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Dienstag, 7. April 2020
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    Carola Gruber: Neuneinhalb Lieblingsmomente

    Kurz vor Weihnachten hat die diesjährige Stadtschreiberin Carola Gruber ihren dreimonatigen Aufenthalt abgeschlossen. Zentrale Eindrücke ihrer Zeit in Rottweil hat sie bei der Verabschiedung zusammengefasst. Die NRWZ veröffentlicht hier ihre Abschiedsrede.

    Von Stadtschreiberin Carola Gruber

    „Vor einigen Tagen ging ich in Rottweils Süden spazieren – am Schwimmbad vorbei in Richtung Bühlingen, über die Felder und am Wald entlang. Den Vormittag hatte ich am Schreibtisch verbracht, an einem Text gearbeitet und jetzt ging ich spazieren, um den Kopf „auszulüften“. Es war kalt und windig auf den Feldern, aber die Sonne brach durch die Wolken. Zeitweise ging ich ihr genau entgegen, kniff ich die Augen zusammen.

    Mir wurde beinahe warm. Es war ein wunderbarer Moment. Ich dachte daran, was für ein Glück ich hatte und habe, dass ich in den vergangenen drei Monaten einige solcher Spaziergänge im Wechsel mit intensiver Textarbeit unternehmen durfte – eine herrliche Kombination, da für mich Denken, Gehen und Schreiben zusammengehören.

    In dem Moment empfand ich eine große Dankbarkeit dafür, dass von mir drei Monate lang nichts anderes erwartet wurde, als dass ich mich dem Schreiben widme und meine Begeisterung für das Schreiben und die Literatur mit anderen Menschen teile – und genau genommen wurde auch dies wenig „erwartet“ im Sinne einer Verpflichtung, sondern viel eher wurden mir, so sehe ich es zumindest, Möglichkeiten geboten: Veranstaltungen und Begegnungen ermöglicht, die ohne das Stipendium nicht oder nicht in der Form zustande gekommen wären.

    Darunter waren auch Experimente wie der „Schreibsport“ mit musikalischer Begleitung, bei dem ich Texte auf Bestellung des Publikums schrieb – ein Experiment, das glückte. Ich empfand den Abend als einen der schönsten, die ich hier in Rottweil verbracht habe.

    In diesem Augenblick, letzte Woche auf den Feldern bei Bühlingen – bei kaltem Wind, warmer Sonne und unter einem frischblauen Himmel – fühlte ich mich richtig angekommen in der Rolle als Stadtschreiberin. Ich war zutiefst beglückt über die Chance, die ich hier erhalten habe. Und ich hatte das Gefühl, jetzt könnte es gerade so weitergehen – ein, zwei oder drei Monate lang. Doch der Moment ist gekommen, von dieser Erfahrung nicht mehr im Präsens, sondern im Präteritum zu sprechen: abgeschlossenes Geschehen.

    Diesen Tempuswechsel möchte ich dazu nutzen, gemeinsam mit Ihnen zurückzuschauen. Natürlich lassen sich die Monate hier in Rottweil kaum zusammenfassen, deshalb möchte ich auch kein abschließendes „Resümee“ ziehen – vielleicht auch, weil ich es noch nicht ganz wahrhaben möchte, dass die Zeit wirklich vorbei ist. Eher möchte ich mit Ihnen auf einzelne Momente zurückblicken, sagen wir: Lieblingsmomente. Genau genommen: 9 ½ Lieblingsmomente.  

    Moment 1
    Vor drei Monaten, am 16. September, komme ich an – mit drei Rucksäcken, einer davon ein 60-Liter-Ding, das dem Reisenden wie ein tragbares Haus, eine Art überdimensionales Schneckenhaus, am Rücken hängt. Das Umsteigen in Stuttgart hatte beinahe sportliche Qualitäten. Christiane Frank vom Kulturamt holt mich am Bahnhof in Rottweil ab. Sie meint, ich hätte ja gar nicht so viel Gepäck – sie hat wohl schon Schlimmeres gesehen.

    Nach meinem ersten Tag in Rottweil schreibe ich in mein Tagebuch: „Dass ich 3 Monate hier bleiben werde, kapiere ich noch immer nicht. Ich bin leichtfertig hier angekommen.“ Und auch das notiere ich: „Die Mahlzeiten ziehen über mich hinweg wie ein Sturm. Gerade eben: das Mittagessen. (Es gibt Leute, die schaffen es, in 15 Minuten 3 Gänge zu essen: Salat, Maultaschen, Eis.)“ Inzwischen kann ich sagen: Ich bemühe mich, zu den genannten „Leuten“ dazuzugehören. Manchmal gelingt es mir ebenfalls, bis zum Gong am Ende des Mittagessens fertig zu sein. Ich habe mich eingelebt.

    Moment 2
    In meiner zweiten Woche in Rottweil werde ich offiziell als 15. Stadtschreiberin begrüßt. Mein Vorgänger Johann Reißer übergibt mir das Amt mit dem Hinweis, als Stadtschreiber sei man „ein geladener Dieb, der etwas aus der Stadt mitnehmen soll, um ein Kuckucksei dafür zu hinterlassen“. Zum Zeichen dafür schenkt er mir „Diebesgut“ aus seiner Rottweiler Zeit: eine Glaskette, die er von einem Kronleuchter in der Duttenhofer-Villa mitgenommen hat.

    Diese Glaskette habe ich aufgehängt an einem Haken in meinem Stadtschreiberzimmer (das früher einmal Johanns Stadtschreiberzimmer war). Wenn ich die Glaskette streife oder wenn ein starker Luftzug geht, dann schwingt sie und klingt eine Weile nach. Das Geräusch erinnert mich daran, dass ich ein „geladener Dieb“ bin. Diese Berufsbezeichnung finde ich ganz wunderbar. Was das „Kuckucksei“ sein wird, das ich hinterlasse, weiß ich noch nicht. Aber vielleicht beurteilen das andere sowieso besser als ich.

    Moment 3
    In meiner dritten Woche in Rottweil leite ich zum ersten Mal die offene Jugendschreibwerkstatt im Konvikt. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits mitbekommen, wie durchgeplant der Terminkalender der Konviktoren ist – nach der Schule und der Studierzeit am Nachmittag fallen an den Abenden noch verpflichtende AGs an. Vor dem Hintergrund finde ich es beachtlich, dass sich bei unserer ersten Sitzung acht Teilnehmer zusammenfinden, die an dem Abend auf Freizeit verzichten, um sich mit dem Schreiben zu beschäftigen.

    An diesem ersten Abend listen die Schüler – passend zum Thema der Schreibwerkstatt „Orte und Unorte“ – beliebte und weniger beliebte Orte auf. Dass in der ersten Kategorie Bett, Meer und Bücherei genannt werden, verstehe ich gut. Dass in der zweiten Kategorie, bei den unbeliebten Orte, neben Schule und Schreibtisch auch einmal „zuhause“ genannt wird, berührt mich sehr.

    Moment 4
    Im Oktober feiere ich meinen Geburtstag in Rottweil. Am Nachmittag fahre ich nach Bad Dürrheim in die Therme. In einem Salzwasserbecken strecke ich Arme und Beine von mir, liege im Wasser, ohne einen einzigen Muskel zu rühren, und fühle mich entspannt. Fast döse ich ein. In diesem Moment habe ich das Gefühl, dass ich allmählich tatsächlich an- und zur Ruhe komme. Die letzten Monate vor dem Stadtschreiberstipendium war ich viel unterwegs, habe eine Weiterbildung in München gemacht, war zum Teil parallel auch Stadtschreiberin in Regensburg, habe ein paar Tage vor Antritt der Stadtschreiberstelle in Rottweil noch einen Vortrag in Hamburg gehalten … kurzum: Ich kam etwas abgehetzt in Rottweil an. In Bad Dürrheim, als ich wie ein Seestern im Wasser liege, löst sich etwas von der Anspannung der letzten Wochen. Ich komme noch ein Stückchen mehr an – und genieße es.

    Moment 5
    Ich liege krank im Bett. Innerhalb von zwei Tagen fülle ich einen Mülleimer ausschließlich mit gebrauchten Taschentüchern, leeren Taschentuchverpackungen und benutzten Teebeuteln. Eine halbe Woche verschmilzt zu einem einzigen Tag, den ich erkältet im Bett liege – mit einem kurzen Ausflug zu meiner ersten Lesung als Stadtschreiberin im Schwarzen Lamm. Die Bude ist voll. Ich lese den Text, mit dem ich mich als Stadtschreiberin beworben habe – eine traurige Geschichte, die die Stimmung im Raum auf den Nullpunkt bringt.

    Anschließend lese ich einen Text über das Stadtschreiberin-Dasein in Rottweil. Der Text nimmt die Zuhörer mit auf einen Spaziergang durch die Stadt und durch meine Gedanken – und wird sehr freundlich aufgenommen. Ich habe den Eindruck, – trotz Schnupfen und einem leichten Schwindelgefühl – so richtig angekommen zu sein.

    Moment 6
    In meiner neunten Woche als Stadtschreiberin erlebe ich gemeinsam mit 14 weiteren Konvikt-Neulingen die obligatorische „Taufe“ durch die angestammten Konviktoren: ein Initiationsritual, das nicht nur freundlich ist, sondern auch einen Hang zu militärischem Drill, wenn nicht Sadismus hat. Wir versammeln uns in zwei Gruppen auf dem Hof des Konvikts: die Neulinge auf der einen, die Alteingesessenen auf der anderen Seite. Wir Neulinge lösen ein paar Aufgaben, die uns gestellt werden, unter anderem laufen, springen, klettern und balancieren wir.

    Wenn wir Fehler machen, werden wir mit Wasserbomben beworfen. Am Schluss des Rituals findet die eigentliche Taufe statt: Wasser, viel Wasser ergießt sich aus Schläuchen und Eimern auf die Neulinge im Hof. Nach einer Dreiviertelstunde verlassen wir geprüft und bis auf die Unterwäsche durchnässt den Hof des Internats. Wir gehören jetzt offiziell dazu.

    Während ein neuer Schüler neben mir lauthals Rache schwört, empfinde ich weniger Wut als Befremdung. Bis jetzt sehe ich das Ritual zwiespältig: Einerseits bin ich dankbar für das Vertrauen und die Offenheit, mich als Gast so weit in das Konviktgeschehen einzubeziehen – eine lehrreiche Erfahrung für mich, die zuvor keinerlei Internat-Erfahrung hatte; andererseits finde ich die konkrete Gestaltung der „Taufe“ in einigen Punkten verbesserungswürdig. Ich würde dem Ritual mehr Humor und Selbstironie, dafür weniger Wasser und Kälte wünschen. Dann würde die „Taufe“ besser zum Konvikt passen, das ich ansonsten als hellen, freundlichen Ort erlebt habe.

    Moment 7
    Die Kunststiftung Erich Hauser öffnet ihre Pforten: Im früheren Wohnhaus (und heutigen Museum) des Künstlers darf ich – umgeben von Kunstwerken – Texte von mir vortragen. Ich lese von Tieren, die es noch nicht gibt, aber geben sollte, vom Stadtschreiber Stoffelhoppel, der an seiner Rolle in einem thüringischen Ort verzweifelt, und ich lese literarische Bildprotokolle zu Werken Kandinskys.

    Währenddessen erinnere ich mich, wie ich knapp zwei Monate zuvor, Ende September, ehrfürchtig und nicht ahnend, dass ich hier einmal eine Lesung gestalten würde, durch das Gelände der Kunststiftung ging. Nun stelle ich meine Texte wie zusätzliche Exponate im Hauser’schen Museum aus – und empfinde das als Ehre.

    Moment 8
    Wir haben es ausprobiert, in Gedanken alles durchgespielt, die technische Seite gleich an zwei verschiedenen Tagen geprüft. Trotzdem bleibt es ein Experiment, als ich mich an einem Freitag vor dem Publikum im Kutschenhaus an meinen Laptop setze und auf Bestellungen warte. Wird das Publikum genug Bestellungen abgeben? Wird mir etwas zu den bestellten Wörtern einfallen? Werden die Anwesenden es interessant finden, den Schreibprozess mitzuverfolgen, der per Beamer auf die Leinwand hinter mir projiziert wird? Werde ich mich konzentrieren können, wenn neben mir eine elektrisch verstärkte Band brasilianische Klänge spielt? Die Antwort ist: viermal Ja. Es klappt!

    An dem Abend werden acht Anregungen aus dem Lostopf gezogen und ich verarbeite sie zu neuen Texten. Dass das Publikum an manchen Stellen lacht über Dinge, die ich mir ausdenke, noch bevor ich sie vorlese, ist ungewohnt, aber sehr schön.

    Moment 9
    Am Freitag letzter Woche gestalte ich eine Hauslesung. Ein privater Gastgeber öffnet seine Wohnung für geladene Gäste und mich, die ihre Texte vorstellt. Der Rahmen ist sensationell: Der Hausherr hat seine Wohnung zu einer Galerie umfunktioniert und stellt Bilder eines zeitgenössischen Malers aus. Außerdem hat er einen Barkeeper engagiert, der aus meinen Lieblingssäften leckere Cocktails mischt, einige davon hat er eigens für den Abend erfunden. Ein großartiger Rahmen für eine Lesung. Für manche im Publikum ist es die erste Lesung ihres Lebens.

    Gemeinsam sprechen wir über die Texte und den Eindruck, den sie bei den Zuhörern hinterlassen haben – es ist ein schönes Gespräch, an dem ich vor allem die Unverstelltheit schätze. Es wird ein langer Abend. Und am Ende denke ich: Viel öfter sollte man Literatur genau so rezipieren – nicht in Literaturhäusern, bei Podiumsdiskussionen oder im Deutschunterricht, sondern in privaten Räumen, mit Freunden oder netten Leuten, die es werden könnten.

    Moment 9 ½
    Heute Abend. (Der Moment zählt nur halb, weil er noch nicht vorbei ist.) Hier heute mit Ihnen die Ergebnisse aus der Schreibwerkstatt zu hören und jetzt vor Ihnen zu stehen und mit Ihnen gemeinsam auf meine Lieblingsmomente, meine Beute als geladene Diebin, zurückzublicken, wird sicher zu meinen Lieblingsmomenten gehören. Nicht dass mir der Abschied leicht fallen würde von dieser – wie mein Vorgänger Johann Reißer sagte und wie ich uneingeschränkt bestätigen kann – besten aller Stadtschreiberstellen. Das Gegenteil ist der Fall. Umso wichtiger ist für mich der heutige Abend.

    Über Auslandsaufenthalte habe ich einmal gehört, man solle alle Übergangsrituale, alle Abschiedsfeiern und jede Gelegenheit, die sich einem bietet, sich selbst den Übergang begreiflich zu machen, nutzen. Vielleicht gilt das auch für Stadtschreiberstellen. Ich jedenfalls bin sehr froh, dass mir heute Abend die Gelegenheit geboten wurde, noch einmal – etwas wehmütig, aber vor allem dankbar – zurückzublicken.       

    Neben diesen 9 ½ Lieblingsmomenten gibt es noch viele kleine Momente, für die ich ebenfalls sehr dankbar bin. Oft sind es kleine Beobachtungen wie das Aufplatzen einer Kastanienschale vor meinen Füßen, das Kauen eines Pferdes, dem das Heu aus dem Maul fällt, oder auch die direkte Sicht auf den Himmel hinter einem Haus, die für mich Momente des Glücks ausmachen. Viele dieser Momente spielen im Konvikt – Tischgespräche mit den Schülern, ein gemeinsam gelöstes Kreuzworträtsel, Nachmittage in der Bibliothek.

    Einige Eindrücke habe ich während meiner Zeit als Stadtschreiberin in einer Art Tagebuch im Internet, einem Blog, festgehalten. Vielleicht haben Sie Lust einmal reinzuschauen: rottweil.carolagruber.de.       

    Zum Schluss möchte ich mich ganz herzlich bedanken für diese wunderbare Gelegenheit, drei Monate ohne finanzielle Sorgen an meinen Texten zu arbeiten, neue Formate auszuprobieren, herzlichen Menschen zu begegnen – und meine Begeisterung fürs Schreiben und für Literatur zu teilen, nicht zuletzt in der Schreibwerkstatt des Konvikts. Auch für die freundliche Aufnahme dort möchte ich vielmals danken. Ganz besonders danken möchte ich Christiane Frank, der weltbesten Stadtschreiber-Betreuerin, Lesungs-Organisatorin und Spaziergangs-Initiatorin, die darüber hinaus ein großartiger Mensch ist.

    Sehr danken möchte ich dem gesamten Kulturamt, insbesondere Herrn Schaffert und Anne Probst, sowie der Stadt Rottweil, besonders Herrn Broß. Darüber hinaus möchte ich ganz herzlich Herrn Dr. Fiedler sowie allen Konviktoren danken dafür, dass sie mich drei Monate bei sich aufgenommen haben. Danken möchte ich auch allen, die das Zustandekommen des Stadtschreiberstipendiums auf die eine oder andere Weise ermöglicht haben bzw. ermöglichen. Vielen Dank!“

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