Das Kunst­mu­se­um Stutt­gart gehört zu den ers­ten Kul­tur-Adres­sen im Länd­le – nicht nur auf­grund sei­ner Lage vis-à-vis dem neu­en Schloss. Ein­mal jähr­lich bie­tet es im For­mat „Frisch­zel­len“ einem jun­gen Künst­ler die gro­ße Büh­ne. Aktu­ell ist dies der aus Dun­nin­gen stam­men­de und der­zeit in Ber­lin leben­de Rapha­el Sbrzes­ny. Sei­ne Aus­stel­lung star­tet die­ses Wochen­en­de.

Schon der erste Blick auf Raphael Sbrzesnys „Frischzelle“ zeigt: Hier wird Vielfalt geboten. Foto: Andreas Linsenmann
Schon der ers­te Blick auf Rapha­el Sbrzes­nys „Frisch­zel­le“ zeigt: Hier wird Viel­falt gebo­ten. Foto: Andre­as Lin­sen­mann

Oben ver­tieft sich das Publi­kum in Meis­ter­wer­ke von Otto Dix, etwa des­sen fri­vol-apo­ka­lyp­ti­sches Tryp­ti­chon „Groß­stadt“, oder es begut­ach­tet Arbei­ten des schwä­bi­schen Impres­sio­nis­mus und der klas­si­schen Moder­ne, die zum Para­de-Bestand des mar­kan­ten Glas­ku­bus im Her­zen der Lan­des­haupt­stadt gehö­ren. Weni­ge Schrit­te wei­ter, im licht­durch­flu­te­ten Unter­ge­schoss, gelangt man jedoch bereits zur Schau von Rapha­el Sbrzes­ny. Er stellt den kano­ni­sier­ten Wer­ken einen fri­schen, facet­ten­rei­chen Kon­tra­punkt gegen­über.

Raphael Sbrzesny. Foto: Andreas Linsenmann
Rapha­el Sbrzes­ny. Foto: Andre­as Lin­sen­mann

Des­sen Vita­li­tät speist sich aus meh­re­ren Quel­len: Sbrzes­ny, Jahr­gang 1985, ist sowohl Musi­ker als auch Bil­den­der Künst­ler und Thea­ter­ma­cher. Er hat in Stutt­gart und Paris klas­si­sches Schlag­zeug, Neue Musik und Kam­mer­mu­sik, in Bern expe­ri­men­tel­les Musik­thea­ter und Kom­po­si­ti­on, sowie wie­der­um in Stutt­gart und Mün­chen Bil­den­de Kunst stu­diert. Gereift ist dabei eine viel­sei­ti­ge Künst­ler­per­sön­lich­keit, die meh­re­re Per­spek­ti­ven fun­diert mit­ein­an­der ver­knüp­fen kann.

Oft wird dies unmit­tel­bar ables­bar, denn Sbrzes­nys Arbei­ten sind meist an der Schnitt­stel­le von Video, Per­for­mance und Instal­la­ti­on ange­sie­delt. So steht im Zen­trum der Stutt­gar­ter Schau eine Video-Arbeit, die in einer Black Box im Kino­for­mat vor­ge­führt wird: Sbrzes­ny spielt auf einem Schim­mel sit­zend eine Schlag­zeug-Ver­si­on von Igor Stra­win­skys „His­toire du Sol­dat“ – eine Para­bel, in der ein Sol­dat mit dem Teu­fel einen Deal macht und dabei letzt­lich sei­ne Ver­gan­gen­heit ver­liert. Es blit­zen effekt­vol­le Spot­lights auf, die Kame­ra umkreist Musi­ker und Pferd im Stil der sug­ges­ti­ven Bild­ma­gie eines Micha­el Ball­haus. Dabei voll­zieht sich eine Trans­for­ma­ti­on: Das Pferd wird im Medi­um Film zu einer Skulp­tur – mit viel­fa­chen Anspie­lun­gen, etwa auf die Tra­di­ti­on von Rei­ter­stand­bil­dern, auf das Rei­ten als Sinn­bild für Kon­trol­le. Und auf den Bruch mit die­ser Les­art durch Maria­no Mari­ni, des­sen Rei­ter nicht mehr len­ken, son­dern schlicht vom Pferd fal­len – eine Meta­pher für die Ver­wer­fun­gen der Moder­ne, gip­felnd in der Bar­ba­rei zwei­er Welt­krie­ge: Nein, der Mensch hat kei­ne Kon­trol­le über die Welt, sie ist ihm fatal ent­glit­ten.

Sbrzesny stellt die Dinge ironisch infrage: etwa mit einem lebenden Schimmel in einem Video. Foto: Andreas Linsenmann
Sbrzes­ny stellt die Din­ge iro­nisch infra­ge: etwa mit einem leben­den Schim­mel in einem Video. Foto: Andre­as Lin­sen­mann

Das ver­weist zugleich auf das über­grei­fen­de The­ma, mit dem sich Rapha­el Sbrzes­ny aus­ein­an­der­setzt: Er hin­ter­fragt Rol­len­bil­der – etwa indem er in einer wäh­rend eines Sti­pen­di­en­auf­ent­halts im Schloss Soli­tu­de ent­stan­de­nen Video­ar­beit einen „König“ gicht­ge­plagt durch sei­ne erlauch­ten Hal­len hum­peln lässt und in der Schau aus­stellt. Und er hin­ter­fragt künst­le­ri­sche Pro­zes­se. Was ihn beson­ders umtreibt, ist das Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen dem Musi­ker, der ein vor­ge­ge­be­nes Werk inter­pre­tiert und dem Künst­ler, der – zumin­dest in der hero­isch-roman­ti­schen Les­art – aus sich her­aus in völ­li­ger Frei­heit Neu­es schafft. Mit die­ser Pola­ri­tät von unter­ge­ord­ne­tem Repro­du­zie­ren und auto­no­mer Indi­vi­dua­li­tät will sich Sbrzes­ny nicht abfin­den. Er ist dabei, die Figur eines „Inter­pre­ten“ neu zu ent­wer­fen, eines „Inter­pre­ten“ der sich die Welt trotz aller Abhän­gig­kei­ten spie­le­risch, humor­voll, aber auch ernst aneig­net.

Aus theoretischen Schriften macht der Künstler praktische „Fußnoten“. Foto: Andreas Linsenmann
Aus theo­re­ti­schen Schrif­ten macht der Künst­ler prak­ti­sche „Fuß­no­ten“. Foto: Andre­as Lin­sen­mann

In der Schau wer­den die­se Recher­che- und Such­pro­zes­se, die Sbrzes­ny als Sti­pen­di­at der Cité inter­na­tio­nal des Arts Paris 2015/16 sowie der Kunst­stif­tung Baden-Würt­tem­berg 2016 fort­füh­ren kann, viel­fach greif­bar – nicht nur mit der Rei­ter-Tromm­ler- oder der Königs-Figur. Sbrzes­ny rückt in einer Instal­la­ti­on auch einen schil­lern­den Krea­ti­ven ins Blick­feld: Otto­mar Dom­nick (1907–1989), Psych­ia­ter in Stutt­gart und zugleich Fil­me­ma­cher, Kunst­samm­ler, Auto­fa­na­ti­ker – einer, der jen­seits bür­ger­li­cher Ein­deu­tig­keit mit Wider­sprü­chen zu leben lern­te und zig Rol­len in sich ver­ein­te. Auch sich zum Schrift­zug „Sohn“ ver­bin­den­de Glit­zer-Luft­bal­lons, die an hoch­theo­re­ti­schen Schrif­ten („Fuß­no­ten“ im schöns­ten Wort­sinn) bau­meln, ver­wei­sen auf eine Figur.

 „Eumel“, eine von Sbrzesny kreierte Comicgestalt. Foto: Andreas Linsenmann
„Eumel“, eine von Sbrzes­ny kre­ierte Comic­ge­stalt. Foto: Andre­as Lin­sen­mann

Die wit­zigs­te hat Sbrzes­ny unter der Trep­pe ver­steckt, man ent­deckt sie erst, nach­dem man die Schau gründ­lich erforscht hat: Es ist „Eumel“, eine von Sbrzes­ny kre­ierte Comic­ge­stalt. Was man dem mun­te­ren Gesel­len allen­falls auf den zwei­ten Blick ansieht: Er ist eine Col­la­ge – mit Bau­de­lai­re-Schlei­fe, Wal­ter Ben­ja­min-Stock und Pinoc­chio-Nase ist er, halb Dan­dy, halb Fla­neur, eine der Welt sehr zuge­wand­te Figur.

Das legt einer­seits eine nüch­ter­ne Bilanz nahe: Vie­les, was in der Welt als ori­gi­när und ganz­heit­lich auf­tritt, ist wohl nur geklaut und abge­kup­fert. Ande­rer­seits legt Sbrzes­ny, augen­zwin­kernd gera­de dies als sub­ver­si­ve Stra­te­gie nahe: Man muss sich die Welt aneig­nen, nur so öff­net sich auch Neu­es. Nicht zuletzt akzen­tu­iert „Eumel“ die sinn­li­che Dimen­si­on von Rapha­el Sbrzes­nys Stutt­gar­ter Aus­stel­lung: Da hat einer bei allen erns­ten Fra­gen und tief­schür­fen­den Kon­zep­ten enor­me Freu­de, zu gestal­ten und aus­zu­pro­bie­ren – eine Freu­de, die sich auf Betrach­ter sei­ner Kunst leb­haft über­trägt.

Info: Rapha­el Sbrzes­nys „Frischzelle_22“ ist bis 8. Mai 2016 zu sehen. Es erscheint ein Kata­log. Wei­te­re Infos unter www.kunstmuseum-stuttgart.de und raphaelsbrzesny.com.