Ein möglicher Verlauf der Fußgängerhängebrücke. Grafik: kts Innovations

Noch bis vor ein paar Wochen hat­te Gün­ter Eber­hardt einen Traum: Er wünsch­te sich nichts sehn­li­cher, als sei­nen 50. Geburts­tag auf der „längs­ten Hän­ge­brü­cke der Welt“ in Rott­weil zu fei­ern. Das wäre im August des kom­men­den Jah­res. Doch spä­tes­tens seit Mitt­woch­abend ist klar, dass ihm die Zeit davon läuft. Da hat der Rott­wei­ler Gemein­de­rat mit 20:3 Stim­men einen Bür­ger­ent­scheid beschlos­sen.

Am 19. März sol­len Rott­weils Bür­ger über die Hän­ge­brü­cke ent­schei­den. Frü­hes­tens dann, und das auch nur theo­re­tisch, könn­te der Inves­tor mit den kon­kre­ten Vor­ar­bei­ten begin­nen. Das förm­li­che Plan­ver­fah­ren wür­de auch erst ab die­sem Zeit­punkt begin­nen. Dau­er nach Anga­ben der Stadt: ein hal­bes bis gan­zes Jahr. Das heißt: Es zieht sich wei­ter, und es ist frag­li­cher denn je, ob die Brü­cke in Rott­weil über­haupt kommt.

Gün­ter Eber­hardt sagt: „Ich kann mit die­sem Beschluss leben.“ Aber er wirkt selt­sam ernüch­tert, fast ent­täuscht. Auf die Fra­ge, wann er im Fall eines posi­ti­ven Aus­gangs mit der Fer­tig­stel­lung rech­ne, ant­wor­tet er: „Wenn wir in dem Tem­po wei­ter­ma­chen wie bis­her, dann im Jahr 2020. Wenn ich die Bau­ge­neh­mi­gung habe, ist eine Bau­zeit von einem hal­ben Jahr mög­lich.“ Aber zuvor muss er erst noch die Brü­cken­tei­le ordern. Auch das wird sich hin­zie­hen.

Der Unter­neh­mer, der bereit ist, in Rott­weil 5,5 Mil­lio­nen Euro zu inves­tie­ren, stellt an sich, aber auch an sei­ne Part­ner hohe Ansprü­che: „Für mich muss die Akzep­tanz 100 Pro­zent plus x sein.“ Auf den Ein­wand, dass mehr als 100 Pro­zent nicht gehe, sagt er: „Doch, das x ist die Begeis­te­rung.“ Und dann fügt er hin­zu: „Ich will kein Mit­tel­maß, ich will das Ding in Per­fek­ti­on hoch­zie­hen.“ Und noch eines ist ihm wich­tig: „Ich ver­lan­ge Ehr­lich­keit.“ Kon­kret will er da lie­ber nicht wer­den.

Seit neun Mona­ten kämpft Eber­hardt jetzt in Rott­weil gegen Wider­stän­de an. „Ich muss auf­pas­sen“, sagt er, „dass ich nicht mein Geschäft ver­nach­läs­si­ge, denn das ist mein Beruf, die Brü­cke ist Frei­zeit.“ Zuerst sperr­ten sich nicht nur die Anlie­ger und Grund­stücks­be­sit­zer an allen mög­li­chen Ein­stiegs- und Aus­stiegs­stel­len, son­dern auch im Neckar­tal. Dann setz­te das Denk­mal­amt Gren­zen. Der Gemein­de­rat konn­te sich nicht so rich­tig ent­schei­den. Und im Sep­tem­ber hat sich noch die Bür­ger­initia­ti­ve „Rott­weil ohne Hän­ge­brü­cke“ gebil­det.

Sie erklärt die Brü­cke für „unnütz“ und „Luxus“. Dar­an konn­te auch die Dia­log­grup­pe nichts ändern, in der die Geg­ner mit­ar­bei­te­ten und für die sie loben­de Wor­te fan­den, obwohl der Grund­te­nor pro Brü­cke aus­fiel.

Jetzt ist der Gemein­de­rat der wich­tigs­ten Emp­feh­lung gefolgt und hat den Bür­ger­ent­scheid beschlos­sen. Gleich­zei­tig stell­te Jörg Stauss (Freie Wäh­ler) den Antrag, den Bocks­hof als Ein- und Aus­stiegs­stel­le aus­zu­schlie­ßen. Das fand zwar kei­ne Mehr­heit, aber immer­hin neun Befür­wor­ter, die gleich­zei­tig ankün­dig­ten, sonst die Brü­cke abzu­leh­nen. Die CDU moch­te sich dem nicht anschlie­ßen, aber ihr Vor­sit­zen­der Gün­ter Pos­selt ließ anklin­gen, dass der Bocks­hof letzt­lich wohl nicht in Fra­ge kom­me. Das ist auch so ein Punkt, den Gün­ter Eber­hardt nicht ver­steht. „Mir fällt auf“, sagt er, „dass alle Leu­te von außen für den Bocks­hof sind, in Rott­weil aber vie­le dage­gen, Ich ver­ste­he das nicht.“

In der Gemein­de­rats­sit­zung haben die Geg­ner zwar sehr ener­gisch erklärt, dass sie den Bocks­hof frei­hal­ten wol­len, ihre Grün­de aber nicht erläu­tert. Man kann sie des­halb nur ver­mu­ten: Es dürf­te eine Mischung sein aus Anlie­ger-Inter­es­sen, die bis hin zu Jörg Stauss rei­chen, und Pie­täts­ge­bo­ten für den ehe­ma­li­gen Fried­hof, der in ein­schlä­gi­gen Rott­wei­ler Krei­sen „Got­tes­acker“ genannt wird.

Der Gemein­de­rat sprach sich zwar für einen Bürger­entscheid aus, aber das Ergeb­nis fiel durch­aus knapp aus. 18 Stim­men waren für die Zwei-Drit­tel-Mehr­heit nötig, 20 (ein­schließ­lich) OB wur­den es schließ­lich. Kuri­os das Abstim­mungs­ver­hal­ten von Hei­de Frie­de­rich und Rei­ner Hils (bei­de FFR). Sie spra­chen sich zunächst klar für den Bür­ger­ent­scheid aus, votier­ten dann aber dage­gen. Begrün­dung: Weil in der Fra­ge­stel­lung der Bocks­hof nicht aus­ge­schlos­sen sei. Her­mann Klein (FDP) begrün­de­te sein Nein mit der Zustän­dig­keit des Gemein­de­rats.

Die von der CDU vor­ge­schla­ge­ne und dann beschlos­se­ne Fra­ge beim Bürger­entscheid am 19. März wird lau­ten: „Soll die Stadt Rott­weil die Vor­aus­set­zung dafür schaf­fen, dass ein pri­va­ter Inves­tor eine Hän­ge­brü­cke zwi­schen dem Ber­ner Feld und der his­to­ri­schen Innen­stadt errich­ten kann?“

Win­fried Hecht von der Bür­ger­initia­ti­ve zeig­te sich auf Anfra­ge nicht zufrie­den mit der For­mu­lie­rung. Die Bür­ger müss­ten kon­kret wis­sen, wor­über sie abstimm­ten, bemän­gel­te er. Gün­ter Pos­selt erklär­te, das kön­ne man im Bebau­ungs­plan­ver­fah­ren noch klä­ren. Dabei hät­ten die Bür­ger alle Mög­lich­kei­ten. Ein­fluss zu neh­men.

Gün­ter Eber­hardt tut alles, was man in die­ser Situa­ti­on tun kann. Er redet mit Geg­nern und Befür­wor­tern, er ver­han­delt mit Anlie­gern und Grund­stücks­be­sit­zern, er lässt sich auf die Stadt und ihre Eigen­hei­ten ein, er hat von sich aus auf ein schnel­les Bau­ge­neh­mi­gungs­ver­fah­ren ver­zich­tet und den lang­wie­ri­ge­ren Weg eines Bebau­ungs­plans ange­bo­ten. Er hat von Anfang an erklärt: „Je schwie­ri­ger es wird, umso inter­es­san­ter ist es für mich.“ Doch mitt­ler­wei­le zeigt er Wir­kung. Die Ver­hand­lun­gen über die Tras­sen­füh­rung ver­lau­fen sto­ckend bis aus­sichts­los. Erst jüngst habe ein Grund­stücks­ei­gen­tü­mer auf dem Ber­ner Feld die Gesprä­che für been­det erklärt, berich­tet Gün­ter Eber­hardt. Trotz­dem beteu­ert er tap­fer: „Ich will in Rott­weil Begeis­te­rung ent­fa­chen.“