Das Vorbild aus Reutte. Foto: Tourismusverband Naturparkregion Reutte

Nach­dem der Gemein­de­rat Zustim­mung zum Mega­pro­jekt Rott­wei­ler Hän­ge­brü­cke – die von der ältes­ten Stadt des Lan­des zu sei­nem höchs­ten Turm füh­ren soll – signa­li­siert hat­te, hat nun ein Pla­nungs­bü­ro im Auf­trag des Inves­tors begon­nen, zunächst die Bau­plä­ne zu erstel­len. Nach Aus­kunft der Stadt­ver­wal­tung bedeu­tet das noch nicht, dass es beim bis­her vor­ge­se­he­nen Ein­stiegs­punkt Bocks­hof bleibt. Der­weil wol­len sie im öster­rei­chi­schen Reut­te, wo bis­lang die längs­te Fuß­gän­ger-Hän­ge­brü­cke der Welt hängt, schon am Ruf der Rott­wei­ler krat­zen.

Es setzt Kri­tik. Und zwar unab­hän­gig vom Pro­jekt an sich. Die Hän­ge­brü­cke, die viel­leicht die längs­te der Welt wer­den könn­te, gilt in der Stadt als wei­te­res Zukunfts­pro­jekt. Bloß: Sie vom thyssenkrupp-Auf­zug­test­turm aus­ge­rech­net zum Bocks­hof zu füh­ren, einer klei­nen Grün­an­la­ge, die vor lan­gen Zei­ten zudem ein Fried­hof gewe­sen ist, das kommt nicht so gut an. 

Symbolisch: So kommt die geplante Hängebrücke aus dem ehemaligen Gottesacker, dem Bockshof. Foto: pm
Sym­bo­lisch: So kommt die geplan­te Hän­ge­brü­cke aus dem ehe­ma­li­gen Got­tes­acker, dem Bocks­hof. Foto: pm

Den Anfang hat­te Dr. Jür­gen Mehl mit sei­ner Fra­ge „Wohin geht’s, Rott­weil?” gemacht. Der SPD-Stadt­rat erin­ner­te dar­an, dass der Bocks­hof einst Got­tes­acker war, und dass er, Mehl, es sich kaum vor­stel­len kön­ne, dass künf­tig tau­sen­de von Tou­ris­ten dort durch­tram­pel­ten. 

Mehl urteil­te: 

Ein­grei­fen­de bau­li­che Maß­nah­men zah­len wir alle – sie gehen auf Kos­ten des­sen, was wir an die­ser char­man­ten alten Stadt schät­zen und lie­ben. Eine ihrer letz­ten idyl­li­schen Ecken mit ein­ma­li­gem Blick von der Stadt­mau­er ins grü­ne Neckar­tal ist der Bocks­hof, der alte Got­tes­acker von St. Lorenz. In sei­ner Erde lie­gen die Gebei­ne unse­rer Urah­nen aus fast 300 Jah­ren. Eine dort begin­nen­de Fuß­gän­ger­brü­cke zum Thys­sen­turm benö­tig­te zur Ver­an­ke­rung Grund­pfei­ler tief im Boden (in Reut­te sind es 17 Meter), ein Tou­ris­ten­rum­mel am Brü­cken­por­tal wäre das Ende der fried­li­chen Ruhe. Der Bocks­hof ist ein No-Go für den Sky­walk.

Mehl ist nicht der ein­zi­ge Kri­ti­ker. In der mehr als 2000 Mit­glie­der star­ken Face­book-Grup­pe „Du weißt, dass Du aus Rott­weil bist …”, in der vor allem Bil­der und Anek­do­ten aus der Stadt am Neckar gepos­tet wer­den, mel­det sich Made­lei­ne Wolf. Sie erzählt von einem „Tele­fo­nat mit mei­ner 90-jäh­ri­gen Groß­tan­te die aus Rott­weil stammt und bis heu­te mit ihrem vol­len Herz an Rott­weil hängt.” Im Lau­fe des Gesprächs sei­en bei­de auf den Bocks­hof zu spre­chen gekom­men, was sie „doch sehr nach­denk­lich” gemacht habe. 

Wolf erzählt über den Bocks­hof: 

Wo, wenn nicht hier, kann man mal in Ruhe sit­zen, reden, oder auch nicht­re­den, sei­ne Kin­der kurz sprin­gen las­sen (mit Auge auf die Mau­er ver­steht sich), sein Baby stil­len – kurz durch­at­men?

Nir­gends. Rott­weil hat kei­nen Stadt­park, in den Stadt­gra­ben run­ter­lau­fen zum Ent­span­nen und danach wie­der alles hoch­lau­fen? Wer macht das schon … erst recht mit Kin­der­wa­gen. Nur für eine hal­be Stun­de … ?
Mei­ne Groß­tan­te sag­te, frü­her hät­ten die Damen im Bocks­hof immer Kar­ten gespielt. Und ganz frü­her war es „dr´alt Got­tes­ackr” , ein klei­ner idyl­li­scher Fried­hof.
Sie sag­te „Was muss das für die Ange­hö­ri­gen der dort Begra­be­nen für eine Schän­dung dar­stel­len wenn dann täg­lich tau­sen­de Men­schen da drü­ber gehen?” Ich wür­de mir das für mich nicht wün­schen!

Die Dis­kus­si­on ist eröff­net, es mel­den sich wei­te­re Rott­wei­ler zu Wort. Einer schreibt „Genau rich­tig! Hän­ge­brü­cke und Bocks­hof pas­sen nicht zusam­men …” Ein ande­rer meint: „Ich hät­te grund­sätz­lich nichts gegen den Zugang über den Bocks­hof, aber könn­te mir als Alter­na­ti­ve auch den Zugang bzw. Aus­gang an der Jugend­her­ber­ge vor­stel­len.
Tech­nisch dürf­te es kein Pro­blem sein.” Er meint die ehe­ma­li­ge Jugend­her­ber­ge, gleich gegen­über der „Lie­der­hal­le”.

Ande­re sehen das anders. „Neu­jahrschie­ßen und Thea­ter­auf­füh­run­gen wer­den auch tole­riert”, lau­tet ein Kom­men­tar. Ein wei­te­rer kommt dar­auf zurück, dass die Fried­hoszei­ten des Bocks­hofs doch schon arg lang her sei­en.

Die NRWZ fragt bei der Stadt­ver­wal­tung nach – steht denn der Bocks­hof als Ein­stiegs­punkt schon fest? Die Ant­wort gibt Pres­se­spre­cher Tobi­as Her­mann. „Die genaue Gestal­tung und Lage der Brü­cken­köp­fe wird erst noch erar­bei­tet”, sagt er. Sobald die Plä­ne, an denen im Auf­trag des pri­va­ten Brü­cken-Inves­tors jetzt ein Pla­nungs­bü­ro arbei­tet, fer­tig gestellt sei­en, sol­len die­se der Öffent­lich­keit vor­ge­stellt wer­den. Aus­drück­lich erwünscht sei dann eine Dis­kus­si­on mit den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern. „Die­se Plä­ne sind wich­tig”, so Her­mann wei­ter, „damit wir eine gute Dis­kus­si­ons­grund­la­ge haben – auch für die Fra­ge, wo die Brü­cke beginnt und endet. Wir bit­ten daher alle Bür­ge­rin­nen und Bür­ger noch um etwas Geduld, damit der Inves­tor sein Vor­ha­ben kon­kre­ti­sie­ren kann.”

Unter­des­sen schaut man auch vom öster­rei­chi­schen Reut­te aus genau nach Rott­weil. Dort hängt „High­li­ne 179”, bis­he­ri­ge Rekord­hal­te­rin in der Dis­zi­plin „Längs­te Fuß­gän­ger-Hän­ge­brü­cke der Welt” (in einer spe­zi­el­len Unter­ka­te­go­rie). Die dort erschei­nen­de Tiro­ler Tages­zei­tung berich­tet aus­führ­lich über das Rott­wei­ler Pro­jekt, und macht ihren Text an einer in Reut­te gut bekann­ten Per­son fest: 

An der High­li­ne konn­te er noch „üben“, jetzt ist der Stanza­cher Mar­tin Kathrein allein­ver­ant­wort­lich für ein Brü­cken­pro­jekt, das Rekor­de bre­chen wird. In Rott­weil in Baden-Würt­tem­berg, auf hal­bem Weg zwi­schen Stutt­gart und dem Boden­see gele­gen, hat eine über­span­nen­de Idee das kon­kre­te Pla­nungs­sta­di­um erreicht. Zwi­schen 800 und 950 Meter lang wird eine Fuß­gän­ger­hän­ge­brü­cke Mar­ke Außer­fern wer­den.

Die Reuttener Brücke. Foto: Tourismusverband Naturparkregion Reutte
Die Reut­te­ner Brü­cke. Foto: Tou­ris­mus­ver­band
Natur­park­re­gi­on Reut­te

Den Leu­ten aus Reut­te ist damit klar, dass Gefahr droht für den Titel ihrer Brü­cke. Doch die Tiro­ler Tages­zei­tung hält fest, dass die „Reut­te­ner Guin­ness­buch-Rekord­hal­ter – ‚Längs­te Fuß­gän­ger­hän­ge­brü­cke der Welt im Tibet Style‘ – auch wei­ter beru­higt zu Bett gehen könn­ten: Das Vor­ha­ben in Rott­weil benö­ti­ge aus Sicher­heits­grün­den wenigs­tens zwei Stüt­zen. Kei­nes der frei­hän­gen­den Ein­zel­fel­der wer­de „das High­li­ne-Gar­de­maß von 406 Metern über­schrei­ten”, so die Tiro­ler. 

Zur über­haupt längs­ten Hän­ge­brü­cke der Welt hat es Reut­te ohne­hin nicht gereicht. Die hängt in Sot­schi – mit 440 Metern 45 Meter län­ger als das öster­rei­chi­sche Pen­dant. Damit wäre für Rott­weil 445 Meter Spann­wei­te zwi­schen zwei Stüt­zen anzu­pei­len …