Auf der Flucht

Staatsanwaltschaft sucht ehemaligen Bösinger Fleischwarenfabrikant per Haftbefehl

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(här). Was frü­he­re Ver­trau­te ver­mu­tet haben (wir berich­te­ten), ist jetzt Gewiss­heit: Der ehe­ma­li­ge Fleisch­fa­bri­kant aus Bösin­gen, der eine Gefäng­nis­stra­fe absit­zen soll, ist auf der Flucht.

Er hat sei­ne Haft­stra­fe nicht ange­tre­ten“, sag­te Frank Grund­ke, Spre­cher der Rott­wei­ler Staats­an­walt­schaft, auf Anfra­ge: „Wir gehen davon aus, dass er sich nicht in Deutsch­land auf­hält, son­dern ins Aus­land abge­setzt hat.“ Man wer­de jetzt nach dem 62-Jäh­ri­gen per inter­na­tio­na­len Haft­be­fehl fahn­den, berich­tet Grund­ke. Der Mann hal­te sich zusam­men mit sei­ner geschie­de­nen Ehe­frau „höchst­wahr­schein­lich“ in einem süd­europäischen Land auf.

Mit­te Dezem­ber hat­te der Bun­des­ge­richts­hof die Revi­si­on ver­wor­fen. Damit war das Urteil des Land­ge­richts Rott­weil vom ver­gan­ge­nen Juni gegen den frü­he­ren Chef der Bösin­ger Fleisch­wa­ren wegen Betrugs und Untreue rechts­kräf­tig. Das heißt: Er muss sei­ne Haft­stra­fe von drei Jah­ren und zwei Mona­ten antre­ten. Jetzt ist die Fra­ge, ob die Staats­an­walt­schaft sei­ner hab­haft wird. Bis zur Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs durf­te sich der Unter­neh­mer noch frei bewe­gen, weil das Urteil noch nicht rechts­kräf­tig war und er des­halb als unschul­dig galt.

Seit Mit­te Dezem­ber hat sich die Lage geän­dert. Nach­dem Bea­te Phil­ipp, die für Voll­stre­ckung zustän­di­ge Staats­an­wäl­tin, den frü­he­ren Geschäfts­füh­rer schrift­lich zum Haft­an­tritt auf­ge­for­dert hat­te und wochen­lang kei­ne Rück­mel­dung kam, wur­de er zur Fahn­dung aus­ge­schrie­ben.

Doch der 62-Jäh­ri­ge ist offen­bar nicht gewillt, ins Gefäng­nis zu gehen. Einer, der sei­nen Auf­ent­halts­ort ken­nen müss­te, ist sein Ver­tei­di­ger. Doch Rechts­an­walt Tors­ten-Rolf Kie­ßig aus Vil­lin­gen block­te von Anfang an ab und beton­te auf Anfra­ge mehr­fach: „Ich bin als Ver­tei­di­ger zur Ver­schwie­gen­heit ver­pflich­tet. Und solan­ge ich davon nicht ent­bun­den wer­de, kann ich nichts sagen.“

Alles spricht dafür, dass sich der Mann im Aus­land auf­hält. Mit dabei ist wohl sei­ne Ex-Frau, mit der er offen­bar wie­der zusam­men­lebt. Der letz­te offi­zi­el­le Wohn­ort befand sich nach Anga­ben der Staats­an­walt­schaft in Meck­len­burg-Vor­pom­mern, woher die Frau stammt. Die 52-Jäh­ri­ge war – nach einem Geständ­nis – im April zu einer Bewäh­rungs­stra­fe von 22 Mona­ten ver­ur­teilt wor­den und soll­te sich des­halb regel­mä­ßig bei der Bewäh­rungs­hel­fe­rin mel­den. Im Novem­ber brach der Kon­takt ab.

Das Paar hat­te dem Ver­neh­men nach bereits im Okto­ber die Kof­fer gepackt. Bekann­te berich­ten, die bei­den hät­ten ihr Kon­to abge­räumt, bei Nacht und Nebel die Woh­nung ver­las­sen ohne jeman­den zu infor­mie­ren, sich einen Leih­wa­gen genom­men, sei­en damit zum nächs­ten Flug­ha­fen gefah­ren und mit unbe­kann­tem Ziel abge­flo­gen. Eine Ver­wand­te habe Hals über Kopf aus dem Aus­land anrei­sen müs­sen, um eine pfle­ge­be­dürf­ti­ge Ange­hö­ri­ge, die plötz­lich auf sich allei­ne gestellt war, zu betreu­en.

Der lang­jäh­ri­ge Geschäfts­füh­rer der Bösin­ger Fleisch­wa­ren GmbH (BFW) hat­te im Jahr 2011 Insol­venz für den Fami­li­en­be­trieb anmel­den müs­sen. Im Pro­zess, der bereits im Novem­ber vor dem Land­ge­richt Rott­weil begon­nen hat­te und sich über 23 Ver­hand­lungs­ta­ge erstreck­te, ver­such­te er immer wie­der, die Schuld auch auf sei­ne Mit­ar­bei­ter und den Insol­venz­ver­wal­ter abzu­wäl­zen.

Am Ende stand aller­dings der kla­re Schuld­spruch des Gerichts. Die Gro­ße Straf­kam­mer sah mas­si­ve Buchungs­be­trü­ge­rei­en gegen­über einem Finanz­dienst­leis­ter, Schwarz­ge­schäf­te an der Fir­men­buch­hal­tung vor­bei zu per­sön­li­chen Berei­che­run­gen und die Beschäf­ti­gung einer pri­va­ten Haus­halts­hil­fe auf Fir­men­kos­ten als erwie­sen an. Karl­heinz Mün­zer, der Vor­sit­zen­de Rich­ter, erklär­te am Ende der gut ein­stün­di­gen Urteils­ver­kün­dung: Da kei­ne Flucht­ge­fahr bestehe, wer­de kein Haft­be­fehl erlas­sen.

Bekann­te des Paa­res glaub­ten noch im Dezem­ber, die bei­den sei­en „auf ein Leben im Unter­grund“ nicht vor­be­rei­tet.