Symbol-Foto: Ingo Bartussek

Buy local”, das ist eine Initia­ti­ve von Ein­zel­händ­lern, die für den loka­len und regio­na­len Ein­kauf wer­ben und sich gegen die Kon­kur­renz der Online-Händ­ler stem­men. Das Inter­net gab es um 1900 lan­ge noch nicht – wohl aber eine ähn­li­che Initia­ti­ve.

"Kauft am Platze": Fundstück im Rottweiler Stadtarchiv.
„Kauft am Plat­ze”: Fund­stück im Rott­wei­ler Stadt­ar­chiv.

Unser Leser Micha­el Rau­sche hat im Stadt­ar­chiv Rott­weil ein über­ra­schen­des Fund­stück zu Tage geför­dert. „Kauft am Plat­ze”, heißt der in der Schwarz­wäl­der Bür­ger­zei­tung am 13. Dezem­ber 1900 abge­druck­te Auf­ruf. „Weih­nach­ten”, so steht da aus heu­ti­ger Sicht alter­tüm­lich, „die für vie­le Gewer­be­trei­ben­de so sehr geschätz­te Zeit, giebt Ver­an­las­sung für das Publi­kum zu einem sich stei­gern­den Ein­kau­fe.” Und wei­ter: „Es ist eine unleug­ba­re That­sa­che, daß sich die Gewer­be­trei­ben­den alle Mühe geben und alles auf­bie­ten, um den Wün­schen des Publi­kums in allen Nach­fra­gen weit­ge­hendst ent­ge­gen zu kom­men.”

Und dann wird der Auf­ruf zum höf­lichs­ten Appell: „Es wirkt aber auch gewiß sehr wohl­thu­end, wenn der Käu­fer sagen kann: ‚Das habe ich am Plat­ze gekauft und habe nicht nur Garan­tie für das, was ich gekauft habe, son­dern dabei auch die Genug­t­hu­ung, das hie­si­ge Gewer­be unter­stützt zu haben.”

Dem wird heu­te, 115 Jah­re spä­ter, kein loka­ler Ein­zel­händ­ler wider­spre­chen. Tat­säch­lich ist die­ses „Kauft am Plat­ze” aktu­el­ler denn je – weil genau das die Auf­for­de­rung der ört­li­chen Händ­ler an ihre Kun­den ist, und zwar bun­des­weit. Natür­lich sagt man das heu­te eng­lisch, wes­halb es heu­te „Buy local” heißt, aber das­sel­be meint.

Ich füh­le mich gut auf­ge­ho­ben bei mei­nen Fach­ge­schäf­ten und Dienst­leis­tern vor Ort. Hier kennt man mich und weiß auf was ich Wert lege. Und ganz neben­bei sor­ge ich dafür, dass das Geld in der Regi­on bleibt und sinn­vol­le Din­ge wie Spiel­plät­ze, Schwimm­bä­der oder Thea­ter damit finan­ziert wer­den.” Das ist die zen­tra­le Aus­sa­ge der deutsch­land­wei­ten Initia­ti­ve „Buy local”, die eben­falls wie der Auf­ruf von 1900 den regio­na­len Fach­han­del stüt­zen will. Bun­des­weit stün­den Ein­zel­händ­ler und Kun­den, so die Visi­on des Pro­jekts, gemein­sam für ihre viel­fäl­ti­ge und star­ke Regi­on ein. Die Ein­zel­händ­ler über­neh­men dem­nach Ver­ant­wor­tung für den gemein­sa­men Lebens­raum und ihre leben­di­ge Innen­stadt. Die Kun­den könn­ten die­se Bemü­hun­gen durch ihre bewuss­te Kauf­ent­schei­dung bei enga­gier­ten ört­li­chen Händ­lern und dem Kauf regio­na­ler Pro­duk­te unter­stüt­zen – vor Ort und, wenn der Händ­ler zugleich online ver­tre­ten ist, im Inter­net.

Heut‘ wie vor altem, wie man in Rott­weil sagt: Der ört­li­che Händ­ler freut sich über Kun­den. Die Initia­ti­ve Buy local ist daher auch schon in der Regi­on ange­kom­men, sechs Schram­ber­ger Ein­zel­händ­ler sind dabei: Por­zel­l­an­haus Schin­le, Bet­ten­land Ale­si, Optik Fischer, Sport Wal­ter und Haf­ner Her­ren­be­klei­dung, Leder­wa­ren Krön hat nach Infor­ma­tio­nen des dor­ti­gen Ein­zel­händ­ler­ver­bands ver­gan­ge­ne Woche sein Bei­tritts­ge­such abge­ge­ben. Aus Rott­weil macht bis­lang allein Buch Greu­ter mit – am Haupt­sitz des Buch­händ­lers, in Sin­gen, ist der Ein­zel­händ­ler­ver­band bereits stark ver­tre­ten.

Doch eine wei­te­re Rott­wei­ler Ein­zel­händ­le­rin schickt sich an, Buy-local-Mit­glied zu wer­den: Karin Huon­ker. Sie will sich als Inha­be­rin von Leder­wa­ren Hügel um die Mit­glied­schaft bewer­ben – denn jedes Mit­glied wird vor Auf­nah­me vom Ver­band geprüft, erklärt Huon­ker der NRWZ.

Als Vor­sit­zen­de des Rott­wei­ler Gewer­be- und Han­dels­ver­eins (GHV) erläu­tert Huon­ker, dass jeder Händ­ler selbst ent­schei­den muss, ob er dem Ver­band bei­tre­ten möch­te, und sich auch selbst­stän­dig bewer­ben muss. „Ein gemein­sa­mer Bei­tritt als GHV ist nicht mög­lich”, so des­sen Vor­sit­zen­de. Die Zie­le der Händ­ler­ver­ei­ni­gung unter­stützt Huon­ker jeden­falls.

Stef­fi Spitz­na­gel vom Han­dels- und Gewer­be­ver­ein Schram­berg (HGV) steht auch hin­ter dem Gedan­ken: „Die Ein­zel­händ­ler ken­nen ihre Kun­den und vor allem auch ihre Wün­sche“, sagt sie auf Nach­fra­ge. Man sei eben nicht nur eine Num­mer, son­dern habe einen Namen. „Die per­sön­li­che Bera­tung“, so Spitz­na­gel, „kann nur ein Geschäft vor Ort leis­ten. Es hat bis­wei­len auch den ein oder ande­ren Geheim­tipp parat.“ Ohne­hin kön­ne das Inter­net nicht das Ein­kaufs­er­leb­nis als sol­ches mit gemüt­li­chem Bum­meln und „Schau­fens­ter anschau­en“ erset­zen. „Und natür­lich kann man Din­ge, die man kau­fen möch­te, beim Fach­ge­schäft auch direkt mit­neh­men. Man kann Sie anfas­sen und aus­pro­bie­ren.“

Den Grund­ge­dan­ken des „Kau­fe lokal“-Prinzips – dass sich der Kun­de einer­seits gut auf­ge­ho­ben fühlt und ande­rer­seits Inves­ti­tio­nen in der Regi­on unter­stützt – fin­det die HGV-Geschäfts­stel­len­lei­te­rin rich­tig gut. „Die­ser Aus­sa­ge von Buy local stammt, stim­men nicht nur die Mit­glie­der der Initia­ti­ve voll zu“, sagt sie, „son­dern sicher­lich jedes ein­zel­ne Fach­ge­schäft vor Ort.“

Buy local” – das ist also The­ma hier vor Ort, 1900 wie 2015. Frank Moser, IHK-Voll­ver­samm­lungs-Mit­glied und Ver­tre­ter des Ein­zel­han­dels stell­te das Pro­jekt Buy local unlängst vor, das in Ravens­burg sei­nen Aus­gang genom­men habe und mitt­ler­wei­le mehr und mehr Geschäfts­leu­te gewin­ne. Der Han­del wol­le errei­chen, dass „das Geld vor Ort bleibt.“ Der Inter­net­han­del mache dem Ein­zel­han­del Sor­ge. „Wir wol­len Schu­len und Ver­ei­ne anspre­chen, die immer dann zu uns kom­men, wenn es um Spen­den geht. Im Inter­net kön­nen sie nicht anklop­fen“, so Moser leicht süf­fi­sant.

IHK-Haupt­ge­schäfts­füh­rer Tho­mas Albiez wünsch­te sich anläss­lich eines Besuchs des Lan­des­mi­nis­ters für länd­li­chen Raum und Ver­brau­cher­schutz, Alex­an­der Bonde, in Schram­berg, dass nach dem Bio­sie­gel und dem Her­kunfts­zei­chen auch das Ein­kau­fen in der Regi­on in sei­ner Bedeu­tung erkannt wer­de. “Es ist wich­tig”, so Albiez, „den loka­len Han­del zu stär­ken.“

Zurück nach 1900. War­um gab es eigent­lich damals schon eine Buy-local-Initia­ti­ve, als „Kauft am Plat­ze”? Das Inter­net war ja noch lan­ge kein Feind des ört­li­chen Händ­lers? Der Rott­wei­ler Stadt­ar­chi­var Gerald P. Mager hat zwei ganz ein­fa­che Erklä­run­gen parat: Für grö­ße­re Inves­ti­tio­nen, ein Kleid oder einen Anzug, bei­spiels­wei­se, sei­en die Men­schen schon damals in umlie­gen­de Städ­te gefah­ren, nach Tutt­lin­gen und Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen, zum Bei­spiel. Sie taten dies nicht mit dem eige­nen Wagen – einen sol­chen hat­ten als ers­te und ein­zi­ge der Fabri­kant von Dut­ten­ho­fer und der Arzt Dr. Marx in Rott­weil -, son­dern mit dem Zug oder mit der Kut­sche. Auch hät­ten zu jener Zeit bereits aus­wär­ti­ge Händ­ler in Rott­wei­ler Blät­tern inse­riert, etwa aus Stutt­gart.

Und Magers Erklä­rung Num­mer zwei: Einen Ver­sand­han­del gab es zu jener Zeit bereits. Also einen Vor­läu­fer des Inter­nets, sozu­sa­gen. Den­noch war Rott­weil damals wie heu­te mit Händ­lern eigent­lich gut ver­sorgt. Selbst auf den Dör­fern habe es jeden­falls einen Lebens­mit­tel­la­den und manch­mal auch einen Schuh­ma­cher gege­ben. Und Rott­weil war Ein­kaufs­stadt für das gan­ze Umland. Aber den­noch wohl von aus­wär­ti­gen Geschäfts­leu­ten bedroht.

Der Rott­wei­ler Stadt­ar­chi­var Mager blickt 115 Jah­re zurück: Für Aus­fahr­ten und Geschäfts­rei­sen sei­en noch vor­nehm­lich Kut­schen benutzt wor­den. Aber auch „Nor­mal­ver­brau­cher“ konn­ten seit 1868 die Eisen­bahn benut­zen, die Rott­weil etwa mit Tutt­lin­gen und Obern­dorf oder auch Stutt­gart ver­band. „Für den Groß­ein­kauf von Weih­nachts­ge­schen­ken”, so Mager, „konn­te sich eine sol­che Fahrt even­tu­ell loh­nen.”

Die übri­gen Inse­ra­te in den dama­li­gen Zei­tun­gen um die Weih­nachts­zeit zeig­ten laut Mager aber, „dass es auch in Rott­weil ein üppi­ges Ange­bot gab. Den Leu­ten ging es wirt­schaft­lich um 1900 gut. Trotz­dem scheint der Abfluss von Kauf­kraft offen­sicht­lich ein gewis­ses Pro­blem dar­ge­stellt zu haben.”

 

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