Blick über Rottweil: Aussicht vom im Bau befindlichen Testturm aus. Foto: ThyssenKrupp

Das gut situ­ier­te Rent­ner­paar, das gera­de den Rott­wei­ler Bocks­hof durch­quert hat, wen­det sich hil­fe­su­chend an den Herrn mit Hund auf der Park­bank. „Sagen Sie mal: Was ist denn das da für ein Turm?”, fragt der älte­re Mann. Er deu­tet auf den im Bau befind­li­chen thyssenkrupp-Test­turm, der ganz in der Nähe hoch auf­ragt. Stau­nend und lachend nimmt der aus Stutt­gart stam­men­de älte­re Herr kurz dar­auf zur Kennt­nis, dass sein Fern­seh­turm bald abst­in­ken kann.

Testturm,Rottweil17062015
Der Test­turm mit der Gon­del für den Kran­füh­rer. Foto: thyssenkrupp

Rott­weil (gg, pm). Eine Höhe von 246 Metern, 15.300 Kubik­me­ter ver­bau­ter Beton und ein Gesamt­ge­wicht von über 40.000 Ton­nen – das sind nur eini­ge der Eck­da­ten, die davon zeu­gen, dass es sich bei die­sem Vor­ha­ben um eines der der­zeit pro­mi­nen­tes­ten Bau­pro­jek­te Süd­deutsch­lands han­delt. So freut sich auch der Gene­ral­un­ter­neh­mer, die Züb­lin AG, über das Pro­jekt.

Schon seit Beginn der Arbei­ten an dem zylin­dri­schen Turm aus Stahl­be­ton zie­he die Bau­stel­le im Rott­wei­ler Gewer­be­ge­biet Ber­ner Feld zahl­rei­che Besu­cher­grup­pen an, so das Unter­neh­men in einer Pres­se­mit­tei­lung.

In weni­gen Wochen wird das Bau­werk der Super­la­ti­ve mit einer Auf­trags­sum­me von rund 40 Mil­lio­nen Euro sei­ne end­gül­ti­ge Höhe erreicht haben. Dann wird es den höchs­ten Kirch­turm der Welt, das Ulmer Müns­ter, um 84 Meter über­ra­gen”, erklärt eine Unter­neh­mens­spre­che­rin.

Anspruchsvolle Baulösungen für bahnbrechende Mobilitätskonzepte

Im April 2014 erhielt die Direk­ti­on Stutt­gart der Ed. Züb­lin AG den Auf­trag für die schlüs­sel­fer­ti­ge Erstel­lung eines Test­turms für Hoch­ge­schwin­dig­keits­auf­zü­ge, die bis zu 18 Meter pro Sekun­de zurück­le­gen. Auf­trag­ge­be­rin ist die Krupp Hoesch Stahl GmbH, eine Toch­ter von thyssenkrupp.

Arbeit in luftiger Höhe. Der Bauarbeiter legt in etwa 160 Meter Höhe mit Hilfe eines Wasserstrahls die Stelle an der Außenwand des Turms frei, an der die nächste Abstützung für den Kran befestigt wird. NRWZ-Leserfoto: Gabriele Rapp
Arbeit in luf­ti­ger Höhe. Der Bau­ar­bei­ter legt in etwa 160 Meter Höhe mit Hil­fe eines Was­ser­strahls die Stel­le an der Außen­wand des Turms frei, an der die nächs­te Abstüt­zung für den Kran befes­tigt wird. NRWZ-Leser­fo­to: Gabrie­le Rapp

Auf­zü­ge stel­len eine Schlüs­sel­tech­no­lo­gie für die zukünf­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen der Urba­ni­sie­rung dar. Mehr denn je sind inno­va­ti­ve und platz­spa­ren­de Mobi­li­täts­kon­zep­te gefragt, wenn es dar­um geht, einen schnel­len, effi­zi­en­ten und siche­ren Per­so­nen­trans­port in immer höhe­ren Gebäu­den zu gewähr­leis­ten. Die Lösun­gen hier­zu ent­ste­hen ab 2016 im Test­turm in Rott­weil, wo die Auf­zugs­spar­te von thyssenkrupp für die höchs­ten Gebäu­de der Welt Tech­no­lo­gi­en der Zukunft ent­wi­ckeln und tes­ten wird.

Basie­rend auf den Ent­wür­fen der von Züb­lin beauf­trag­ten Archi­tek­ten Hel­mut Jahn und Wer­ner Sobek, wird das Gesamter­scheinungsbild des Test­turms die hohen Ansprü­che des thyssenkrupp-Kon­zerns im Hin­blick auf Inno­va­ti­on, Tech­no­lo­gie­füh­rer­schaft und Trans­pa­renz wider­spie­geln.

Bei der Arbeit am Testturm. Foto: ThyssenKrupp
Bei der Arbeit am Test­turm. Foto: thyssenkrupp

Konstruktion aus einem Guss

Für die 30 Meter tie­fe Bau­gru­be muss­ten zunächst 30.000 Kubik­me­ter Boden und Fels aus­ge­ho­ben wer­den. Die Siche­rung der Bau­gru­be erfolg­te mit Spritz­be­ton und drei Meter lan­gen Fels­nä­geln. Bei der Beto­nie­rung der Boden­plat­te am Grund des Bau­schachts wur­den in 12 Stun­den 700 Kubik­me­ter  Beton ver­baut.

Seit dem 10. März wächst der Turm­schaft bei einem Durch­mes­ser von 21 Meter pro Tag um durch­schnitt­lich 3,60 Meter in die Höhe. Mög­lich ist dies durch die Gleit­bau­wei­se, in der die Ort­be­ton­kon­struk­ti­on erstellt wird. Wie ein Kranz ver­läuft die Gleit­platt­form dabei um das obe­re Ende des Roh­baus. Pro Stun­de wer­den etwa acht Kubik­me­ter  fri­scher Beton in ca. 20 Zen­ti­me­ter star­ken Schich­ten in die ring­för­mi­ge Scha­lungs­form gegos­sen, nach­dem zuvor die erfor­der­li­chen Stahl­ar­mie­run­gen ein­ge­baut wor­den sind. Sobald der Beton im unte­ren Bereich der Scha­lung die not­wen­di­ge Fes­tig­keit erreicht hat, wird das Scha­lungs­ele­ment hydrau­lisch ein Stück nach oben gezo­gen. Dies geschieht etwa alle zehn Minu­ten in 2,5-Zentimeter-Schritten. Durch das kon­ti­nu­ier­li­che Auf­wärts­glei­ten der Scha­lung ent­steht eine fugen­lo­se Beton­röh­re. Ab einer Höhe von 110 Meter ver­rin­gert sich deren Wand­stär­ke von 40 auf 25 Zen­ti­me­ter.

Prägt die Ansichten Rottweils bereits: der Testturm, vom Hegneberg aus gesehen. NRWZ-Leserfoto: Sahrah Rupp
Prägt die Ansich­ten Rott­weils bereits: der Test­turm, vom Heg­ne­berg aus gese­hen. NRWZ-Leser­fo­to: Sah­rah Rupp

Das Gleit­schal­ver­fah­ren stellt hohe Anfor­de­run­gen an Beton­tech­no­lo­gie, Logis­tik und Per­so­nal. So müs­sen etwa bis zu 500 t Stahl auf der Bau­stel­le gela­gert wer­den, um spä­ter auf den Punkt genau ver­baut wer­den zu kön­nen. Der Kran, der das benö­tig­te Bau­ma­te­ri­al trans­por­tiert, wird jeweils in der Höhe ange­passt. Um eine naht­lo­se Kon­struk­ti­on aus einem Guss zu gewähr­leis­ten, darf der Beto­nier­vor­gang nicht unter­bro­chen wer­den. Dafür arbei­ten jeweils 20 bis 30 Fach­leu­te im Schicht­be­trieb rund um die Uhr.

Neben sei­ner beein­dru­cken­den Höhe, mit der der Test­turm sogar den 217 Meter hohen Stutt­gar­ter Fern­seh­turm über­ragt, wird er schon bald mit wei­te­ren rekord­ver­däch­ti­gen Zah­len glän­zen: So wer­den ins­ge­samt 15.300 Kubik­me­ter Beton ver­baut – das ent­spricht dem Inhalt von 15,3 Mil­lio­nen Milch­pa­ckun­gen. Allein der in Sum­me ver­bau­te Stahl bringt mehr als 2600 Ton­nen Gewicht auf die Waa­ge. Nach sei­ner Fer­tig­stel­lung wird der Turm mit rund 40.000 Ton­nen etwa so viel wie­gen wie 8000 afri­ka­ni­sche Ele­fan­ten. Für Pro­jekt­ober­bau­lei­ter Klaus Stroh­mei­er sind es vor allem die­se Dimen­sio­nen, die das Bau­vor­ha­ben ein­zig­ar­tig machen: „Eine Gleit­scha­lungs­kon­struk­ti­on mit sol­chen Aus­ma­ßen – das ist auch für erfah­re­ne Bau­ex­per­ten spek­ta­ku­lär!“

Vorzeigeprojekt von ThyssenKrupp macht rasante Fortschritte

Im Inne­ren des Turms wer­den der­zeit 12 Auf­zugs­schäch­te erstellt, von denen sechs auf etwa 110 Metern und fünf auf etwa 230 Metern Höhe enden. Für die Auf­zugs­tests steht eine maxi­ma­le Fahr­stre­cke von rund 260 Meter zur Ver­fü­gung. Nach Abschluss der Gleit­scha­lungs­ar­bei­ten Ende Juli wer­den die Ebe­nen und Decken im Inne­ren ein­ge­zo­gen. Um den Turm her­um ent­steht im Sockel­be­reich ein kreis­för­mi­ges, zwei­ge­schos­si­ges Ein­gangs­ge­bäu­de für Tech­nik, Lager, Zugang, Besu­cher- und Kun­den­lob­by sowie Sozi­al­räu­me. Bereits im Herbst lau­fen die Instal­la­tio­nen der Haus­tech­nik, Strom­lei­tun­gen und Tra­fos sowie der Ein­bau der Auf­zü­ge an. Nach Fer­tig­stel­lung des Roh­baus Anfang 2016 begin­nen vor­aus­sicht­lich im März nächs­ten Jah­res die Arbei­ten an der Außen­hül­le des Turms. Den Abschluss bil­den die Außen­an­la­gen, Stell­plät­ze und die Beleuch­tung. Die Eröff­nung des Test­turms ist für Ende 2016 geplant.

Hightech-Fassade sorgt für Transparenz und Schutz

Die Fas­sa­de aus PTFE-Mem­bran, einem beschich­te­ten Glas­fa­ser­ge­we­be, wird als semi-trans­pa­ren­te Kon­struk­ti­on den Beton­schaft in einer auf­stei­gen­den Spi­ral­form umhül­len. Neben der gestal­te­ri­schen Funk­ti­on bie­tet die an sechs Stahl­roh­ren befes­tig­te Mem­bran auch einen wich­ti­gen Schutz der Beton­kon­struk­ti­on vor inten­si­ver Son­nen­ein­strah­lung und Wind bzw. vor Über­hit­zung und star­ker Aus­küh­lung.

Weitblick garantiert: Deutschlands höchste Aussichtsplattform

Rott­weil ist nicht nur die ältes­te Stadt Baden-Würt­tem­bergs, son­dern auch bekannt für sei­ne lan­ge Turm­bau-Tra­di­ti­on. An die­se knüpft der neue Test­turm von thyssenkrupp an und schafft damit eine gelun­ge­ne Ver­bin­dung zwi­schen sei­ner moder­nen Archi­tek­tur und der his­to­ri­schen Turm­land­schaft der 24.500-Einwohner-Stadt. Neben der rei­nen Funk­ti­on als Test­turm wird das Bau­werk künf­tig auch ein attrak­ti­ves Aus­flugs­ziel wer­den. So ent­steht auf der obers­ten Ebe­ne eine öffent­lich zugäng­li­che, boden­tief ver­glas­te Besu­cher­platt­form für bis zu 99 Gäs­te, die mit 232 Metern die höchs­te Aus­sichts­platt­form Deutsch­lands sein wird und in die­ser Bezie­hung sogar den Ber­li­ner Fern­seh­turm schlägt.

Von Rott­weils neu­em Wahr­zei­chen aus wird den Besu­chern bald ein spek­ta­ku­lä­rer Pan­ora­ma­blick über die Schwä­bi­sche Alb, den Schwarz­wald und, bei guter Wit­te­rung, bis zu den Schwei­zer Alpen gebo­ten. Eines der per­sön­li­chen High­lights von Ober­bau­lei­ter Stroh­mei­er wird es sein, „zum ers­ten Mal auf der fer­ti­gen Platt­form zu ste­hen und die 360-Grad-Aus­sicht zu genie­ßen“.