ROTTWEIL – Leuchtend, beseelt, ausdrucksstark: In einer imposanten Gesamtleistung hat der Chor der Predigerkirche unter der Leitung von Johannes Vöhringer mit Gesangssolisten und dem Ensemble Musiche Varie Claudio Monteverdis „Marienvesper“ zur Aufführung gebracht.

Was für ein Klangereignis: Die „Marienvesper“ ist ein monumentales Gesamtkunstwerk, das Renaissance-Musik in polyphoner Hochblüte bietet und zugleich weit in barocke Klangwelten vorausweit. Dabei steckt es voller Nuancen, raffinierter Effekte und ergreifender Ausdrucksgehalte. Dieses solitäre Gipfelwerk verlangt Chören enorm viel ab.

Der Chor der Predigerkirche, mit Gastsängern auf rund 90 Vokalisten zu einem stattlichen Klangkörper angewachsen, zeigte sich auf diese Herausforderung bestens vorbereitet. Präzise, wendig im Detail einer Tektonik von bis zu zehn Stimmen gleichzeitig und wunderbar rund und klangvoll in homophonen Sätzen, meisterten die Choristen die Aufgabe in weiten Teilen mit Bravour – nicht zuletzt, da es Johannes Vöhringer gelang, einem auf Lebendigkeit und Plastizität zielenden Klangideal zu folgen und jenseits bloßer Ornamentik große, bewegende Bögen zu zeichnen.

Die Gesangssolisten, mit den virtuosen stilistischen Erfordernissen gut vertraut, konnten allesamt in hohem Maße überzeugen und oft begeistern. Monika Mauch und Annemei Blessing-Leyhausen (Sopran) bestachen etwa im „Pulchra es“ mit leuchtender, schlanker Tongebung und Gestaltungsfreude. Besonders zu brillieren wussten die Tenöre Achim Schulz und Daniel Schreiber, die beide ihr biegsam-elastisches vokales Können ganz in den Dienst der Textvermittlung stellten.

Oft gelangen ihnen delikate Effekte – etwa im berührenden Gesang zweier Engel „Duo Seraphim“. Thomas Scharr (Baß) stand dieser hohen klanglichen Reife in keiner Weise nach. Das Ensemble Musiche Varie fügte sich in das Klangganze sehr organisch ein. Als Impulsgeber oder Akzentuierer bestimmter Farben fungierten die Instrumentalisten jedoch selten. Überhaupt: Nicht alles gelang völlig überzeugend.

Die vokale Artistik wirkte zuweilen routiniert, ohne die innere Dringlichkeit, ein Gefühl oder eine Glaubensaussage wirklich zu vermitteln. Echoeffekte wirkten blass, da keinerlei zum Hinhören verführende Abschattierung erfolgte – bloße räumliche Distanz ersetzt keine Klangidee. Vor allem fiel das finale Magnificat in Teilen ab, wirkte kleinteilig, Vers für Vers durchbuchstabiert.

Dennoch: Das Konzert hinterließ einen tiefen Eindruck –Monteverdis Marienlob erstrahlte in seiner ganzen Komplexität. Nicht zuletzt hatte das Konzert auch eine eminent historische Dimension: Ein Monument der Marienfrömmigkeit in der Predigerkirche – das ließ sich nach Jahrhunderten schroffer Frontstellungen auch wie ein klingendes Zeichen konfessioneller Verbundenheit deuten.

 

 

 

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