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Mittwoch, 26. Februar 2020

Flüchtlingskoordinator Bernd Hamann steht in Dunningen Rede und Antwort

Etwa 75 Bürger haben in Dunningen eine Informationsveranstaltung der Gemeinde genutzt, um sich über die Flüchtlingssituation unterrichten lassen. Ein faktenreicher Abend.

„Was ich verstehe,
versteh ich mir,
was mir gelingt,
gelingt mir für andere.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

Mit diesem Zitat begrüßte die Bürgermeister-Stellvertreterin Inge Erath in Vertretung des erkrankten Bürgermeisters Dr. Kröger die etwa 75 Gäste in der Aula der Eschachschule Dunningen zu einer Informationsveranstaltung. Thema war die aktuelle Situation im Zusammenhang mit den Flüchtlingszuweisungen für den Landkreis Rottweil und speziell der Gemeinde Dunningen.

Hierüber referierte Bernd Hamann, Dezernent für Soziales, Jugend und Versorgung beim Landratsamt Rottweil. Vorgestellt wurde ferner auf zwei Folien das kleine, aber feine Netzwerk, welches sich in den vergangenen Wochen gebildet hat, um vielfältige Hilfe vor Ort zu leisten. Leider wurde hier eine Chance nicht genutzt. Die im Netzwerk allesamt in verschiedenen Funktionen bereits engagierten Personen wurden nicht genannt – Ausnahme Concetta Frech und Simone Imhof vom Bürgerbüro -; auch brauchen Namen Gesichter.

„Allgegenwärtig in sämtlichen Medien ist das Thema des nicht enden wollenden Flüchtlingsstroms, der seit Wochen und Monaten weite Teile Europas und auch unser Land, unser Dorf, erreicht hat. Menschen machen sich auf den Weg, wissen nicht, wie, ob und wo sie den morgigen Tag überleben werden. Wir als Kommune sind angehalten, Wohnraum zur Verfügung zu stellen, um ihre humanitären Bedürfnisse zu befriedigen und die schlimmste Not zu lindern. Dabei bitten wir auch um ihre Mithilfe, um die uns zugeteilten Flüchtlinge unterzubringen zu können“, so Inge Erath. Die Gemeindeverwaltung könne die Mammutaufgabe nicht alleine stemmen und sei deshalb auf ehrenamtliche Hilfe angewiesen. Als Anlaufstelle nannte sie das Bürgerbüro im Rathaus Dunningen.

Im Mittelpunkt: Sozialdezernent Bernd Hamann (Mitte) zwischen Bürgermeister-Stellvertreterin Inge Erath und Kämmerer Lothar Kopf. Foto: Fritz Rudolf
Im Mittelpunkt: Sozialdezernent Bernd Hamann (Mitte) zwischen Bürgermeister-Stellvertreterin Inge Erath und Kämmerer Lothar Kopf. Foto: Fritz Rudolf

Nach diesen Ausführungen ergriff Bernd Hamann das Wort. Im Wesentlichen stellte er das „Rottweiler Konzept“ vor, eingebettet in die landespolitischen Überlegungen und Handlungsweisen. Ausführlich und mit zahlreichen Beispielen untermauert informierte Hamann über die Entwicklung und derzeitige Situation im Landkreis Rottweil.

Am 31. Oktober 2014 hatten wir im Landkreis Rottweil 496 Asylbewerber, am 31. Oktober 2015 bereits 1165. Aktuell betrage die Zahl etwa 1300 im Kreis. Im Juli 2015 kamen zuerst etwa 40 bis 50, dann 100 Personen mit weiter steigender Tendenz (September 200, Oktober 265, November 282).

„Da müssen wir durch“, so Hamann.

Nach Nationalitäten aufgeteilt: Stand 6. November: aus den Balkanstaaten 42 Prozent, Syrien 23 Prozent, Afrika 13 Prozent, Pakistan 5 Prozent, Afghanistan 3 Prozent. Hier sei ein Wandel festzustellen. Die Anzahl der Balkanflüchtlinge nehme ab, die Zahl aus Syrien steige zunehmend. Allein im Kreis Rottweil haben wir derzeit etwa 700 syrische Flüchtlinge.

Bei der Unterbringung verfolge man das Konzept der dezentralen Unterbringung mit kleineren Einheiten (20 bis 40 Personen); wir wollen keine „große“ Lösung mit mehreren hundert Personen an einem Ort. Zusammen mit den Bürgermeistern im Kreis wurde ein sogenannter „Solidarpakt“ geschmiedet nach dem Motto „Jeder nimmt auf, so gut er kann.“ Bisher trage dieser Solidarpakt ebenso wie die dezentrale Unterbringung, so Hamann weiter. Im Landkreis Rottweil gehe es noch verhältnismäßig ruhig zu, so seine Worte. Problematisch sei nach wie vor die Wohnraumsuche. Die Unterbringung in Sporthallen sei eine absolute Notlösung. Vereins- und Schulsport hätten stark darunter zu leiden. Etwa zehn Werktage würden gebraucht, um eine Sporthalle bewohnbar zu machen. Der Landkreis Rottweil sei einer der wenigen Landkreise in Baden-Württemberg, der noch keine Zelte aufgestellt habe.

Auch die Suche nach geeigneten und qualifizierten Mitarbeitern in der Verwaltung gestalte sich nicht einfach. Der Grund: Es fehlen Fachkräfte für spezielle Aufgaben. Hier stehe der Kreis bei der Suche in Konkurrenz mit den Nachbar-Landkreisen.

Hamann unterstrich im Weiteren die Aussage von Landesvater Kretschmann „Wir arbeiten alle im Krisenmodus“ und „wir nehmen alles!“ Bei der Bewältigung der Aufgaben sei das ehrenamtliche Engagement unentbehrlich. Dies verdiene Anerkennung und Wertschätzung. Hamann zeigte sich stolz, dass es im Landkreis Rottweil insgesamt so gut klappt.

Das Erlernen der Sprache bezeichnete er als absolute Voraussetzung , als ersten Schritt zur Integration. Zu berücksichtigen sei ferner der kulturelle Hintergrund, aus dem diese Menschen kommen. Viele Qualifikationen, die sie mitbrächten ließen sich auf unserem Arbeitsmarkt nicht 1:1 umsetzen, sondern es müsse nachgeschult werden.

„Dunningen ist noch im Soll“, so Hamann und biete derzeit Unterkunft für 20 Personen.

Im Anschluss an seine detaillierten Ausführungen beantwortete er bereitwillig Fragen aus dem Publikum. Das Interesse seitens der Bevölkerung hielt sich in Grenzen – etwa 75 Zuhörer waren in der Aula – nicht viele, wenn man bedenkt, dass in der Gesamtgemeinde knapp 6000 Bürger wohnen.

Die Klasse 9a der ESD übernahm die Bewirtung des Abends. Mit dem Erlös soll die Abschlussfahrt finanziell unterstützt werden.

 

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