Asyl: Vom Königsrecht bis Dublin 3

64

Auf Ein­la­dung des „Netz­werks Will­kom­men Schram­berg-Lau­ter­bach refe­rier­te Rechts­an­walt Ull­rich Hahn aus Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen zum The­ma „Asyl in Deutsch­land“ in die Men­sa der Erhard-Jung­hans-Schu­le in Schram­berg.

SCHRAMBERG (pm) — Doro­thee Golm, Koor­di­na­to­rin im Netz­werk, konn­te neben dem Refe­ren­ten zahl­rei­che Besu­cher begrü­ßen, dar­un­ter auch Ober­bür­ger­meis­ter Tho­mas Her­zog aus Schram­berg und Bür­ger­meis­ter Nor­bert Swo­bo­da aus Lau­ter­bach, wie das Netz­werk in einer Pres­se­mit­tei­lung berich­tet.

Ull­rich Hahn ist Ver­trags­an­walt des Deut­schen Roten Kreu­zes für Flücht­lin­ge und Mit­glied der Rechts­be­ra­ter­kon­fe­renz des Ver­tre­ters des Hohen Flücht­lings­kom­mis­sars der UN in Deutsch­land. Hahn begann sei­nen Vor­trag mit einem kur­zen Abriss der Geschich­te des Asyl­rechts. So lägen die Wur­zeln in der Anti­ke, wo sakra­le Orte Schutz vor Ver­fol­gung gebo­ten hät­ten. Das Kir­chen­asyl in heu­ti­ger Zeit knüp­fe an die­se Ursprün­ge an.

Auch sei es das Recht sou­ve­rä­ner Herr­scher gewe­sen, Flücht­lin­gen aus Nach­bar­län­dern Schutz zu gewäh­ren, was spä­ter von den Natio­nal­staa­ten über­nom­men wor­den sei. In unse­rer Zeit sei es der Flücht­ling selbst, der das Recht habe, vor Ver­fol­gung in ande­ren Staa­ten Schutz zu suchen. Die­ses indi­vi­du­el­le Recht auf Schutz habe in der Flücht­lings­kon­ven­ti­on der UN, aber auch in unse­rem Grund­ge­setz in Arti­kel 16 sei­nen Nie­der­schlag gefun­den. Lei­der sei die­ses Grund­recht, in Deutsch­land Schutz vor Ver­fol­gung suchen zu kön­nen, in einem zusätz­li­chen Absatz zu Arti­kel 16 durch das Kon­strukt der ver­fol­gungs­si­che­ren Dritt­staa­ten prak­tisch aus­ge­he­belt wor­den.

Heu­te gel­te in der EU das Dub­lin-III-Ver­fah­ren, das besa­ge, dass das Asyl­ver­fah­ren in dem Staat durch­zu­füh­ren ist, in den ein Flücht­ling in die EU als ers­tes ein­reist. In Deutsch­land wer­de also zuerst der Flucht­weg des Asyl­be­wer­bers über­prüft. Stel­le sich her­aus, dass der Flücht­ling zum Bei­spiel über Ita­li­en in die EU ein­ge­reist ist, bekom­me er in Deutsch­land kein Asyl­ver­fah­ren, son­dern es erfol­ge eine Rück­über­stel­lung nach Ita­li­en.

Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge, kurz BAMF kön­ne in bestimm­ten Fäl­len auch von sei­nem Selbst­ein­tritts­recht Gebrauch machen und das Asyl­ver­fah­ren in Deutsch­land durch­füh­ren, obwohl ein ande­rer Staat eigent­lich zustän­dig wäre. Es sei klar, dass bei der Dub­lin-Rege­lung die Staa­ten an den Außen­gren­zen Euro­pas (Polen, Ungarn, Grie­chen­land, Bul­ga­ri­en, Ita­li­en oder Spa­ni­en) die Haupt­last der Flücht­lin­ge zu tra­gen hät­ten. Das Dub­lin-Ver­fah­ren mache ganz Euro­pa zu einem Ver­schie­be­bahn­hof für Flücht­lin­ge und sei mit einem rie­si­gen, aber inef­fi­zi­en­ten Ver­wal­tungs­auf­wand ver­bun­den. So habe allein Deutsch­land 2014 über 35 000 Dub­lin-Ver­fah­ren durch­ge­führt, jedoch wur­den sald­obe­r­ei­nigt nur etwa 3500 Flücht­lin­ge in ihre Erst­auf­nah­me­län­der rück­über­stellt.

Vie­le Flücht­lin­ge flö­hen nach Deutsch­land, weil in ande­ren euro­päi­schen Staa­ten die Situa­ti­on für sie viel schlech­ter sei. Über eine gewis­se Zeit sei­en des­halb Über­stel­lun­gen in Län­der wie Grie­chen­land oder Bul­ga­ri­en von deut­schen Gerich­ten ver­bo­ten wor­den. All dies zei­ge, dass Dub­lin III geschei­tert sei und in Euro­pa drin­gend eine gerech­te­re Lösung für die Flücht­lings­auf­nah­me und die Durch­set­zung euro­pa­weit ein­heit­li­cher Stan­dards bei Asyl­ver­fah­ren auf die Tages­ord­nung kom­men müss­ten.

Dann ging Ull­rich Hahn auf die Abschot­tung Euro­pas gegen die Flücht­lin­gen ein. Der Kampf gegen die Schlep­per, den neu­lich auch der deut­sche Innen­mi­nis­ter Tho­mas de Maziè­re (CDU) aus­ge­ru­fen habe, hel­fe den Flücht­lin­gen nicht, son­dern mache ihre ver­zwei­fel­te Lage nur noch schwie­ri­ger. Flücht­lin­ge sei­en auf Schlep­per ange­wie­sen, weil die Gren­zen Euro­pas mit hohem Kos­ten­auf­wand immer bes­ser gesi­chert wür­den und des­halb immer schwie­ri­ger zu über­win­den sei­en. In die­sem Zusam­men­hang erin­ner­te Hahn an die Zeit vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung, als west­deut­sche Flucht­hel­fer kei­nes­falls kri­mi­na­li­siert, son­dern eher als Hel­den ange­se­hen wur­den.

Im drit­ten Teil sei­ner Aus­füh­run­gen stell­te Ull­rich Hahn die Grund­zü­ge des Asyl­ver­fah­rens in Deutsch­land vor. In der Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung  stel­len die Flücht­lin­ge ihren Asyl­an­trag, wer­den regis­triert, zu ihrem Flucht­weg befragt und erhal­ten Aus­weis­pa­pie­re. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) ent­schei­det dann, ob das Asyl­ver­fah­ren in Deutsch­land durch­ge­führt wird oder ob der Asyl­su­chen­de auf­grund sei­nes Flucht­wegs als Dub­lin-Flücht­ling ein­zu­stu­fen ist und somit mit sei­ner Rück­über­stel­lung in das Erst­auf­nah­me­land rech­nen muss,

Zen­tra­ler Teil des Asyl­ver­fah­rens ist die Anhö­rung beim BAMF. Hier ent­schei­de es sich, ob ein Flücht­ling  den Asyl- oder Flücht­lings­sta­tus und damit ver­bun­den auch eine zunächst auf drei Jah­re befris­te­te Auf­ent­halts­er­laub­nis in Deutsch­land erhält. Der Flücht­ling muss in die­sem zwei bis drei Stun­den dau­ern­den Inter­view mög­lichst genau und ohne Wider­sprü­che dar­stel­len, dass er bei­spiels­wei­se wegen Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimmt Reli­gi­on, einer poli­ti­schen Grup­pe oder einer bestimm­tem Volks­grup­pe per­sön­lich Ver­fol­gun­gen durch den Staat oder durch ande­re Macht­ha­ber aus­ge­setzt war.

Rechts­an­walt Hahn emp­fiehlt den Flücht­lin­gen mög­lichst früh­zei­tig die eige­ne Ver­fol­gungs- und Flucht­ge­schich­te in allen Ein­zel­hei­ten auf­zu­schrei­ben, damit der Flücht­ling spä­ter bei der  Anhö­rung sei­ne Geschich­te voll­stän­dig erzäh­len kann. Zudem habe das Auf­schrei­ben der eige­nen Ver­fol­gungs­ge­schich­te bei trau­ma­ti­sier­ten Flücht­lin­gen oft einen the­ra­peu­ti­schen Effekt. Man­che Asyl­be­wer­ber war­ten bis zu 18 Mona­ten und län­ger auf die­se wich­ti­ge Anhö­rung, da das Bun­des­amt durch die hohen Zahl der Asyl­an­trä­ge schon seit län­ge­rem über­las­tet ist und zur­zeit vor­ran­gig Asyl­an­trä­ge der Flücht­lin­ge aus den Bal­kan­staa­ten abar­bei­tet. Nach der Anhö­rung lässt sich das Bun­des­amt mit sei­ner Ent­schei­dung zwei Wochen bis sechs Mona­te Zeit, ver­ständ­li­cher­wei­se eine äußerst belas­ten­de Zeit für die Flücht­lin­ge.

Bei der Ableh­nung des Asyl­an­trags kann gegen die­se Ent­schei­dung des Bun­des­amts geklagt wer­den. Hier soll­te, so Hahn, auf alle Fäl­le ein Anwalt ein­ge­schal­tet wer­den, der den Flücht­ling bei die­ser Kla­ge ver­tritt. Abge­lehn­te Asyl­be­wer­ber wer­den auf­ge­for­dert, Deutsch­land frei­wil­lig zu ver­las­sen, und es wird bei Nicht­be­fol­gen die Abschie­bung ange­droht. Abge­lehn­te Asyl­be­wer­ber sind aus­rei­se­pflich­tig und erhal­ten eine Dul­dung, die alle drei oder sechs Mona­te vom Aus­län­der­amt ver­län­gert wird.

Dul­dun­gen zie­hen sich bei abge­lehn­ten Asyl­be­wer­bern oft über Jah­re hin und geben den Flücht­lin­gen kei­ne Sicher­heit, da sie jeder­zeit wider­ru­fen wer­den kön­nen, wenn bei­spiels­wei­se eine Abschie­bung in das Hei­mat­land des Flücht­lings mög­lich wird, weil die dafür not­wen­di­gen Papie­re beschafft wor­den sind. Dage­gen könn­ten soma­li­sche Flücht­lin­ge, so Hahn, zur­zeit gar nicht abge­scho­ben wer­den, weil ein soma­li­scher Staat nicht exis­tie­re, son­dern das Land sich in den Hän­den von War­lords befin­de. Erst nach acht Jah­ren, in Zukunft nach sechs, kön­nen gut inte­grier­te Flücht­lings­fa­mi­li­en, die auch für sich selbst auf­kom­men müs­sen, in Deutsch­land ein dau­er­haf­tes Blei­be­recht erhal­ten.

Dem Vor­trag von Rechts­an­walt Hahn schloss sich eine sehr leb­haf­te Fra­ge­run­de an, bei der die Anwe­sen­den, oft selbst als Ehren­amt­li­che in der Flücht­lings­be­treu­ung tätig, anwalt­li­chen Rat für teil­wei­se recht kniff­li­ge Rechts­si­tua­tio­nen ein­ho­len konn­ten. Netz­werk-Koor­di­na­to­rin Doro­thee Golm bedank­te sich abschlie­ßend bei Ull­rich Hahn für sei­nen beein­dru­cken­den und trotz des kom­ple­xen The­mas recht ein­gän­gi­gen Vor­trag mit einem klei­nen Geschenk.

Diesen Beitrag teilen …