Rott­weil. Die Geg­ner fah­ren schwe­res Geschütz auf gegen die geplan­te Hän­ge­brü­cke zwi­schen Test­turm und Innen­stadt. Wal­ter Leo­pold spricht von „Ent­eig­nung“ und „Ort der Kata­stro­phe“, Bern­hard Pahl­mann beschwört die Zustän­de im Euro­pa-Park (mit jähr­lich fünf Mil­lio­nen Besu­chern) her­auf und Pfar­re­rin Esther Kuhn-Luz warnt vor einem Magnet für Selbst­mör­der. So zu hören und zu besich­ti­gen im SWR-Fern­se­hen. Die Kri­ti­ker domi­nie­ren die öffent­li­che Debat­te um ein Rott­wei­ler Zukunfts­pro­jekt, das man­che auch „Jahr­hun­dert­pro­jekt“ nen­nen.

Sie gaben sowohl bei der Bür­ger­ver­samm­lung als auch im SWR den Ton an und sie mel­den sich eben­so in den Leser­brief­spal­ten mehr­heit­lich zu Wort. Doch es könn­te ein trü­ge­ri­scher Ein­druck sein, dass sie auch für die Mehr­heit spre­chen. Schon bei der Bür­ger­ver­samm­lung war die Grund­stim­mung, gemes­sen am Bei­fall, posi­tiv. Und beim Bür­ger­ent­scheid zum Gefäng­nis gab letzt­lich eine schwei­gen­de Mehr­heit den Aus­schlag.

Ist es jetzt ähn­lich? Bei­spiel Gewer­be- und Han­dels­ver­ein (HGV). Da herrsch­te bis­her Schwei­gen in der Stadt, aber das Stim­mungs­bild ist ein­deu­tig, wie Karin Huon­ker, die Vor­sit­zen­de, berich­tet. „Wir sind klar für die Brü­cke, und das haben wir der Stadt­ver­wal­tung auch gleich am Anfang schrift­lich mit­ge­teilt.“ Auf die Fra­ge, war­um man sich dann noch nicht öffent­lich posi­tio­niert habe, erklärt die Vor­sit­zen­de, sie habe bei der Bür­ger­ver­samm­lung nicht noch Öl ins Feu­er gie­ßen wol­len.

Dass aber die Rott­wei­ler Innen­stadt mit dem Ein­zel­han­del und der Gas­tro­no­mie pro­fi­tie­ren wür­de, ste­he außer Zwei­fel. Eben­so, dass ange­sichts leer­ste­hen­der Geschäf­te, man­geln­dem Umsatz bei man­chen Wir­ten und teil­wei­se ver­fal­len­der Häu­ser etwas gesche­hen müs­se. Karin Huon­ker wun­dert sich, dass man­che Bewoh­ner des Lorenz­or­tes, auch Koro­ko genannt, glau­ben, sie sprä­chen für alle Anlie­ger. „Das stimmt nicht“, betont sie, „es gibt auch Anwoh­ner, die dafür sind.“

Gewun­dert hat sie sich über einen Anru­fer aus dem Koro­ko, der dar­auf dräng­te, dass sich der GHV gegen die Brü­cke aus­spricht. „Dafür gibt es über­haupt kei­nen Grund“, sagt sie, „das wäre ja gegen unse­re und Rott­wei­ler Inter­es­sen.“

Der­weil set­zen die Geg­ner ihren Kampf fort. Wal­ter Leo­pold sagt, das Koro­ko wer­de „platt gemacht“. Die Stadt­ver­wal­tung, allen vor­an Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß, stel­le die Anwoh­ner vor voll­ende­te Tat­sa­chen, neh­me sie nicht ernst, reagie­re auf kei­ne Argu­men­te, ver­hal­te sich „arro­gant und respekt­los“, wol­le nur eige­ne Zie­le durch­set­zen.

Der OB wider­spricht ener­gisch: „Es stimmt nicht, dass wir die Anwoh­ner vor voll­ende­te Tat­sa­chen stel­len.“ Weder lie­ge bis­her ein förm­li­cher Bau­an­trag zur Brü­cke vor, noch sei der Bau beschlos­sen. „Wir haben sehr früh die Öffent­lich­keit infor­miert, eine Ein­wohn­er­samm­lung ange­bo­ten und bereits zuvor das direk­te Gespräch mit unmit­tel­bar betrof­fe­nen Anlie­gern gesucht.“ Der Vor­schlag, die Brü­cke nicht wie ursprüng­lich geplant, im Bocks­hof, son­dern am Domi­ni­ka­ner­mu­se­um begin­nen zu las­sen, sei ein Ergeb­nis aus die­sen Gesprä­chen. Für kom­men­de Woche habe die Stadt sämt­li­che Anlie­ger zu einer gemein­sa­men Anhö­rung ein­ge­la­den. Mit Wal­ter Leo­pold habe es dar­über hin­aus bis­her schon zwei per­sön­li­che Gesprä­che gege­ben.

Broß betont: „Wir haben für Ein­wen­dun­gen ein offe­nes Ohr und wol­len im Rah­men einer Gesamt­ab­wä­gung aller Argu­men­te zu einer guten Lösung für die Stadt und ihre Bür­ger kom­men.“ Des­halb lade er, so der OB, in einem nächs­ten Schritt nun Kri­ti­ker wie Befür­wor­ter zu „einer mode­rier­ten Dia­log­grup­pe“ ein, um „die geplan­te Brü­cke auf einer sach­li­chen Ebe­ne zu dis­ku­tie­ren und zwi­schen den ver­schie­de­nen Inter­es­sen zu ver­mit­teln“.
Leo­pold gibt sich damit nicht zufrie­den, er will die Brü­cke unter kei­nen Umstän­den an die­ser Stel­le, son­dern schlägt das Via­dukt als Anknüp­fungs­punkt vor. Das aber sto­ße auf Ableh­nung, weil es für den Inves­tor zu teu­er wür­de.

Aller­dings gerät auch Leo­pold immer mehr in die Kri­tik. Nicht weni­ge Bür­ger sto­ßen sich dar­an, dass sei­ne Vil­la am Anfang der Dut­ten­ho­fer Stra­ße (sie­he links auf unse­rem Bei­trags­bild) „über­haupt nicht in die Umge­bung passt“, und sie wun­dern sich, dass es dafür sei­ner­zeit eine Geneh­mi­gung gege­ben habe. Zu die­sem The­ma wol­le er sich nicht äußern, sagt Leo­pold auf Anfra­ge.

Auch Esther Kuhn-Lutz hat Kri­ti­ker auf den Plan geru­fen. Sie wer­fen ihr vor, sich im Fern­se­hen vor einem brei­ten Publi­kum auf das The­ma Sui­zid kon­zen­triert, „und Lebens­mü­de aus dem gan­zen Land auf die Brü­cke hin­ge­wie­sen zu haben“. Die Pfar­re­rin beteu­ert, ihr Haupt­ar­gu­ment sei auch gegen­über dem SWR „der Sonn­tags­schutz“ für die Besu­cher der Pre­di­ger­kir­che gewe­sen, doch lei­der sei das „weg­ge­schnit­ten“ wor­den. Über die­ses The­ma wer­de sie dem­nächst mit Inves­tor Gün­ter Eber­hardt ein Gespräch füh­ren.

Nicht nur die Pfar­re­rin wünscht sich einen Bür­ger­ent­scheid. Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß „schließt ein Votum durch die Bür­ger nicht grund­sätz­lich aus“, wie er der NRWZ ver­si­chert. Doch zum jet­zi­gen Zeit­punkt sei es noch zu früh, zunächst wol­le man einen Dia­log mit den Bür­gern füh­ren.