Mahnmal im Eckerwald: Seit 30 Jahre Zeichen europäischer Versöhnung

ROTTWEIL – Die Gestalt eines gebrochenen, erniedrigten Menschen kniet in einer tiefen Mulde. Häftlingen des KZ Schörzingen mussten diese vor 76 Jahren für eine Industrieanlage ausheben. Der Rottweiler Künstler Siegfried Haas wählte diesen Ort bewusst aus, um auf die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Häftlinge hinzuweisen, die täglich im Außenkommando Zepfenhan geschunden wurden. Er schuf die Skulptur nach intensiven Gesprächen mit Überlebenden.

Die Figur hebt – mit letzter Kraft – das Gesicht nach oben. Die Opfer berichteten Siegfried Haas, dass sie die Zeit im KZ nur überleben konnten, weil sie an eine Idee glaubten. Sie waren Christen, Sozialdemokraten, Sozialisten oder Kommunisten. – Die Gestalt ballt eine der gefesselten Hände zu Faust und eine öffnet sie. Damit soll die Botschaft der Überlebenden überbracht werden: Wir können nicht vergessen, reichen Euch aber die Hände und wollen mit Euch den Weg des Friedens gehen!

Am 23. April 1989 wurde das Mahnmal der Öffentlichkeit übergeben. Robert Krieps, Minister für Justiz, Kultur und Umwelt in Luxemburg betonte bei der Feier: „Wir sind gekommen, weil wir Euch nichts nachtragen und gemeinsam eine neue Europäische Zukunft aufbauen wollen“. Robert Krieps sprach für seine Kameraden aus dem luxemburgischen Widerstand, die für das Mahnmal Gelder gesammelten hatten, nachdem deutsche Stellen einen Grundstock an Kapital gefordert hatten, bevor sie sich an der Realisierung beteiligen würden. Aus diesem Grund hatte das Großherzogtum Luxemburg zusätzlich einen fünfstelligen Betrag gespendete, den Minister Robert Krieps nun überbrachte.

Zur Verwirklichung des Mahnmals trugen außerdem Künstler aus der Region bei, indem sie Werke für zwei Auktionen zur Verfügung stellten. Durch mehrere Benefizkonzerte ging weiteres Geld ein. Nachdem diese Mittel zur Verfügung standen, bewilligten nun auch staatliche Stellen, Banken und Firmen größere Summen.

Im Februar 1997 hatten engagierte Bürger aus Rottweil und Umgebung die Initiative Gedenkstätte Eckerwald gegründet. Ziel war, das Gelände des Außenkommandos Zepfenhan zugänglich zu machen, die Geschichte des KZ Schörzingen1 und des Außenkommandos Zepfenhan 2 zu erforschen, Spuren zu sichern und zu dokumentierten, einen Gedenkpfad anzulegen. Jürgen Schübelin hatte bereits 1985 Kontakt zu Leon Donven in Luxemburg aufgebaut, einem Überlebenden des KZ Schörzingen. Der wiederum ermöglichte Verbindungen zu weiteren Kameraden in Luxemburg und Frankreich. Über das Maximilian-Kolbe-Werk konnten Überlebende aus Polen ausfindig gemacht. Die Überlebenden setzten sich politisch dafür ein, dass die Initiative Eckerwald ihre Pläne umsetzen konnte.

Der Gedenkpfad wurde vom 15. Juli bis 10. August 1987 im Rahmen eines europäischen Projekts angelegt. Jugendliche aus der BRD, Bulgarien, der DDR, England, Israel, Luxemburg, Schweden, Spanien, Ungarn und den Niederlanden reisten zu einem Camp des SCI (Service Civil International) an, arbeiteten zusammen mit den Mitgliedern der Initiative Eckerwald und den Naturfreunden Tuttlingen und Schramberg. Durch das Mahnmal wurde der Gedenkpfad Eckerwald zur Gedenkstätte.

Seit 1989 finden jährlich Begegnungstage mit Überlebenden und deren Angehörigen aus Luxemburg, Frankreich, Polen, den Niederlanden und Norwegen statt. Die Zeitzeugen besuchen Schulen in vier Landkreisen. Das Mahnmal im Eckerwald ist Zentrum der Gedenkfeiern und vieler europäischer Begegnungen.

Info: Das KZ Schörzingen war ein Außenlager des KL Natzweiler und gehörte zum Unternehmen „Wüste“. 1943/1944 sollte die Energiekrise des Deutschen Reiches durch die Gewinnung von Öl aus den Schiefervorkommen entlang der Bahnlinie Tübingen/Rottweil entgegen-gewirkt werden. Es wurden zehn Industrieanlagen geplant und sieben Konzentrationslager eingerichtet. Die KZ-Häftlinge dienten als billige Arbeitskräfte. Sie stammten aus den besetzten Ländern Europas und waren überwiegend Vertreter des Widerstands. Innerhalb von neun Monaten wurden 3480 von ihnen in den Wüste-Lagern ermordet: Vernichtung durch Arbeit. (Dr. Christine Glauning, Entgrenzung und KZ-System, Metropol Verlag , Berlin 2006, S. 255 ff)

Außenkommando Zepfenhan: Jeden Tag wurden etwa 500 Häftlinge von Schörzingen zu einer Baustelle nahe Zepfenhan getrieben. Sie sollten die Fundamente für eine Ölschieferanlage ausheben, Schiefer brechen und Meilerfelder anlegen. Die Todesrate in diesem Kommando war besonders hoch. (Wüste 10, Initiative Gedenkstäte Eckerwald, Gerhard Lempp, 2017)

 

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