Wir schaf­fen das.“ Sagt Bea­te Mau­te. Und sie sagt es auf eine Art, dass sich Wider­spruch ver­bie­tet. Bea­te Mau­te ist Lei­te­rin des Kin­der­gar­tens mit dem gött­li­chen Namen „Him­mel­reich“. Sie stellt sich mit ihren Kol­le­gin­nen und den Ver­ant­wort­li­chen der katho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de einer beson­de­ren Her­aus­for­de­rung: Gemein­sam wol­len sie den Kin­der­gar­ten zu einem „Kin­der- und Fami­li­en­zen­trum“ aus­bau­en. Das ist der neue Trend – und er ist brand­ak­tu­ell.

Schnell den Antrag gestellt

Der Kin­der­gar­ten Him­mel­reich hat sich mit an die Spit­ze der Bewe­gung gesetzt. Es ging alles ziem­lich flott. Erst Mit­te Febru­ar die­ses Jah­res hat­te die damals noch grün-rote Lan­des­re­gie­rung die Idee von Kin­der- und Fami­li­en­zen­tren offi­zi­ell ver­kün­det und Zuschüs­se in Aus­sicht gestellt. Bald ent­schied sich die katho­li­sche Kir­chen­ge­mein­de Rott­weil, einen Antrag für den größ­ten Kin­der­gar­ten der Stadt zu stel­len.

Zwei Drittel der Kinder haben Migrationshintergrund

Ein ent­schei­den­der Grund neben den güns­ti­gen räum­li­chen Vor­aus­set­zun­gen: Von den 140 Kin­dern haben mitt­ler­wei­le zwei Drit­tel einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Durch ein geziel­tes Ange­bot sol­len Flücht­lings­fa­mi­li­en bes­ser ange­spro­chen, ein­be­zo­gen und letzt­lich inte­griert wer­den.

Der Bewil­li­gungs­be­scheid des Lan­des mit einer Zuschuss-Zusa­ge über zunächst 10.000 Euro traf erst Mit­te Okto­ber ein. Jetzt läuft das ambi­tio­nier­te Pro­jekt bereits an. Eine Eltern­ver­samm­lung sei sehr posi­tiv ver­lau­fen, berich­tet Bea­te Mau­te. „Die Eltern sind sehr offen und enga­giert, sie freu­en sich.“ Zum Ein­stieg wird ein Eltern­bis­tro ein­ge­rich­tet, das ganz­tä­gig geöff­net ist und zu einer Begeg­nungs­stät­te in locke­rer Atmo­sphä­re wer­den soll. Schon mor­gens gibt es ein Früh­stücks­an­ge­bot für Kin­der und Eltern. Andre­as Schmöt­zer, der Gesamt­kir­chen­pfle­ger, rech­net bereits in etwa zwei Wochen mit der Fer­tig­stel­lung des Bis­tros. Schritt für Schritt soll dann der Aus­bau zu einem gro­ßen Netz­werk wei­ter­ge­hen.

Das künftige Aufgabenfeld ist umfassend:

  • Eltern sol­len aktiv Bil­dungs- und Ent­wick­lungs­pro­zes­se bei ihren Kin­dern unter­stüt­zen
    Armuts- und Gesund­heits­prä­ven­ti­on
  • Ori­en­tie­rungs­hil­fe für ver­un­si­cher­te Eltern
  • Unter­stüt­zung von Fami­li­en, die von Tren­nung und Schei­dung betrof­fen sind
  • Unter­stüt­zung von Fami­li­en mit Pro­ble­men auf­grund von Flucht oder Migra­ti­on.
  • Unter­stüt­zung bei der Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf. Bei­spiels­wei­se gibt es schon jetzt ein hal­bes Dut­zend fein abge­stimm­te Ange­bo­te ver­schie­de­ner Betreu­ungs­zei­ten, teils halb­tags, teils ganz­tags, teils mit oder ohne Mit­tag­essen.
  • Hin­zu kom­men „nie­der­schwel­li­ge” Ange­bo­te, das heißt, dass The­ra­peu­ten, Kin­der­ärz­te oder das Jugend­amt Sprech­stun­den im Haus anbie­ten.

Aufbruchstimmung im Himmelreich

Es herrscht Auf­bruch­stim­mung im Him­mel­reich, einem Kin­der­gar­ten, der 1929 gebaut wur­de und damit einer der tra­di­ti­ons­reichs­ten in Rott­weil ist. „Es ist sehr viel Arbeit, aber wir sind sehr moti­viert und freu­en uns auf die Her­aus­for­de­run­gen“, sagt Bea­te Mau­te über sich und ihre Kol­le­gin­nen. „Wir besu­chen lau­fend schon Fort­bil­dun­gen.“ Die Start­be­din­gun­gen könn­ten kaum bes­ser sein: „Das Haus wur­de gera­de erst umge­baut und moder­ni­siert, die Kir­che unter­stützt uns, wir sind sehr gut besetzt“, erklärt die Lei­te­rin, die von Betreu­ungs­auf­ga­ben frei­ge­stellt ist. „Das heisst aber nicht, dass ich den gan­zen Tag im Büro sit­ze“, betont sie, „ich sprin­ge gern ein und will wei­ter­hin mit den Kin­dern arbei­ten. Sonst hät­te ich die­sen Beruf nicht erler­nen brau­chen.“

Kinder aus zehn Nationen

Kin­der aus zehn ver­schie­de­nen Natio­nen wer­den inzwi­schen im Him­mel­reich betreut: Deutsch­land, Syri­en, Irak, Tür­kei, Polen, Grie­chen­land, Argen­ti­ni­en, Togo, Kroa­ti­en und Russ­land. Pro­ble­me unter­ein­an­der hät­ten sie nicht, sagt Bea­te Mau­te, ganz im Gegen­teil: „Die Kin­der gehen, ganz anders als Erwach­se­ne, sehr unbe­fan­gen mit­ein­an­der um. Es gibt kei­ne Sprach­bar­rie­ren. Für Freund­schaf­ten sind per­sön­li­che Sym­pa­thi­en ent­schei­dend, da ist es nor­mal, dass sich Kin­der aus Län­dern mit unter­schied­li­chen Kul­tu­ren gut ver­ste­hen.“

Der Kin­der­gar­ten Him­mel­reich wer­de auch wei­ter­hin nach dem „offe­nen Kon­zept“ arbei­ten“, sagt die Lei­te­rin. Das bedeu­te, dass es zwar sechs Grup­pen gebe, dass sich die Kin­der aber offen im gan­zen Haus bewe­gen könn­ten, dass man sie nach per­sön­li­chen Inter­es­sen för­dert, dass man ihnen trotz kla­rer Regeln gro­ßes Ver­trau­en schen­ke. Vor allem: „Wir möch­ten mit und von den Kin­dern ler­nen“, sagt Bea­te Mau­te.
Das hat sich ein­ge­spielt, der Umbau zum Kin­der- und Jugend­zen­trum wird ein Mara­thon-Pro­zess. Drei bis fünf Jah­re sind ver­an­schlagt, um alle Anfor­de­run­gen umzu­set­zen.

Info: Die Geschichte des Kindergartens

Der Kin­der­gar­ten Him­mel­reich wur­de 1929 als drit­ter Rott­wei­ler Kin­der­gar­ten ein­ge­weiht. Nach nur ein­jäh­ri­ger Bau­zeit wur­de nach Plä­nen des Stadt­bau­meis­ters Boni­faz Bles­sing das Gebäu­de errich­tet, es kos­te­te damals 120.000 Reichs­mark. Das Gebäu­de war für 200 Kin­der geplant, es bot Plansch­be­cken, Duschen und zwei Schwimm­be­cken für die Kin­der. Das Gebäu­de soll­te auch die Frau­en­ar­beits­schu­le auf­neh­men.

Vor und wäh­rend der dies­jäh­ri­gen Som­mer­fe­ri­en wur­den – unab­hän­gig vom neu­en Kon­zept – das zwei­te Ober­ge­schoss umge­baut und moder­ni­siert sowie eine Flucht­trep­pe ein­ge­baut. Die Kos­ten belau­fen sich auf rund 220 000 Euro.