Über Wochen hinweg unentdeckt geblieben ist der Tod eines allein lebenden Mannes in den 50-ern in Rottweil. In dem Mehrfamilienhaus in guter Wohnlage hatte sich eine Nachbarin bei der Polizei gemeldet, weil Post aus dem Briefkasten des Mannes gequollen war, und weil sie ihn schon länger nicht mehr gesehen hatte. Die beiden Feuerwehrleute, die dann die verschlossene Wohnung öffneten, machten einen gruseligen Fund.

„Unschön. Ein ganz unschöner Einsatz.“ Mit diesen Worten umschreibt der Kommandant der Rottweiler Feuerwehr, Frank Müller, was er und seine Kameraden an diesem Novemberfreitagmorgen erleben mussten. Der Verstorbene hatte Wochen in seiner Wohnung gelegen, die Verwesung war bereits weit fortgeschritten, der Geruch in der Wohnung nahezu unerträglich. In den 26 Jahren seiner Feuerwehrtätigkeit habe er, Müller, noch nichts Vergleichbares erlebt. Müller erzählt von einem unvergesslichen Geruch, der sich in der Dienstkleidung festsetze, die anschließend habe gewaschen werden müssen. Ein Geruch, der sich auch im Gedächtnis festsetze, mit langer Verweildauer. Sie hätten deshalb nach dem Einsatz, auf der Feuerwache, noch zusammen gesessen und über das Erlebte gesprochen, so der Stadtbrandmeister. Reden helfe ganz allgemein beim Loslassen.

„Einmal im Jahr kommt so etwas vor.“ Bestatter Frank Hertkorn verweist darauf, dass Rottweil immerhin Kleinstadt sei. Seine Kollegen in den Großstädten erlebten den einsamen Tod eines Menschen beinahe täglich. Hier aber gebe es noch soziale Kontakte. Das sei eher noch die heile Welt. So ein Fall, dass einer über mehrere Wochen tot in seiner Wohnung liegt, „das ist hier eher selten.“

Das Bild dann aber, das sich den Feuerwehrleuten bietet, die die Türe öffneten, den Rot-Kreuz-Mitarbeitern, die hinzugerufen worden sind, dem Notarzt, der den Toten untersucht, den Kriminalbeamten, die die Wohnung und den Toten daraufhin untersuchen, ob ein Verbrechen geschehen sein könnte, und den Bestattern, die sich dann um den Verstorbenen kümmern, dieses Bild sei „schon etwas extrem.“ Das habe, so Hertkorn, „mit Menschenwürde nichts mehr zu tun.“ Für Manchen sei das zuviel. Es gebe Bestatter, die den Job nach solch einem Erlebnis aufkündigten. Zwei Mitarbeiter von Hertkorn Bestattungen waren Anfang November mit der Versorgung des Verstorbenen betraut. „Da will man am Liebsten davon laufen“, berichtet Hertkorn, der diese Aufträge zur Genüge aus eigenem Erleben kennt, „aber das geht ja nicht. Es ist ja der Beruf.“ Ein Beruf, der immer wieder an die Grenzen der Belastbarkeit bringe – Hertkorn erinnert an den Brand in der Schwarzwaldstraße in Rottweil, dem zwei Jugendliche zum Opfer gefallen sind. Der Bestatter denkt da auch an die Feuerwehrleute, die rein müssen in so ein brennendes Haus – und dann vor den Opfern des Feuers stehen.

Im Fall des Verstorbenen in dem Mehrfamilienhaus Anfang November war es kein Feuer. Ihn hatte der Tod einige Wochen zuvor zuhause überrascht. „Ein natürlicher Tod“, heißt es im Polizeibericht, „für uns“, erklärt ein Sprecher der Tuttlinger Polizeidirektion, „haben die Emittlungen an dieser Stelle geendet.“

Für die Feuerwehrleute wirkte der Einsatz länger nach. Vor Ort waren sie ja die ersten, die rein mussten. Für die Türöffnung sind sie zuständig. In diesem Fall keine ganz schnelle Geschichte – die Tür zur Wohnung war abgeschlossen, der Schlüssel steckte von innen, es ging also nur mit ein wenig Gewalt und handwerklichem Geschick. Und dann: mit angehaltenem Atem rein, die Fenster aufgerissen – und eine externe Belüftung aufgebaut, hier über die Drehleiter, die angefordert worden war, um gegebenenfalls über den Balkon in die Wohnung reinzugehen. Nur raus mit diesem Geruch, das war das zweite Einsatzziel nach erfolgter Türöffnung.

Es gibt bei der Feuerwehr Rottweil ein Team aus zwölf Männern, die „Kleinschleife Tag.“ Leute, die beispielsweise auszeichnet, wie Kommandant Müller sagt: dass sie in der Nähe der Feuerwache wohnen und arbeiten und dass sie Arbeitgeber haben, die die häufigen Alarmierungen und Abwesenheiten ihrer Mitarbeiter mitmachen. Diese Feuerwehrleute sind auch handwerklich fit und in Sachen Schließtechnik auf dem neuesten Stand. Sie wissen, wie man in eine Wohnung reinkommt, immer.

Diese Kleinschleife Tag rückt laut Müller immer aus, wenn irgendwo eine Tür zu öffnen ist – entgegen ihrem Namen rund um die Uhr. Türöffnungen machen sie 15 pro Jahr, zuletzt etwa bei dem Gasalarm in der Unteren Heerstraße. Und wenige Tage zuvor in jenem Mehrfamilienhaus. Sie erleben die ganze Bandbreite: Hilfsbedürftige, die selbst die Rettungskräfte an- oder mit einem Hausnotruf gerufen haben, weil sie gestürzt sind, beispielsweise. Im Falle von Gasgeruch, wenn niemand anders rein will in die Wohnung. Und im Falle des Verdachts, dass hinter der Tür ein Toter liegen könnte.

Meist blieben diese Menschen, auf die überquellende Briefkästen oder ungewöhnliche Abwesenheit hinwiesen, nur wenige Tage lang unentdeckt, so Müller und Hertkorn übereinstimmend. Sehr, sehr selten lägen die Leichen über so viele Wochen hinweg in der Wohnung, wie in jenem Mehrfamilienhaus. Übrigens: ein gut-bürgerlicher Bau. Kein sozialer Brennpunkt, beileibe nicht. Auch den Angehörigen, hört man, sei die Sache sehr unangenehm. In diesen Tagen kommen sie zusammen, um sich des Falles anzunehmen.

Solche Einsätze wirken nach

Einfach wegstecken – das können die beteiligten Retter und Bestatter solche Erlebnisse nicht. Manche schweigen und machen die Sache mit sich selbst aus, manche berichten zuhause davon – und laden das, was sie belastet, auf diese Weise ab –, manche reden im Team darüber und wieder andere brauchen professionellere Hilfe. Frank Hertkorn ist da froh, dass es auch für Mitarbeiter im Bestattungswesen Seelsorger gint, „das etabliert sich gerade“, sagt er. Auch bei den Rettungskräften wächst das Wisse, dass nicht etwa nur Angehörige eines Unfallopfers psychologische Hilfe brauchen könnten, sondern auch die Helfer vor Ort.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Notfallnachsorgedienstes kümmern sich um die Betroffenen in einer akuten Krisensituation, heißt es beim Kreisverband des Roten Kreuzes, bei dem die Helfer angesiedelt sind. Es gehe schlicht um menschliche Nähe, Zuhören, Reden und Trösten. Die Notfallnachsorge verstehe sich als psychische und soziale Erste Hilfe, sie sei keine Therapie und zeitlich begrenzt. Die Hilfesuchenden entschieden selbst, ob und in welchem Umfang sie dieses Betreuungs­angebot wahrnehmen möchten.

Bei Einsatzkräften beschreibe man die emotionale Betroffenheit gerne als „Stress“, so das Deutsche Rote Kreuz. Stress sei medizinisch gesehen ein hoher Adrenalinausstoß ohne die Möglichkeit des ausreichenden Abbaus. Stress entstehe, wenn die Einsatzkraft vor einer sie fordernden Situation steht. Die Grenzen, die bei übergroßem Stress überschritten werden, seien verschieden. Der Notfallnachsorgedienst wird im Landkreis Rottweil über die DRK-Rettungsleitstelle (Notruf 112) angefordert.

Diese Helfer für die Seele seien absolut notwendig, bekräftigen Bestattungs­unterhemer Hertkorn und Feuerwehrkommandant Müller übereinstimmend. Vor allem die Mitglieder seines Teams „Einsatzschleife Tag“ würden „sehr viel sehen“, so Müller. Gerade der Einsatz in jenem Mehrfamilienhaus sei „schlimm und belastend“ für die Beteiligten gewesen. „So etwas“, erinnert sich Müller, „haben wir zuvor noch nie gesehen.“

 

 

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