Der Kin­der­schutz im Land ist schlecht orga­ni­siert, und beim Rott­wei­ler Jugend­amt wird eher gespart als aufs Kin­des­wohl geach­tet. Das fin­det Psy­cho­lo­gin Annet­te Skryp­ski, die jetzt Beschwer­de beim Regie­rungs­prä­si­di­um und bei Sozi­al­mi­nis­te­rin Kath­rin Alt­pe­ter ein­ge­legt hat. Hin­ter­grund unter ande­rem: Der tra­gi­sche Tod des 17-Jäh­ri­gen aus Vöh­rin­gen im Dezem­ber 2012.

ROTTWEIL – Die Mut­ter des 15-jäh­ri­gen Täters hat­te im Vor­feld beim Jugend­amt dar­um gebe­ten, den Jun­gen vom Vater, wo er damals leb­te, weg­zu­brin­gen. Er sei gefähr­det, wer­de ver­nach­läs­sigt, der Vater hät­te ihn schon ein­mal kran­ken­haus­reif geprü­gelt. Gesche­hen sei nichts, eine Unter­brin­gung des Jun­gen sei wohl zu teu­er gewe­sen, ver­mu­te­te die Mut­ter in einem Beschwer­de­brief ans Regie­rungs­prä­si­di­um. Und das ver­mu­tet auch die Psy­cho­lo­gin, die mit der Mut­ter befreun­det ist . Erst nach der Tat hat das Jugend­amt reagiert, der jün­ge­re Bru­der des damals 15-Jäh­ri­gen ist heu­te in einer Jugend­ein­rich­tung untergebracht.

Dass in Rott­weil auf Kos­ten des Kin­des­wohls gespart wer­de, ver­mu­tet Annet­te Skryp­ski jetzt auch an einem ande­ren Fall. Dabei geht es um einen Jun­gen, des­sen Mut­ter an Mul­ti­pler Skle­ro­se erkrankt ist. Der Vater lebt mit neu­er Fami­lie unauf­find­bar im Aus­land, und nun gab es schu­li­sche Pro­ble­me, der Jun­ge schwänz­te, sag­te, er wür­de wegen sei­ner Haut­far­be gemobbt. Nach einem Gespräch mit dem Klas­sen­leh­rer wur­de das Jugend­amt ein­ge­schal­tet, das jedoch nicht die gewünsch­te sozi­al­päd­ago­gi­sche Fami­li­en­hil­fe anbot, son­dern den Jun­gen in die Lui­sen­kli­nik nach Bad Dür­rheim schi­cken woll­te. „Das macht kei­nen Sinn, damit wäre er ja noch schlech­ter dage­stan­den in der Klas­se“, so die Psychologin.

 

Die Fach­leu­te in Bad Dür­rheim sahen das eben­so, doch schließ­lich war es erst die Dro­hung mit dem Sozi­al­ge­richt, die das Rott­wei­ler Amt über­zeug­te, dem Jun­gen einen Sozi­al­ar­bei­ter zur Sei­te zu stel­len. Ein Kli­nik­auf­ent­halt wäre in dem Fall genau das Fal­sche gewe­sen, da ist sich die Psy­cho­lo­gin nach vie­len Gesprä­chen mit Fach­leu­ten sicher – genützt hät­te es höchs­tens dem Jugend­amt, denn in dem Fall hät­te die Kran­ken­kas­se die Kos­ten über­nom­men. „Muss man denn Fach­kraft sein, um beim Jugend­amt etwas durch­zu­set­zen?“, fragt sie sich. Mit der Unter­stüt­zung durch die sozi­al­päd­ago­gi­sche Fami­li­en­hil­fe, der guten Zusam­men­ar­beit mit der Schul­so­zi­al­ar­bei­te­rin und der Schu­le ent­wi­ckel­te sich der Jun­ge übri­gens bes­tens und strebt inzwi­schen die Fach­hoch­schul­rei­fe an.

Sozi­al­de­zer­nent Bernd Hamann wie­der­um betont, sein Amt wür­de alle Fäl­le sehr gründ­lich prü­fen. Dass man kos­ten­mä­ßig unter man­chen ande­ren Land­krei­sen lie­ge, habe mit vie­len Fak­to­ren zu tun: Einer­seits habe man hier die länd­li­che Struk­tur und dadurch rela­tiv wenig Pro­ble­me mit feh­len­den Schul­ab­schlüs­sen und Kri­mi­na­li­tät bei Jugend­li­chen. Dazu kämen prä­ven­ti­ve Maß­nah­men wie die gut aus­ge­bau­te Schul­so­zi­al­ar­beit und Ein­rich­tun­gen wie die Schu­le des Lebens, in denen Inten­siv­fäl­le betreut wür­den, und man habe einen gro­ßen Pool an Pflegefamilien.

Dort sei­en Kin­der aus Pro­blem­fa­mi­li­en sicher oft bes­ser auf­ge­ho­ben als in Hei­men – „hier gibt es kei­nen Schicht­dienst, kei­ne Fluk­tua­ti­on!“. Außer­dem prü­fe man die Kos­ten gründ­lich, dazu sei man ja schließ­lich auch ver­pflich­tet, man müs­se die Wirt­schaft­lich­keit im Auge behal­ten. Und er habe, so Hamann, äußerst enga­gier­te Mit­ar­bei­ter, die im Not­fall auch mal Über­stun­den mach­ten, wenn nötig.

Die Psy­cho­lo­gin for­dert jetzt, auch mit Blick auf den Tod des klei­nen Ales­sio in Lenz­kirch, „drin­gend über­fäl­li­ge Kon­se­quen­zen für den Kin­der­schutz gezo­gen wer­den in unse­rem Bun­des­land. Ganz drin­gend wird eine ver­pflich­ten­de Ver­net­zung von ver­schie­den Betei­lig­ten bei Fra­gen der Kin­des­wohl­ge­fähr­dung – Kin­der­ärz­te, Jugend­amt, Staats­an­walt­schaft, Fami­li­en­ge­richt – sein, und eine wirk­lich funk­tio­nie­ren­de Fach­auf­sicht für die Jugendämter.“

Viel­leicht wer­de ja auch die Stel­le eines Kin­der­schutz-Beauf­trag­ten ein­ge­rich­tet, „und hof­fent­lich bald die im Land­tag bereits bewil­lig­te Ombuds­stel­le ‚Kon­flikt‘ für Pro­ble­me mit Jugend­äm­tern.“ Das könn­te dem­nächst Wirk­lich­keit wer­den, denn Annet­te Skryp­ski hat eine erhöh­te Sen­si­bi­li­tät in Sachen Kin­der­schutz fest­ge­stellt, und von Sozi­al­mi­nis­te­rin Alt­pe­ter Ant­wort bekom­men: Sie wol­le auf jeden Fall die Struk­tu­ren verbessern.