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Samstag, 7. Dezember 2019
Start Land­kreis Rott­weil Die Angst vor dem Ver­lust des Wohl­stands, oder: Wie die Flücht­lings­auf­ga­be Gemein­de…

Die Angst vor dem Verlust des Wohlstands, oder: Wie die Flüchtlingsaufgabe Gemeinde und Gesellschaft spaltet

Ein Bür­ger­meis­ter über ”besorg­te Bür­ger”, einen RTL II gucken­den Syrer, die ”Bring­schuld Inte­gra­ti­on” und die Fol­gen des ”Wir schaf­fen das”

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Die Flücht­lin­ge sind da. Nie­mand habe sie wirk­lich geru­fen, sie sei­en schlicht nicht auf­zu­hal­ten gewe­sen. Nun ent­ste­he ent­we­der ein Wett­be­werb zwi­schen den teils leis­tungs­be­rei­ten Neu­an­kömm­lin­gen und den teils lethar­gi­schen Ein­hei­mi­schen, oder ein Kon­flikt, der nicht immer nur mit Wor­ten aus­ge­tra­gen wer­de. Jeder müs­se sei­nen Teil dazu bei­tra­gen, dass es nicht zu die­sem Kampf kom­me. Flücht­lin­ge wie Deut­sche. So sieht es der Bür­ger­meis­ter der beschau­li­chen Gemein­de Deiß­lin­gen im Süden der Repu­blik.

Wer sag­te noch­mal ”Wir schaf­fen das”? Bob, der Bau­meis­ter? Ja, der auch. Nach­hal­ti­ger die Fol­gen, nach­dem Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel ”Wir schaf­fen das” Mit­te 2015 ange­sichts eines anrü­cken­den Flücht­lings­stroms gesagt hat. Es ist ein Satz ”für ganz gro­ße Pro­jek­te”, fin­det Ralf Ulb­rich. Der Bür­ger­meis­ter hat sich mit dem Satz der Kanz­le­rin beschäf­tigt. In einem Bei­trag für einen Blog hat er sich weit dar­über hin­aus mit der Spal­tung sei­ner Gemein­de und der Gesell­schaft beschäf­tigt, mit einer ”Trenn­li­nie mit­ten durch Fami­li­en, Ver­ei­ne, Freun­des­krei­se und Arbeits­kol­le­gen.” Ulb­rich schreibt über die 1,5 Pro­zent Bevöl­ke­rung, die 100 Flücht­lin­ge, für die er zustän­dig ist, über die Pflicht zur Inte­gra­ti­on, den Preis für das gut ver­sorg­te Leben hier und über den mit­un­ter man­geln­den Biss bei den eige­nen Lands­leu­ten. 

Ralf Ulbrich. Foto: mm
Ralf Ulb­rich. Foto: mm

„Das The­ma treibt mich um“, sag­te Ralf Ulb­rich schon im April auf die Fra­ge, war­um er sich in der Flücht­lings­fra­ge so enga­giert und auch auf Face­book immer wie­der Din­ge klar­stellt und kom­men­tiert. Denn inzwi­schen sei eine Spal­tung zu spü­ren, „das tut fast weh.“ Eine Spal­tung der Gesell­schaft in die­je­ni­gen, die für die Auf­nah­me und Inte­gra­ti­on von Flücht­lin­gen sind und die­je­ni­gen, die das ableh­nen. Ein Schwarz­weiß­den­ken.

Man kann sagen, Ulb­rich sei gut einen Monat spä­ter nicht wei­ter. Die Flücht­lings­fra­ge treibt ihn wei­ter­hin um, die Fol­gen der Zuwan­de­rung auch, die Spal­tung, die er wahr­nimmt, ohne­hin. Aber der Bür­ger­meis­ter hat sich die Mühe gemacht, sei­ne Gedan­ken in einem Auf­satz auf­zu­schrei­ben. Er hat einen Bei­trag für den noch jun­gen Blog ”Mein Gesicht / mei­ne Geschich­te” ver­fasst. Die Web­site befasst sich offen­bar seit kur­zem mit ”Mas­sen von Ver­trie­be­nen, die nach Deutsch­land strö­men”, und will der ”Ver­such einer Indi­vi­dua­li­sie­rung” sein.

In dem Auf­satz schreibt Ulb­rich davon, dass er einen gesun­den Wett­be­werb erhof­fe, ”der unse­re jun­gen aus ihrer Lethar­gie erwa­chen lässt und für bei­de Sei­ten ein mehr an Leis­tung bewirkt und unse­rer Gesell­schaft zugu­te kommt.” Als Alter­na­ti­ve dazu sieht der Bür­ger­meis­ter ”einen Kon­flikt, der nicht immer nur mit Wor­ten aus­ge­tra­gen wird.”

Bei­de Sei­ten müss­ten ”etwas leis­ten”, so der Bür­ger­meis­ter. Die Deut­schen – die auf Wohl­stands­schol­len säßen – müss­ten die Ent­wick­lung gestal­ten und len­ken. Die Flücht­lin­ge müss­ten sich inte­grie­ren. Bas­ta.

Inte­gra­ti­on ist für mich zunächst eine Bring­schuld unse­rer Gesell­schaft. Aber dann sind die Flücht­lin­ge gefor­dert – unse­re Wer­te wie Tole­ranz, Reli­­gi­ons- und Mei­nungs­frei­heit, Demo­kra­tie und die Gleich­heit von Mann und Frau sind nicht ver­han­del­bar und sind der Preis für ein Leben in Deutsch­land. In mei­nen Augen kein sehr hoher Preis.

NRWZ.de bringt den Auf­satz des Bür­ger­meis­ters der Gemein­de Deiß­lin­gen in vol­ler Län­ge.

Innen-an-sichten

Ralf Ubrich. Archiv-Foto: nrwz
Ralf Ubrich. Archiv-Foto: nrwz

Es ist ein Satz, den alle Eltern ken­nen, die Kin­der im Kin­­der­gar­­ten- oder Grund­schul­al­ter haben. Ein Satz, den ihnen bevor­zugt ihre männ­li­chen Spröss­lin­ge immer wie­der ger­ne ent­ge­gen schmet­tern, wenn im Sand­kas­ten die ganz gro­ßen Pro­jek­te ange­gan­gen wer­den, man ihnen die Aben­teu­er von Bob und Wen­dy vor­liest oder sie eben jene Prot­ago­nis­ten auf irgend­wel­chen unsäg­li­chen Ver­pa­ckun­gen, Devo­tio­na­li­en oder im aller­schlimms­ten Fall im Fern­seh­pro­gramm ent­de­cken. Ein Satz, der im Sep­tem­ber unse­re bis dahin bekann­te Welt ver­än­dert hat: Das schaf­fen wir! Ähhh – ja, ohne das sonst übli­cher­wei­se vor­an­ge­stell­te „Yo!“ und nicht aus dem Mund von Bob Bau­meis­ter, son­dern einer nicht min­der bekann­ten Per­son der Zeit­ge­schich­te, von Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel. Ein Satz, der bei aller Ober­fläch­lich­keit in den ver­gan­ge­nen Mona­ten in der Tat Tief­gang ent­wi­ckelt hat und der seit­her die Gesell­schaft nicht mehr in Kin­der­lo­se und Jung-Eltern spal­tet, son­dern eine ganz neue Trenn­li­nie mit­ten durch Fami­li­en, Ver­ei­ne, Freun­des­krei­se und Arbeits­kol­le­gen gezo­gen hat. Auf der einen Sei­te die­je­ni­gen, denen die­ser Satz zum Dog­ma und Lebens­in­halt wur­de und auf der ande­ren Sei­te die­je­ni­gen, die seit­her die Welt und am aller­we­nigs­ten die auf der ande­ren Sei­te und allen vor­an unse­re Kanz­le­rin ver­ste­hen. Dazwi­schen gibt es nur noch weni­ge hand­ver­le­se­ne, die wie­der­um bei­de Sei­ten ver­ste­hen kön­nen und sich doch kei­nen Reim dar­auf machen kön­nen, wie es im 21. Jahr­hun­dert in einer Gesell­schaft wie der unse­ren über­haupt zu solch einer Lager­bil­dung kom­men konn­te. Ich will von die­sem ein­sa­men Platz aus einen Blick in bei­de Lager wagen, nicht um einen Erklä­rungs­ver­such zu geben, son­dern viel­mehr um einen ganz und gar sub­jek­ti­ven Zustands­be­richt unse­res Gemein­we­sens abzu­ge­ben, der kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit und Rich­tig­keit erhebt.

Nüch­tern betrach­tet haben sich die Rah­men­be­din­gun­gen unse­rer Gesell­schaft seit dem Som­mer 2015 kaum ver­än­dert. In vie­len Regio­nen Deutsch­lands herrscht Voll­be­schäf­ti­gung, die Poli­tik arbei­tet sich an den übli­chen The­men ab, drei Land­tags­wah­len haben teils ver­än­der­te Regie­rungs­ko­ali­tio­nen mit sich gebracht und der FC Bay­ern domi­niert nach wie vor die Bun­des­li­ga. Ach ja, und unse­re Bevöl­ke­rung ist nach eini­gen Jah­ren Schrump­fung uner­war­tet um sage und schrei­be rund 1,5 % gestie­gen. Und das bei einer sogar noch leich­ten Ver­bes­se­rung unse­rer demo­gra­fi­schen Daten; haben die­se 1,5 % Deutsch­land sogar noch etwas ver­jüngt. Den­noch schei­den sich an die­sen 1,5 % die Geis­ter. Für die einen – links der Trenn­li­nie – sind sie eine will­kom­me­ne Frisch­zel­len­kur für unse­re erstarr­te und sich in Ver­grei­sung befin­den­der Gesell­schaft , für die auf der rech­ten Sei­te die­ser Linie sind sie der Unter­gang des Abend­lan­des, unse­res Wohl­stands und über­haupt von allem, was uns lieb und teu­er ist.

Auch die Gemein­de, der ich vor­ste­hen darf, hat einen Zuwachs von 1,5 % erfah­ren und das sind bei uns ziem­lich genau 100 Men­schen. Es sind Men­schen im Altern von weni­gen Wochen bis knapp 60, Männ­lein und Weib­lein und was ihren gesell­schaft­li­chen Hin­ter­grund angeht ein ziem­lich guter Quer­schnitt durch alle Schich­ten. Da sind Men­schen wie Ali, der sich bei uns nicht nur ein siche­res und bes­se­res Leben als in Damas­kus erhofft hat, son­dern auch medi­zi­ni­sche Hei­lung eines ärzt­li­chen Kunst­feh­lers, der ihm im nicht mehr exis­ten­ten syri­schen Gesund­heits­sys­tem wie­der­fah­ren ist. Die­ser Kunst­feh­ler lässt ihn sei­nen rech­ten Arm nach einer Ver­let­zung zwar noch als Teil sei­nes Kör­pers, aber als nicht mehr zu gebrau­chen­des Anhäng­sel wahr­neh­men, das nicht ein­mal mehr in der Lage ist, eine vol­le Tee­kan­ne fest­zu­hal­ten. Die­sem jun­gen Mann Mit­te 20 gibt nun eines der bes­ten Gesund­heits­sys­te­me die­ser Welt in aller Deut­lich­keit zu ver­ste­hen, dass aus sei­nem Arm auch nichts mehr wer­den wird. Dass man ihm nicht hel­fen kann, weder im Rott­wei­ler Kran­ken­haus, noch in der Ber­li­ner Cha­rité. Seit­her ver­bringt er frus­triert und ent­täuscht sei­nen All­tag auf dem Sofa mit RTL2 und Co. und fragt sich, was er hier eigent­lich sucht oder vor­ge­habt hat­te zu fin­den.

Oder Men­schen wie Muha­di, der aus dem syri­schen Hin­ter­land stammt und mit sei­ner kom­plet­ten Fami­lie – Eltern, Frau und eige­ne Kin­der – hier ange­kom­men ist. Ange­kom­men aller­dings im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Die gan­ze Fami­lie, land­wirt­schaft­lich geprägt und in ihrem frü­he­ren Leben nicht gera­de unzu­frie­den, kann weder lesen noch schrei­ben, weil sie es in die­sem frü­he­ren Leben nicht muss­ten oder auch die Zeit neben der Land­wirt­schaft ein­fach nicht da war, um es zu ler­nen. Nun ist Zeit im Über­fluss vor­han­den, weil das täg­li­che Brot nicht auf dem Acker wächst, son­dern von 359,- € Hartz IV im ört­li­chen Super­markt besorgt wer­den kann. Die Fami­lie merkt aber schnell, dass sie die Zeit nut­zen muss, wol­len sie sich doch hier eine neue Exis­tenz auf­bau­en. Auch wenn man Analpha­be­ten leicht­fer­tig einen feh­len­den Intel­lekt unter­stellt, hat die­se Fami­lie mit als ers­te kapiert, dass sie schleu­nigst nicht nur lesen und schrei­ben, son­dern vor allen Din­gen Deutsch ler­nen muss – und tut dies mit Erfolg. Muha­di hat jetzt, nach einem hal­ben Jahr in Deutsch­land, bereits sei­nen ers­ten Job. Zwar auf 450,- €-Basis, aber immer­hin. Und er will mehr errei­chen; für sich und sei­ne Fami­lie.

Wie­so spal­ten Men­schen wir Ali oder Muha­di unse­re Gesell­schaft, ja unse­re Dorf­ge­mein­schaft der­art? Zwei Bio­gra­fi­en, die zumin­dest im Fall von Ali ‘zig tau­send­fach auch unter unse­ren Lands­leu­ten vor­kom­men und bis­lang nie­man­den wirk­lich ver­ängs­tigt oder ver­är­gert haben. Es ist wohl zum einen die Dimen­si­on der Auf­ga­be, die man­che von uns ver­ängs­tigt: Da wer­den Bil­der von end­lo­sen Flücht­lings­trecks in den Medi­en auf und abge­spielt, ver­mischt mit Gewalt­sze­nen an Gren­zen oder in Auf­fang­la­gern. Und die alle sol­len wir auf­neh­men? Und auch noch in unse­rer Nach­bar­schaft?

Und da ist zum zwei­ten und viel mäch­ti­ger eine wei­te­re Angst, die wohl vie­le umtreibt. Die Angst vor dem Ver­lust. Vor dem Ver­lust des eige­nen, beschei­de­nen Wohl­stands. Vor dem Ver­lust des unsi­che­ren, weil nicht gera­de anspruchs­vol­len Arbeits­plat­zes. Vor dem Ver­lust der Schol­le, auf der wir es uns in den ver­gan­ge­nen Jah­ren bequem gemacht haben. Die Reak­ti­on dar­auf ist all­zu bekannt und all­zu mensch­lich: Run­ter von mei­ner Schol­le, sonst kippt sie oder geht gar noch mit uns bei­den unter.

Die­sen bei­den Denk­mus­tern lie­gen meh­re­re Feh­ler zugrun­de und es wäre wich­tig für uns, sich die­se vor Augen zu füh­ren und sich damit aus­ein­an­der­zu­set­zen. Ja, die Zahl derer die kom­men, ist kein Pap­pen­stiel. Und nein, wir wer­den nicht alle Flücht­lin­ge die­ser Welt auf­neh­men und vor allen Din­gen inte­grie­ren kön­nen. Aber sie sind nun ein­mal hier, vor unse­rer Haus­tür, in unse­rer Nach­bar­schaft. Und lie­be „besorg­te Bür­ger“: Sie wären auch ohne Ein­la­dung unse­rer Kanz­le­rin gekom­men. Glaubt jemand ernst­haft, dass sich ein Mensch, der Krieg und Ter­ror, Kri­mi­nel­le und Schlep­per­ban­den, Wüs­te, Meer und eine wochen­lan­ge Odys­see hin­ter sich hat, sich von einem Grenz­zaun auf­hal­ten lässt? Aus­brem­sen ja, aber nicht auf­hal­ten und schon gar zurück­schi­cken. Wir wer­den das in den kom­men­den Mona­ten in Ido­me­ni mit erle­ben kön­nen. Wir sehen aber jetzt schon Bil­der von dort, die kaum zu ertra­gen sind und die vie­le nach­denk­lich wer­den las­sen. Aber zurück zu denen, die tat­säch­lich schon hier sind:

Es sind wie oben aus­ge­führt ganz nor­ma­le Men­schen, mit Zie­len und Vor­stel­lun­gen, die nun hier ver­su­chen, ihren Weg zu machen. Es sind der­zeit rund andert­halb Pro­zent unse­rer Bevöl­ke­rung, was nicht wirk­lich viel ist, aber es wer­den mehr wer­den. Es sind aber genau die­se paar Pro­zent­punk­te, die unse­rer Gesell­schaft gut tun und die wir eigent­lich auch drin­gend brau­chen. Deutsch­land altert und schrumpft zuneh­mend und unse­re sozia­len Sys­te­me sind zumin­dest auf eine sta­bi­le Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung aus­ge­legt. Natür­lich bräuch­ten wir sie aus­schließ­lich als Fach­kräf­te, aber sie stel­len eben genau­so einen Quer­schnitt aller Gesell­schafts­schich­ten dar, wie unse­re eige­ne Gesell­schaft auch. Gise­la Erler, baden-wür­t­­te­m­ber­gi­­sche Staats­se­kre­ta­rin für Zivil­ge­sell­schaft, hat vor eini­gen Wochen hier­zu zwei Sät­ze for­mu­liert, der mir seit­her nicht mehr aus dem Kopf geht: „Wir wer­den min­des­tens 10 Jah­re in die Flücht­lin­ge inves­tie­ren müs­sen, bis sie wert­vol­le Mit­glie­der unse­rer Gesell­schaft wer­den. Aber wir wer­den in die Kin­der, die heu­te gebo­ren wer­den 20 Jah­ren inves­tie­ren müs­sen und erhal­ten eben­falls kei­ne Erfolgs­ga­ran­tie“. Ich bin der fes­ten Über­zeu­gung, dass nicht alle Kin­der­gar­ten­freun­de mei­ner Kin­der in 20 Jah­ren wert­vol­le Mit­glie­der unse­rer Gesell­schaft und gesuch­te Fach­kräf­te sein wer­den.

Das wäre wie­der­um die Über­lei­tung zur erwar­te­ten Ver­drän­gung: Ich erle­be tat­säch­lich, dass unter unse­ren Flücht­lin­gen Men­schen sind, die wie Muha­di einen unbän­di­gen Lern- und Inte­gra­ti­ons­wil­len haben. Die Biss haben – jenen Biss, der unse­ren Jugend­li­chen und jun­gen Erwach­se­nen heut­zu­ta­ge zuneh­mend abgeht. Die­sen Biss ver­mis­se ich bis­wei­len schmerz­lich. Und es ist bezeich­nend, wenn die dies­jäh­ri­ge Shell-Jugend­­s­tu­­die der heu­ti­gen Jugend-Gene­r­a­­ti­on genau das auch noch wis­sen­schaft­lich beschei­nigt: Sie sei­en zwar nicht unin­ter­es­siert, aber sie sei­en ange­passt. So ange­passt, wie kei­ne Genera­ti­on vor ihnen. Um mich nicht falsch zu ver­ste­hen: Ange­passt sein hal­te ich zunächst ein­mal für nichts nega­ti­ves. Aber wenn Ange­passt­sein bedeu­tet, bequem zu sein, dann kann es ein Pro­blem wer­den. Und letz­te­res ist es in mei­nen Augen bereits. Wir haben in unse­rer Wohl­stands­ge­sell­schaft kei­nen Grund mehr zu kämp­fen, um nach oben zu gelan­gen. Die oben genann­te Schol­le ist für die aller­meis­ten unse­rer Gesell­schaft groß genug, zumal im rei­chen und ver­gleichs­wei­se sorg­lo­sen Baden-Wür­t­­te­m­berg. Auf die­se Schol­len­be­woh­ner tref­fen nun Flücht­lin­ge und wol­len mit aller Macht, mit Moti­va­ti­on und unbän­di­gem Wil­len auch so eine. Eine Schol­le, die die Flücht­lin­ge in die­ser Form bis­lang noch nie gekannt haben und die ihnen erst­mals in greif­ba­rer Nähe erscheint. Das kann zwei­er­lei aus­lö­sen: Einen gesun­den Wett­be­werb, der unse­re jun­gen aus ihrer Lethar­gie erwa­chen lässt und für bei­de Sei­ten ein mehr an Leis­tung bewirkt und unse­rer Gesell­schaft zugu­te kommt. Oder einen Kon­flikt, der nicht immer nur mit Wor­ten aus­ge­tra­gen wird. Hof­fen wir aus ers­te­res. Letz­te­res wird unschön sein; ich kann es aber nicht aus­schlie­ßen, dass es auch soweit kom­men wird. Wir, jeder ein­zel­ne von uns kann die­se Ent­wick­lung aber mit gestal­ten und len­ken. Es ist jeder auf­ge­for­dert, sei­nen Teil hier­zu zu leis­ten.

Etwas müs­sen unse­re Flücht­lin­ge aber leis­ten, und die­se Hal­tung ver­tre­te ich ohne Kom­pro­miss: Sie müs­sen sich inte­grie­ren, wenn sie für sich eine dau­er­haf­te Zukunft in Deutsch­land sehen. Selbst­ver­ständ­lich müs­sen wir ihnen zuerst bei­brin­gen, was das für uns heißt und sie dabei an die Hand neh­men und viel, sehr viel erklä­ren. Inte­gra­ti­on ist für mich zunächst eine Bring­schuld unse­rer Gesell­schaft. Aber dann sind die Flücht­lin­ge gefor­dert – unse­re Wer­te wie Tole­ranz, Reli­­gi­ons- und Mei­nungs­frei­heit, Demo­kra­tie und die Gleich­heit von Mann und Frau sind nicht ver­han­del­bar und sind der Preis für ein Leben in Deutsch­land. In mei­nen Augen kein sehr hoher Preis.

Mein Name ist Ralf Ulb­rich und ich bin seit 2009 Bür­ger­meis­ter der Gemein­de Deiß­lin­gen (Lkr. Rot­t­­weil/Ba­­den-Wür­t­­te­m­berg). Die Flücht­lings­the­ma­tik betrifft mich unmit­tel­bar beruf­lich, da die Kom­mu­nen die Haupt­last der Unter­brin­gung und Inte­gra­ti­on tra­gen. Sie treibt mich aber auch pri­vat um, weil die­se Ent­wick­lung in mei­nen Augen unse­re Gesell­schaft in vie­len Belan­gen ver­än­dern wird, wie kaum eine ande­re zuvor.

 

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