Nach dem Hand­gra­na­ten-Anschlag in Vil­lin­gen hat die Poli­zei Fest­nah­men ver­mel­det. Es han­delt sich um vier Män­ner, teils Ost­eu­ro­pä­er, einer wohn­te in Rott­weil. Ein frem­den­feind­li­cher Hin­ter­grund – all­seits ange­nom­men und ver­ur­teilt – wird inzwi­schen aus­ge­schlos­sen. Die Poli­zei sieht viel­mehr Kon­flik­te, die zwi­schen den im Schwarz­wald-Baar-Kreis täti­gen Sicher­heits­un­ter­neh­men bestehen, als Ursa­che. Inzwi­schen hat das Regie­rungs­prä­si­di­um die Ver­trä­ge der Fir­men, die die Flücht­lings­un­ter­kunft bewa­chen soll­ten, frist­los gekün­digt.

Anruf bei „Ever Safe“ in Tutt­lin­gen. Das ist jene Sicher­heits­fir­ma, gegen deren Büro-Con­tai­ner die Hand­gra­na­ten am 29. Janu­ar auf dem Gelän­de eines Flücht­lings­heims in Vil­lin­gen geflo­gen, aber dann nicht explo­diert ist. Am Fest­netz ist nie­mand erreich­bar. Über Han­dy mel­det sich ein Mann mit leicht ost­eu­ro­päi­schem Akzent. Er sei nicht zustän­dig, erklärt er. Der Fir­men­chef habe auf Umlei­tung geschal­tet und sei nicht erreich­bar. Nach gutem Zure­den ant­wor­tet der Mann dann doch. Sein Name sei Schmitt, sagt er. Er befin­de sich im Aus­land, habe sich aber den Tat­ort ange­se­hen und glau­be nicht, dass der Anschlag sei­ner Fir­ma oder sei­nen Kol­le­gen gegol­ten, habe. Auch das Asyl­heim könn­te Ziel gewe­sen sein.

Die Poli­zei ist da völ­lig ande­rer Mei­nung, hat die Tutt­lin­ger Büro­ge­bäu­de von „Ever Safe“ durch­sucht und die Sicher­heits­fir­ma beson­ders im Visier. War es ein Rache­akt, weil sie Kon­kur­ren­ten hin­aus­dräng­te und/oder Dum­ping-Löh­ne zahl­te? Das ist eine von meh­re­ren Fall­kon­struk­tio­nen.

Nach drei Wochen inten­si­ven Ermitt­lun­gen gibt der Vil­lin­ger Hand­gra­na­ten-Anschlag immer noch Rät­sel auf. Aller­dings kann die 75-köp­fi­ge „Son­der­kom­mis­si­on Con­tai­ner“, die seit die­ser Woche auf etwa 40 Mit­glie­der redu­ziert wor­den ist, posi­ti­ve Zwi­schen­er­geb­nis­se vor­wei­sen. Zum einen ist es gelun­gen, vier Tat­ver­däch­ti­ge im Alter von 22 bis 37 Jah­ren „mit ost­eu­ro­päi­schem Migra­ti­ons­hin­ter­grund“, wie es offi­zi­ell heißt, als mut­maß­li­cher Täter zu ermit­teln.

Drei sit­zen in U-Haft – nach Infor­ma­ti­on unse­rer Zei­tung han­delt es sich um Russ­land­deut­sche, einer von ihnen kommt aus Rott­weil. Zwei­te Erkennt­nis: Die Spur führt zu Wach­diens­ten. Die Poli­zei hat „meh­re­re Secu­ri­ty-Fir­men in den Land­krei­sen Tutt­lin­gen und Schwarz­wald-Baar“ durch­sucht. Wie vie­le es genau sind und wo sie sit­zen, kön­ne man „aus ermitt­lungs­tak­ti­schen Grün­den“ nicht sagen, heißt es.

In Vil­lin­gen ist neben „Ever Safe“ noch die Fir­ma WSC aus Rosen­feld (Zol­lern­alb­kreis) tätig, wie das Regie­rungs­prä­si­di­um Frei­burg bestä­tigt. Die Ermitt­ler sind zur Über­zeu­gung gekom­men, dass Wach­leu­te Ziel des Anschlags waren, einen frem­den­feind­li­chen Hin­ter­grund schlie­ßen sie inzwi­schen aus.

War die Granate scharf?

Auch die Hand­gra­na­te vom Typ M52 weist in Rich­tung Ost­eu­ro­pa. Sie ist auf dem Schwarz­markt erhält­lich und stammt aus dem frü­he­ren Jugo­sla­wi­en-Krieg. Wäre sie explo­diert, hät­te sie eine ver­hee­ren­de Wir­kung ent­fal­tet: Für Men­schen in einem Umkreis von bis zu 30 Meter, so Exper­ten der Poli­zei, wäre sie töd­lich gewe­sen. Die Unter­su­chun­gen, ob die Gra­na­te über­haupt einen Zün­der hat­te, sind aller­dings noch immer nicht abge­schlos­sen. Das Ergeb­nis ist ent­schei­dend: Ein Zün­der ist die Vor­aus­set­zung, dass die Gra­na­te explo­die­ren kann. Dann wäre es ein Mord­an­schlag, im ande­ren Fall nur das Vor­täu­schen einer Straf­tat.

Je län­ger es daue­re, so der Kon­stan­zer Ober­staats­an­walt Johan­nes-Georg Roth, umso unwahr­schein­li­cher wer­de ein Nach­weis. Aller­dings sei­en die Kri­mi­nal­tech­ni­ker „noch nicht am Ende ihres Lateins“. Man ste­he vor dem Pro­blem, dass die Hand­gra­na­te bei der kon­trol­lier­ten Spren­gung durch die Poli­zei – eine vor­sorg­li­che Maß­nah­me, um Gefah­ren aus­zu­schlie­ßen – pul­ve­ri­siert wor­den sei. Es bestehe noch die Hoff­nung, dass ein Täter oder Zeu­ge ent­spre­chen­de Aus­sa­gen lie­fe­re, so Roth.

Ein Millionen-Geschäft

Inzwi­schen hät­ten sich die Erkennt­nis­se ver­fes­tigt, erklärt der Lei­ten­de Ober­staats­an­walt auf Anfra­ge wei­ter, dass es bei dem Anschlag um Kon­flik­te und einen immer här­ter gewor­de­nen Ver­drän­gungs­wett­be­werb gehe. Es sei ein Kampf um Auf­trä­ge, und die sei­en bei der Bewa­chung der Asyl­hei­me beson­ders begehrt.

Kein Wun­der, es ist ein sehr lukra­ti­ves Geschäft, wie ein Bran­chen­ken­ner berich­tet: „Es geht um sehr viel Geld“, weiß er. „bei der Bewa­chung grö­ße­rer Objek­te um Mil­lio­nen.“

Als im ver­gan­ge­nen Jahr die Zahl der Flücht­lin­ge von Tag zu Tag immer mehr anschwoll und eine Über­for­de­rung der Behör­den und Hel­fer droh­te, hat­te das zustän­di­ge Regie­rungs­prä­si­di­um Frei­burg weder Zeit noch Kapa­zi­tä­ten für lang­wie­ri­ge Aus­schrei­bun­gen. Gefragt waren schnel­le und prak­ti­ka­ble Lösun­gen. Und so räumt auch ein Spre­cher ein: „Wir haben am Anfang münd­li­che Ver­trä­ge geschlos­sen.“

Ähn­lich äußer­te sich jüngst Regie­rungs­prä­si­den­tin Bär­bel Schä­fer. Damals habe man die ein­zel­nen Mit­ar­bei­ter der Sicher­heits­fir­men nicht über­prü­fen kön­nen. Das habe sich inzwi­schen geän­dert.

Und so betont das Regie­rungs­prä­si­di­um jetzt: Es gebe zwei Kon­troll­ebe­nen, zunächst die kom­mu­na­len Ord­nungs­äm­ter mit der Gewer­be­ord­nung. Hin­zu kom­me „in den neue­ren Ver­trä­gen“ die Ver­pflich­tung zu aktu­el­len poli­zei­li­chen Füh­rungs­zeug­nis­sen für alle Mit­ar­bei­ter. Trotz­dem bleibt ein Vaku­um: Im poli­zei­li­chen Füh­rungs­zeug­nis sind weder Stra­fen unter drei Mona­ten Haft noch lau­fen­de Ver­fah­ren ent­hal­ten. Schä­fer will jetzt alle Ver­trä­ge neu aus­schrie­ben und auch neue Stan­dards fest­le­gen.

Macht­kampf unter Russ­land­deut­schen?

Der Chef einer Sicher­heits­fir­ma, die in Donau­eschin­gen tätig ist, berich­te­te im Gespräch mit unse­rer Zei­tung, nach wel­chen Kri­te­ri­en er ein­stellt: Er enga­gie­re zu 70 Pro­zent Russ­landdeutsche mit Erfah­rung als Sol­da­ten. „Ich brau­che kei­ne Schlä­ger, son­dern Leu­te, die geschult sind, auch in der Nah­kampf­tech­nik“, sagt der Fir­men­chef. Ange­sichts die­ser Kon­stel­la­tio­nen ver­mu­ten man­che Beob­ach­ter, es kön­ne auch um einen „Macht­kampf unter Russ­land­deut­schen“ gehen. Gesi­cher­te Bele­ge dafür gibt es indes nicht.

Sicher ist aber: Die unver­hoff­te Mög­lich­keit, schnell an viel Geld zu kom­men, ist eine gro­ße Ver­lo­ckung, auch für zwie­lich­ti­ge Krei­se. Inzwi­schen tum­meln sich auch rocker­ähn­li­che Grup­pie­run­gen in der Bran­che. Die United Tri­buns, die in Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen fest ver­wur­zelt sind, haben sich schon in der Tür­ste­her-Sze­ne durch­ge­setzt, not­falls auch mit Gewalt. Jetzt drin­gen auch sie in das Geschäft mit der Sicher­heit vor.

Auch wenn das Regie­rungs­prä­si­di­um eine Aus­bil­dung ver­langt: Die Wirk­lich­keit sieht noch anders aus, wie Ken­ner wis­sen. Die vor­ge­schrie­be­ne 40-Stun­den-Aus­bil­dung bei der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer rei­che nicht aus, mei­nen sie. Auch der Bun­des­ver­band der Sicher­heits­wirt­schaft mahnt stren­ge­re Regeln zur Aus­bil­dung von Wach­per­so­nal und gesetz­li­che Regeln an.

Erneu­ter Anruf weni­ge Tage spä­ter bei Ever Safe in Tutt­lin­gen, mit dem Ver­such, den Chef zu errei­chen. Die Home­page ist viel­ver­spre­chend, „Detek­tei, Wach & Secu­ri­ty“, heißt es da. Als Inha­ber wird Klaus Funtsch genannt. Und auch der Selbst­an­spruch lässt nichts zu wün­schen übrig: „Die Fir­ma Ever Safe ist ein Unter­neh­men, das sich ver­pflich­tet hat, Dienst­leis­tun­gen und deren Ser­vice auf höchs­tem Niveau zu erbrin­gen.“

Aber unter der ange­ge­be­nen Fest­netz-Num­mer mel­det sich auch dies­mal nie­mand. Über Han­dy ist wie­der Herr Schmitt dran. Wann der Chef sei zu spre­chen sei, wis­se er nicht. Auf die Fra­ge, was er zum Vor­wurf sage, „Ever Safe“ habe Sub­un­ter­neh­men beauf­tragt, Mit­ar­bei­ter schlecht bezahlt und behan­delt und jetzt die Quit­tung in Form eines Rach­akts erhal­ten, gibt Herr Schmitt ein Demen­ti ab, wie es sein Chef nicht bes­ser könn­te: „Das stimmt hin­ten und vor­ne nicht.“ Er räumt ein, „der Chef“ habe Sub­un­ter­neh­mer ein­ge­stellt, aber: „Die haben einen Betrag X ver­langt und den dann auch bekom­men.“ Das wis­se er des­halb, sagt Herr Schmitt, weil er die Ver­trä­ge ein­ge­se­hen habe. „Ever Safe“ beschäf­ti­ge 60 Mit­ar­bei­ter und sei nach wie vor in Vil­lin­gen, aber auch in der Erst­auf­nah­me-Ein­rich­tung in Donau­eschin­gen tätig.

Auf die Fra­ge, ob die Fir­ma „Ever Safe“ noch das Ver­trau­en des Regie­rungs­prä­si­di­ums genie­ße, sagt ein Spre­cher: „Uns lie­gen noch kei­ne Ergeb­nis­se des Ermitt­lungs­ver­fah­rens vor. Auch unse­re Über­prü­fun­gen sind noch nicht abge­schlos­sen.“ Die „Son­der­kom­mis­si­on Con­tai­ner“ heißt es, ermitt­le wei­ter mit Hoch­druck, wann die­se zu einem Ergeb­nis­se über Täter und Hin­ter­grün­de füh­re, sei der­zeit nicht abseh­bar.

Dann ging doch alles ganz schnell. Das Regie­rungs­prä­si­di­um Frei­burg hat am Don­ners­tag noch die Ver­trä­ge mit der in den Erst­auf­nah­me­stel­len Vil­lin­gen und Donau­eschin­gen täti­gen Sicher­heits­fir­ma frist­los gekün­digt. Die Kün­di­gung gilt auch für deren Sub­un­ter­neh­mer. Das RP habe am Mitt­woch ver­läss­li­che Infor­ma­tio­nen erhal­ten, die die­sen Schritt erfor­der­lich gemacht haben, hieß es in einer Pres­se­mit­tei­lung aus Frei­burg.

Zudem hat­te die Behör­de den Sicher­heits­dienst­leis­ter intern über­prüft. „Die Fir­ma war nicht in der Lage, frist­ge­recht die erfor­der­li­chen Nach­wei­se zur Zuver­läs­sig­keit des Unter­neh­mens
und der ein­ge­setz­ten Mit­ar­bei­ter vor­zu­le­gen“, so Regie­rungs­prä­si­den­tin Bär­bel Schä­fer.

Nach Aus­kunft der Behör­de sei die Fir­ma auf­ge­for­dert wor­den, das Gelän­de der Erst­auf­nah­me­stel­len in Donau­eschin­gen und Vil­lin­gen unver­züg­lich zu ver­las­sen. „Die sofor­ti­ge Über­nah­me der Sicher­heits­über­wa­chung durch zuver­läs­si­ge Unter­neh­men ist vor­be­rei­tet“, so das Regie­rungs­prä­si­di­um.