Kauder: „Ich brauche keinen Urlaub“

Der CDU/CSU-Fraktionschef über den Tod, seinen Glauben, Flüchtlinge, Heckler & Koch und Griechenland

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Volker Kauder hat ein hartes halbes Jahr hinter sich: Ukraine-Krise, Flüchtlingsprobleme, Ärger mit dem Koalitionspartner SPD, teilweise auch mit der Schwesterpartei CSU und immer wieder Griechenland.

Die Kanzlerin wirkt ziemlich ausgelaugt und geht erst mal in Urlaub. Ihr engster Mitarbeiter, der Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der seine 310 Kollegen in schwierigen Gesprächen bis am Freitag vom dritten Hilfspaket für Griechenland überzeugen musste, geht auf zweiwöchige Sommertour durch seinen Wahlreis Rottweil-Tuttlingen.

Ich brauche keinen Urlaub, ich war seit vielen Jahren nicht mehr im Urlaub“, sagt der 65-Jährige mit fester Stimme und fügt hinzu: „Ich fühle mich fit und gesund.“

Es waren ja nicht nur die Tücken des politischen Alltags, die Volker Kauder während der letzten Wochen schwer zu schaffen machten, es waren auch zwei unfassbare Todesfälle in seiner Umgebung. Zuerst starb der Rottweiler Bürgermeister Werner Guhl (58) völlig überraschend und wenige Tage später der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Mißfelder im Alter von 35 Jahren.

„Das waren schwere Stunden“, sagt Volker Kauder. „Mit Herrn Guhl war ich noch drei Tage vor seinem Tod zusammen, und wenn man sieht, dass Philipp Mißfelder zwei Kinder im Alter von zweieinhalb und fünf Jahren hinterlässt, dann ist das brutal.“ Aber den Glauben des überzeugten Christen kann das nicht erschüttern. „Jeder von uns ist Gottes Hand geborgen“, sagt der Protestant und lässt keinerlei Zweifel zu.

Andere Themen schiebt er von sich, zumindest öffentlich. Zum Beispiel den Umstand, dass auch er, der CDU/CSU-Fraktionschef, offensichtlich vom US-Geheimdienst abgehört worden ist. „Davon weiß ich nichts und das ist mir auch egal“, sagt er.

Schmallippig reagiert der Bundespolitiker auch auf Vorwürfe, er habe hinter den Kulissen dafür gesorgt, dass die umstrittene Oberndorfer Waffenfirma Heckler & Koch bei der Beschaffung von Gewehren für die Bundeswehr bevorzugt wurde. „Das ist ein altes Thema, das jetzt neu aufgekocht wurde. Aber nach mehr als 20 Jahren kann ich mich an Details nicht mehr erinnern“, antwortet der Abgeordnete. Punkt, mehr ist ihm nicht zu entlocken.

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Offener gibt sich Kauder bei Fragen nach der Flüchtlingsproblematik. Im April hatte er festgestellt: „Deutschland könnte mehr Flüchtlinge aufnehmen.“ Das brachte ihm viele böse Kommentare per E-Mail ein. Jetzt warnt er, die Lage spitze sich zu, wenn, wie in Hamburg oder Sachsen, Zeltstädte errichtet werden müssten. So schwinde die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Deshalb, so fordert er, müsse man dafür sorgen, dass Flüchtlingen aus dem Westbalkan (Albanien, Kosovo, Serbien), deren Anerkennungsquote bei 0,1 Prozent liege, erst gar nicht nach Deutschland kommen könnten oder sie durch beschleunigte Asylverfahren umgehend wieder abschieben, um alle Menschen in wirklicher Not aufnehmen zu können. Kauder kennt den Vorwurf, die Politik tue nicht genug, um für Verständnis zu werben. Es gebe diverse Initiativen, sagt er, konkrete Lösungen verspricht er sich vom „Flüchtlingsgipfel“, der im Herbst stattfinden soll.

Am meisten hat ihn im gesamten ersten Halbjahr das Griechenland-Problem beschäftigt. Dabei stand er so ziemlich zwischen allen Fronten – SPD, Merkel, Schäuble, Opposition und vor allem zwischen den beiden Lagern in der eigenen Fraktion. Der Fraktionschef sollte die Zweifler überzeugen. Dass es ihm dann in immerhin 65 Fällen misslungen ist, sei „nicht schön“, sagt er, aber so sei das eben in einer großen Volkspartei.

Seine Wortwahl verrät, dass auch er sich nicht sicher ist. Kauder spricht im Konjunktiv, wenn er die Aussichten beurteilen soll: „Das ist nicht das dritte Hilfspaket, sondern das erste große Reformpaket“ schickt er voraus und sagt dann. „Das klappt nur, wenn es auch durchgesetzt wird.“

Im Mittelpunkt von Volker Kauders Sommertour stehen nicht die brisanten Themen, sondern das Handwerk. Verspricht wenig Ärger. „Ich freue mich darauf“, sagt er. Aber er weiß auch, dass Fragen nach den aktuellen Themen kommen werden und die Tour deshalb nicht die reine Freude sein wird.

Danach hat er Zeit für seine Frau Elisabeth. Sie fahren gemeinsam an den Bodensee. „Ein paar Tage“, sagt er, von Urlaub kann man da nicht reden. Anschließend bricht das Ehepaar auf in unterschiedliche Welten. Elisabeth Kauder fliegt im August, wie seit vielen Jahren, wieder in die Slums der 20-Millionen-Stadt Kalkutta, wo die Ärztin in einem Kinderkrankenhaus arbeitet. Volker Kauder reist nach Vietnam und Indien, um sich um verfolgte Christen zu kümmern.

 

 

 

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