Wenn Bürger ein Gebäude kaufen, um es für Flüchtlinge bereit zu stellen – es gibt Beobachter, die machen eine einfache Rechnung auf: Die Bürgergemeinschaft, so meinen sie, könne den Kaufpreis für das ehemalige Freizeitheim Vaihingerhof bei Rottweil (siehe Bericht und Kommentar) binnen zwei, drei Jahren über die Mieten für die Flüchtlings-Unterbringung hereinholen und rutsche dann schon in die Gewinnzone. Paul Seifriz, Sprecher, der 20 Investoren-Familien, kann darüber nur lachen. „Das ist völliger Blödsinn“, sagt er.

„Das ist ein Vorzeigeprojekt“, hat Oberbürgermeister Ralf Broß nicht ohne Stolz in einer Pressekonferenz erklärt. Die Freude aller Beteiligten war groß, doch bei der Frage nach den Finanzen herrschte Schweigen im Weiler. Es bedurfte mehrerer Nachfragen, um wenigstens zu erfahren, dass es sich um einen „sechsstelligen, marktüblichen Preis“ handelt.

Insiderkreise berichten, dass Landkreise anderswo bis zu 400 Euro monatlich pro Asylbewerber zahlen. Eine solche Zahl sei für hiesige Verhältnisse irreal, sagt Bernd Hamann, Sozialdezernent des Landratsamts. Aus dem Integrationsministerium heißt es: „Das Gebot der sparsamen Haushaltswirtschaft ist zu beachten.“ Hamann versichert: „Wir zahlen ortsübliche Mietpreise.“ Er habe schon viele überhöhte Angebote, zum Beispiel 30 Euro pro Mann/Frau und Nacht, ausgeschlagen und noch nie mehr als zehn Euro pro Quadratmeter bezahlt. Der Fall Vaihingerhof zeichne sich dadurch aus, dass die Grundausstattung mit Betten und einer großen Küche sehr gut sei. Zudem müsse man von einer „intensiven Nutzung“ durch die Flüchtlinge ausgehen. Heißt: Die Miete bewegt sich im oberen Bereich. „Wir bekommen keine zehn Euro“, sagt Paul Seifriz. Tatsächlich sind es, so unsere Recherchen, neun Euro.

Bleibt die Frage nach dem Kaufpreis für das denkmalgeschützte Gebäude mit 1100 Quadratmetern Nutzfläche, das die Stadt Rottweil in den letzten 25 Jahren der Arbeiterwohlfahrt (AWO) per Erbpachtvertrag überlassen hatte. Das bedeutet, dass auch beide Partner vom Verkauf profitieren. Seifriz will keine Zahl nennen, erklärt aber, dass es noch zu viele Unbekannte gebe, um verlässliche Fakten zu kennen. „Wir sind erst am Anfang, wissen nicht, was das Denkmalamt für Auflagen macht oder wie lange die Flüchtlinge bleiben und müssen zunächst genau planen.“ Zudem sei schon jetzt klar, dass man in den nächsten Jahren investieren müsse, zum Beispiel in die Heizung. „Deshalb glaube ich nicht, dass wir unsere Investitionen vor 15 Jahren rauskriegen. Uns kommt es darauf an, dass wird dieses Schmückstück für unser Dorf und unsere Kinder erhalten“, sagt Seifriz. Er ist von Beruf Unternehmensberater und hat so gute Möglichkeiten, private Investoren oder Betreiber zu finden.

Eine Rottweiler Immobilien-Gesellschaft hat den Schafstall, wie er im Volksmund heißt, für 550.000 Euro angeboten. Am Schluss blieben dem Vernehmen nach zwei Bieter, wobei die Bürgergemeinschaft Vaihingerhof ein zweites Gebot abgab und damit knapp vor einem Konkurrenten aus der Tourismusbranche lag.

Ob das Zufall war oder ein Tipp aus der Stadtverwaltung beziehungsweise dem Gemeinderat mithalf, muss offen bleiben. Aus einer verlässlichen Quelle kommt dagegen der Kaufpreis. Er wird auf 520.000 Euro beziffert. Legt man den und die Mieteinnahmen zugrunde, dann wäre eine Rendite in vier bis fünf Jahren zu erwarten, sofern die Miete für die Flüchtlinge bis dahin fließt.

Heißt: Die Bürgergemeinschaft handelt nicht nur aus reiner Nächstenliebe, aber dieses Recht streitet ihr niemand ab. Sie verbindet in fast idealer Weise ein soziales und kulturelles Projekt mit einem Geschäftsmodell.

 

 

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