SCHRAMBERG  (him) –  Am Diens­tag, 10. Mai hat die IG Metall ihre Warn­streiks in Baden-Würt­tem­berg und auch in Schram­berg fort­ge­setzt. Neben mehr Geld ging es dabei beson­ders um “Tarif­si­cher­heit – und Tarif­bin­dung auf dem Sul­gen“

Aus die­sem Grund hat­te die IG Metall wie­der zu einer Kund­ge­bung vor der Fir­ma Schwei­zer-Elec­tro­nic auf dem Sul­gen auf­ge­ru­fen. Dort for­dert ein Teil der Beleg­schaft seit einem Jahr zuneh­mend mas­siv, dass das Unter­neh­men wie­der Tarif­löh­ne zah­len soll. 1996 war Schwei­zer aus dem Arbeit­ge­ber­ver­band aus­ge­schie­den.

 

Etwa 350 Ver­trau­ens­leu­te, Betriebs­rä­te und Beschäf­tig­te aus den umlie­gen­den Fir­men wie Kern-Lie­bers, Trumpf Laser oder Carl Haas sind gekom­men, aber auch Ver­tre­ter von BBS in Schiltach, Simon in Aich­hal­den, Heck­ler & Koch und Rhein­me­tall Waf­fe aus Obern­dorf, Jung­hans micro­tec aus See­dorf und aus Cal­wer und Freu­den­städ­ter Unter­neh­men neh­men teil. Von Kern-Lie­bers zie­hen die Arbei­ter über die gesperr­te Hei­li­gen­bron­ner Stra­ße zu Schwei­zer. Auch ein Dut­zend Sozi­al­de­mo­kra­ten schwenkt Par­tei­fah­nen und ver­sucht, den Anschluss an die gute alte Zeit, als die SPD noch  d i e  Arbei­ter­par­tei war,  zu fin­den.

Auf einem von einem Trak­tor gezo­ge­nen Wagen hat­ten sich die IG Metall­ver­tre­ter auf­ge­stellt. Pünkt­lich mit den ers­ten Reden beginnt es zu nie­seln. Ste­fan Kirsch­baum, der für Schwei­zer zustän­di­ge Gewerk­schafts­se­kre­tär, begrüßt die „Par­ty­gäs­te“: „Wir haben Spaß und gute Lau­ne und ste­hen des­halb für unse­re For­de­rung fünf Pro­zent mehr Lohn.“ Er geht hart mit dem 0,9-Prozent-Angebot der Arbeit­ge­ber ins Gericht: „Mit Almo­sen las­sen wir uns nicht abspei­sen.“ Wenn die Arbeit­ge­ber sich nicht beweg­ten, dann mache die Gewerk­schaft „noch mehr Par­ty.“

Nach Jahr­zehn­ten ohne Tarif sei es bei der Fir­ma Schwei­zer elec­tro­nic an der Zeit „die­sem Zustand ein Ende zu berei­ten.“ Das Unter­neh­men habe schwie­ri­ge Zei­ten durch­ge­stan­den, nun gehe es aber von Rekord zu Rekord und da „wol­len wir einen fai­ren und ver­bind­li­chen Anteil haben.“

Zur Par­ty gehö­ren „Hei­ße Rote“ vom Grill, Käse­weck­le und Geträn­ke, die die Gewerk­schaft spen­dier­te.

Bern­hard Wein­mann, Schwer­be­hin­der­ten­spre­cher und Ersatz­be­triebs­rat bei Schwei­zer, beklagt, seit 1996 lägen die Löh­ne etwa 20 Pro­zent unter dem Flä­chen­ta­rif­ver­trag. Es gehe aber auch um Alters­teil­zeit und Wei­ter­bil­dung, nicht nur ums Geld.

Mar­kus Kret­sch­mann, stell­ver­tre­ten­der Betriebs­rats­vor­sit­zen­der bei Schwei­zer, wider­spricht dem Schwei­zer-Chef Nico­las Schwei­zer, der von einer klei­nen Grup­pe gespro­chen habe, die für den Tarif kämp­fe Der Orga­ni­sa­ti­ons­grad im Betrieb habe sich seit 2015 ver­fünf­facht. „Der Wunsch, etwas zu ver­än­dern, steigt täg­lich.“ Der wich­tigs­te Punkt sei die „Abschaf­fung der Zwei-Klas­sen-Gesell­schaft im Unter­neh­men.“ Es müs­se wie­der gel­ten: Glei­ches Geld für glei­che Arbeit.

Jugend­ver­tre­ter David Miran­da Antu­nes fürch­tet, dass dem Unter­neh­men die Fach­kräf­te davon lau­fen, wenn der bis­he­ri­ge Zustand bleibt und Doro­thee Diehm, die ers­te Bevoll­mäch­tig­te der IG Metall Freu­den­stadt kün­digt an, „in Kür­ze“ mit Nico­las Schwei­zer zu ver­han­deln. Sie erin­nert an die Fir­ma Homag. Auch dort hät­te die Beleg­schaft wie­der die Tarif­bin­dung durch­ge­setzt, weil sie kei­nen „Bet­tel­gang“ mehr unter­neh­men wol­le.

Fred Zehn­der, Betriebs­rats­chef von Kern-Lie­bers, hat sich von Grill auf den Wagen bege­ben. Er nennt das Arbeit­ge­ber­an­ge­bot von 0,9 Pro­zent ein „Armuts­zeug­nis“: „Wenn die Brü­der das so wol­len, dann machen wir eine Urab­stim­mung und anschlie­ßend Streik.“ Gel­len­de Tril­ler­pfei­fen unter­strei­chen die Kampf­be­reit­schaft der Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen.

Von der IG Metall Bezirks­lei­tung war Jupp Bech­tel aus Stutt­gart gekom­men. Auch er for­dert einen fai­ren Anteil der Arbei­ter und kün­digt an, die Gewerk­schaft wer­de „die nächs­te Stu­fe zün­den“, wenn die Arbeit­ge­ber nicht bis zum nächs­ten Ver­hand­lungs­ter­min ein ver­nünf­ti­ges Ange­bot machen.

Im Pfört­ner­häus­le fragt ein Mit­ar­bei­ter, der nicht an der Kund­ge­bung teil­ge­nom­men hat, den Pfört­ner: „Und? War was los?“ – „Ganz schön laut, hab‘ am Tele­fon fast nix ver­stan­den.“

Nico­las Schwei­zer: „Wir wer­den mit­ein­an­der reden”

Nach Ende der Kund­ge­bung befragt, mein­te Nico­las Schwei­zer, auch er sehe mit Sor­ge, wie bei­de Tarif­par­tei­en sich „sehr hart auf­stel­len. Das war vor drei Jah­ren anders.“

Das Gesprächs­an­ge­bot der IG Metall für die zwei­te Juni Woche wer­de er anneh­men. „Da gibt’s kein Ver­tun.“ Er wer­de sich alles anhö­ren, es sei Auf­ga­be des Manage­ments mit der Beleg­schaft, der Gewerk­schaft und dem Betriebs­rat nach Lösun­gen zu suchen. Die Behaup­tung, Schwei­zer zah­le per se 20 Pro­zent unter Tarif, sei aber „schlicht falsch. Wir zah­len anders, aber nicht schlechter.“Er wer­de eine exak­te Gegen­über­stel­lung der Ver­gü­tun­gen mit den Tarif­grup­pie­run­gen erar­bei­ten las­sen; das sei aber „erst nötig, wenn wir mit der IG Metall in Ver­han­lun­gen tre­ten soll­ten.”

Auch stim­me nicht, dass das nicht-tarif­ge­bun­de­ne Unter­neh­men nach Guts­her­ren­art zah­le: „Den Schuh zie­he ich mir nicht an.“

Nicolas Schweizer. Archiv-Foto: him
Nico­las Schwei­zer. Archiv-Foto: him

Schwei­zer erin­ner­te an die schlech­ten Zei­ten des Unter­neh­mens seit 2005: Bran­chen­kri­se, Brand, Wirt­schafts­kri­se 2009, Ent­las­sun­gen im Jahr 2010. Wenn man über einen sehr lan­gen Zeit­raum immer wie­der Nie­der­schlä­ge erlei­de, dann zeh­re das an den Kräf­ten aller.

Zur gefor­der­ten Rück­kehr zum Tarif­ver­trag meint Schwei­zer: „Wir müs­sen uns anschau­en, ob es Sinn macht oder nicht. Was 1996 rich­tig war, muss 2016 nicht falsch sein.“ Er sei offen für Gesprä­che und wer­de „tun, was für das Unter­neh­men und die Mit­ar­bei­ter rich­tig“ sei.

Auf dem Sul­gen sind Fah­nen und Trans­pa­ren­te ein­ge­rollt, haben sich die Wol­ken kurz ver­zo­gen und die Son­ne scheint zwi­schen­durch.