In der estnischen Junghanssschau: Professor Dr. Rait Labotkin, Dr. Volker Ziegler und Botschafter Christoph Eichhorn. Fotos: vz

SCHRAMBERG (vz) – Über eine unge­wöhn­li­che Begeg­nung im Zusam­men­hang mit Jung­hans hat uns die­ser Bericht von Dr. Vol­ker Zieg­ler erreicht, den wir im Wort­laut ger­ne ver­öf­fent­li­chen:

„Als Herr Pro­fes­sor Dr. Rait Labot­kin den Kon­takt mit Dr. Vol­ker Zieg­ler aus Schram­berg such­te, wuss­te die­ser wenig von dem bal­ti­schen Est­land – geschwei­ge von der Uni­ver­si­täts­stadt Tar­tu, dem ehe­ma­li­gen Dor­pat. Aber sie fan­den bald ver­bin­den­de Gemein­sam­kei­ten: Bei­de sind  Ärz­te, er ist akti­ver, Dr. Zieg­ler, ehe­ma­li­ger Hoch­schul­leh­rer, und – last not least- ver­bin­det sie die Lei­den­schaft für Zeit­mes­ser, bei ihm spe­zi­ell für Junghans–Produkte. Seit Jah­ren sam­melt Dr. Labot­kin  aus­schließ­lich his­to­ri­sche Jung­hans Uhren und dazu alles, was ihm welt­weit,  in die­sem Zusam­men­hang, in die Hän­de fällt.

Dazu gehört auch alles Wis­sens­wer­te über  heu­te und ehe­mals agie­ren­de Men­schen, ihre Geschich­te, über die his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen der Uhren­fa­brik – ja und auch über die Stadt Schram­berg und ihre enge Ver­bin­dung mit ihrer Uhren­in­dus­trie. Obwohl er nie­mals dort war, sind sei­ne Kennt­nis­se von Land und Leu­ten pro­fund. Bei sei­nen Recher­chen stieß er auch auf des Bericht­erstat­ters Vater, Anton Zieg­ler, denn sein Inter­es­sen­schwer­punkt lag eher auf der Ori­gi­na­li­tät und dem Design sei­ner Samm­lung, als auf der Tech­nik.

Im Zusam­men­hang mit sei­ner geplan­ten „Jung­hans – 150 – Jah­re – Aus­stel­lung“ im ehr­wür­di­gen Tartu–City–Museum, konn­te Zieg­ler ihm ein paar Tips und Fak­ten über die Design – Geschich­te sei­nes Vaters von 1932 bis 1968 über­mit­teln. Sein Ver­such, Infor­ma­tio­nen vom Schram­ber­ger Stadt­mu­se­um zu erhal­ten, waren wohl lei­der weni­ger ergie­big, wie Dr. Labot­kin zu berich­ten wuss­te.

Aus Dank­bar­keit für sei­ne beschei­de­ne Hil­fe erhielt Zieg­ler die ehren­vol­le Ein­la­dung zum Besuch des Muse­ums, der er in den letz­ten April­ta­gen nach­kom­men konn­te. Von unse­rem Ehren­bür­ger Dr. Hans-Jochem Steim erhielt er noch ein Gruß­wort mit auf den Weg, wel­ches dank­bar ent­ge­gen genom­men wur­de.

Was Vol­ker Zieg­ler  dort zu sehen bekam, war über­wäl­ti­gend, was Anzahl, Ori­gi­na­li­tät und didak­ti­sche Auf­ar­bei­tung der Aus­stel­lungs­stü­cke betraf:  In einem ehe­ma­li­gen Palais, wel­ches Katha­ri­na von Russ­land zuge­schrie­ben wird, füh­ren zwei Säle in die Pro­dukt­ge­schich­te der Junghans–Uhrenfabrik ein. Dabei freu­te er sich natür­lich, daß die Design–Leistung sei­nes Vaters neben der von Max Bill seit den Sech­zi­ger Jah­ren mit vie­len Bei­spie­len gewür­digt wur­de. Aber auch die wich­ti­gen Mit­glie­der der Fabri­kan­ten­fa­mi­li­en Jung­hans und Steim sowie der der­zei­ti­ge Geschäfts­füh­rer, Mat­thi­as Stotz sind in Text und Bild pro­mi­nent ver­tre­ten. Die infor­ma­ti­ve Qua­li­tät der aus­ge­stell­ten Samm­lung reicht, nach sei­ner Mei­nung , an hie­si­ge Aus­stel­lun­gen zu die­ser The­ma­tik her­an – und in Tei­len sogar dar­über hin­aus.

Zufäl­lig ergab es sich , daß wäh­rend des Auf­ent­hal­tes des Bericht­erstat­ters in Tar­tu, in der ehr­wür­di­gen Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek eine Aus­stel­lung zu Ehren Kon­rad Ade­nau­ers, den Vater der euro­päi­schen Eini­gung und der Frei­heit in Ost­eu­ro­pa, eröff­net wur­de. Dort traf er nicht nur auf den Rek­tor der Uni­ver­si­tät,  Pro­fes­sor Kalm, son­dern auch auf den Bot­schaf­ter Deutsch­lands in Est­land, Chris­toph Eich­horn, der aus der Haupt­stadt Tal­lin (ehe­mals Reval) ange­reist war.

Im Gespräch konn­te Zieg­ler  ihn noch zu einem Besuch der Jung­hans Aus­stel­lung anre­gen. Aus einer, nur für kur­ze Zeit vor­ge­se­he­nen, Visi­te, ent­wi­ckel­te sich eine aus­ge­dehn­te Füh­rung, in der sich unser Bot­schaf­ter  für die Geschich­te der Schram­ber­ger Uhren­pro­duk­ti­on, die dar­an betei­lig­ten Men­schen, die Zeit­mess­tech­nik und das Design ver­schie­de­ner Uhren ein­füh­ren ließ. Von dem hier ver­wirk­lich­ten Pro­jekt der Dar­stel­lung eines deut­schen Indus­trie­zweigs war der Bot­schaf­ter sehr beein­druckt.

Er kön­ne es sich gut vor­stel­len, daß sich die­se Initia­ti­ve gut eig­nen wür­de, wenn im kom­men­den Jahr Baden Würt­tem­berg als Part­ner­land die deutsch – est­ni­sche Freund­schaft ver­tre­ten soll. Ein End­los­film über Jung­hans des SWR aus dem Jahr 2012, der in einem Aus­stel­lungs­raum lief, reg­te ihn sogar zu der Über­le­gung an, die Auf­merk­sam­keit des Sen­ders auch auf die­ses kurio­se und ein­ma­li­ge „Event“ hier, am äußers­ten, öst­li­chen Ende der Euro­päi­schen Uni­on auf­merk­sam zu machen.

In der Form einer Pati­en­ten-Visi­te im hoch­mo­der­nen Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum durf­te sich Dr. Zieg­ler auch einen Ein­blick ins est­ni­sche Gesund­heits­sys­tem ver­schaf­fen. Dort arbei­tet Pro­fes­sor Labot­kin als Chir­urg, Krebs­spe­zia­list und Leh­rer für den ärzt­li­chen Nach­wuchs.

Bei einem anschlie­ßen­den Besuch des „deut­schen Kul­tur­in­sti­tuts“, einer Gemein­schafts­ein­rich­tung des Goe­the­in­sti­tuts, der deut­schen Bot­schaft und pri­va­ter Trä­ger, hat­te sich die Direk­to­rin, Frau Ploo­vits es sich nicht neh­men las­sen, dem Besu­cher aus Schram­berg ihre Ein­rich­tung in einer schö­nen Jugend­stil­vil­la zu zei­gen. Sie erläu­ter­te dabei ihre und ihrer Mit­ar­bei­ter Auf­ga­be: die Jahr­hun­der­te  alte Bezie­hung ihres Lan­des mit Deutsch­land  im Han­del (Han­se), in der Wis­sen­schaft und Kul­tur zu pfle­gen. Auch sie warb  für das Part­ner­schafts­jahr 2017 mit Baden Würt­tem­berg.

In der Annah­me, daß sei­ne Ein­drü­cke aus dem fer­nen Est­land und die dor­ti­ge Sicht­wei­se unse­rer Indus­trie­ge­schich­te in der Schwarz­wald­hei­mat auf all­ge­mei­nes Inter­es­se sto­ßen könn­te, hat  sich Vol­ker Zieg­ler vor­ge­nom­men, dar­über zu berich­ten. Immer­hin sind eine sol­che Fül­le an Aus­stel­lungs­ob­jek­ten und auch die Kennt­nis­se der Hin­ter­grün­de von Fir­men und Fami­li­en­ge­schich­te sowie von Tech­nik und Design  unge­wöhn­lich für einen fach­frem­den Samm­ler ohne per­sön­li­chen und ört­li­chen Bezug zu sei­nen Objek­ten.

„Ein Mensch mit solch einer Samm­ler­lei­den­schaft muss schon ein klein wenig ver­rückt sein“ sag­te Pro­fes­sor Labot­kin scherz­haft. Und in die­ses Urteil stimm­te sei­ne Frau Kat­rin über­ein. Sie muss es ja wis­sen, denn sie ist auch Ärz­tin im Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum. Dabei erträgt sie tap­fer ein Haus, wel­ches mit Uhren und Doku­men­ten von und über Jung­hans voll­ge­stellt ist.“