesigen entspräche.

„Das duale Ausbildungssystem gibt es nur bei uns.“ Aber alle hätten Fähigkeiten, manche hätten Berufe gelernt, die es so bei uns gar nicht mehr gebe. Ein informativer Abend, zu dem allerdings nur fünf Prozent der Deißlinger gekommen waren. Daher forderte Pfarrer Stier: „Wir müssen das auch denen sagen, die heute Abend vor dem Fernseher sitzen!“

 

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