Alle Richtungen führen in Rottweil zu einem Parkplatz. Foto: gg
Alle Richtungen führen in Rottweil zu einem Parkplatz. Foto: gg

Die Ent­schei­dung über das künf­ti­ge Park-Kon­zept der Stadt Rott­weil geht in die ent­schei­den­de Run­de, und die Auf­re­gung ist groß – beim Ein­zel­han­del, in Tei­len des Gemein­de­rats und auch der Stadt­ver­wal­tung. Die hat im Juli eine Ver­kehrs­zäh­lung ver­an­lasst und erwar­tet im Okto­ber das dar­auf beru­hen­de Gut­ach­ten. Ein Ver­gleich mit Nach­bar­städ­ten zeigt, dass die Park-Situa­ti­on in der Rott­wei­ler Innen­stadt ver­hält­nis­mä­ßig gut ist. Aber das wird nicht rei­chen. Jetzt sucht Rott­weil die Super-Park­platz-Idee. Mit Kom­men­tar

Auch das Ver­kehrs­gut­ach­ten im Okto­ber kann nicht alle Fra­gen klä­ren, vor allem nicht die ent­schei­den­de: Kommt die Hän­ge­brü­cke oder kommt sie nicht? Davon abge­se­hen ist klar, dass sich auf jeden Fall etwas ändern muss, und der Grund ist eben­so klar: Im Mai des kom­men­den Jah­res öff­net die höchs­te Aus­sichts-Platt­form Deutsch­lands auf dem thyssenkrupp-Test­turm, erwar­tet wer­den 100.000 Besu­cher pro Jahr.

Karl Hezin­ger, lang­jäh­ri­ger Stadt­rat und Ein­zel­händ­ler in der Innen­stadt, ließ jüngst einen Hil­fe­ruf los und sprach vie­len Kol­le­gen aus dem Her­zen: „Die Leer­stän­de in bes­ter Geschäfts­la­ge häu­fen, sich. Wie soll das wei­ter­ge­hen?“, kon­sta­tier­te er und gab gleich die Ant­wort: „Jetzt Park­plät­ze schaf­fen.“ Er weiß auch wo: Man müs­se das Haus Bahn­hof­stra­ße 1, hin­ter der Dut­ten­ho­fer Vil­la, „sofort abrei­ßen“. Das for­dern auch die Frei­en Wäh­ler, doch die sind im Gemein­de­rat mit ihrem Antrag knapp geschei­tert.

Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß setz­te sich durch. Er will das Haus vor­erst für Flücht­lin­ge frei­hal­ten. „Wei­te­re Schrit­te erge­ben erst dann Sinn, wenn auf der Grund­la­ge des Ver­kehrs­gut­ach­tens Klar­heit über den Park­raum-Bedarf besteht“, heißt es aus dem Rat­haus. Des­sen unge­ach­tet ste­he die Stadt „in kon­kre­ten Gesprä­chen mit meh­re­ren pri­va­ten Inves­to­ren zur Schaf­fung von Park­raum“. Heißt: Es geht um ein Park­haus.

Das könn­te zu spät sein, warnt Karin Huon­ker, die Vor­sit­zen­de des Gewer­be- und Ein­zel­han­dels­ver­eins. Es müs­se sofort etwas gesche, weil seit Jah­ren Park­pät­ze weg­fie­len, in der Innen­stadt regel­mä­ßig der Ver­kehr zusam­men­bre­che und man im Früh­jahr, wenn der Turm eröff­net wer­de, mit einem Besu­cher-Ansturm rech­nen müs­se, sagt sie und zeigt sich „ver­schnupft“, weil mit dem Gebäu­de Bahn­hof­stra­ße 1 nichts vor­an­ge­he.

Es wird nur genom­men, nichts gege­ben“, klagt Huon­ker, zählt auf, wo seit 20 Jah­ren über­all Park­plät­ze weg­ge­fal­len sei­en, legt aber Wert auf die Fest­stel­lung, dass die Ein­zel­händ­ler die Umge­stal­tung der Stadt­mit­te unter­stützt und den Weg­fall von Park­plät­zen hier in Kauf genom­men hät­ten. Dafür aber müs­se es einen Aus­gleich geben. Die Hän­ge­brü­cke wäre „eine tol­le Geschich­te“ für den Ein­zel­han­del, sagt die Vor­sit­zen­de, aber ein Ver­kehrs- und Park­cha­os kön­ne man sich nicht leis­ten.

Städtevergleich

Rott­weil: In der Stadt­mit­te ist die ers­te hal­be Stun­de gebüh­ren­frei, jede wei­te­re kos­tet einen Euro. Im Näge­les­gra­ben, zwei bis drei Minu­ten Fuß­weg ent­fernt, sind die ers­ten bei­den Stun­den gebüh­ren­frei. Für einen Euro kann man drei, für zwei Euro vier Stun­den (Höchst­dau­er) par­ken. Hier fin­det man immer einen Park­platz. Wenn nicht, sind neben­an das Park­haus oder Ede­ka eine Alter­na­ti­ve. Wei­te­re rund 40 gebüh­ren­freie Park­plät­ze gibt es vor dem Gefäng­nis. Auf der Groß‘schen Wie­se, kei­ne fünf Minu­ten von der Stadt­mit­te weg, kann man zwei Stun­den kos­ten­los par­ken. Das Tages­ti­cket kos­tet zwei, das Wochen­ti­cket 7,50 Euro.

Tutt­lin­gen: In der weit­läu­fi­gen Fuß­gän­ger­zo­ne gibt es kei­ne Park­plät­ze. In den angren­zen­den Zonen beträgt die Höchst­dau­er zwei Stun­den und der Preis einen Euro pro Stun­de. Außer­dem bie­tet die Stadt 70 Plät­ze, auf denen man mit Park­schei­be maxi­mal zwei Stun­den par­ken kann. Und: Auf dem „Donau­spitz“, knapp fünf Geh­mi­nu­ten von der Innen­stadt ent­fernt, ste­hen 300 gebüh­ren­freie Park­plät­ze zur Ver­fü­gung. Außer­dem hat Tutt­lin­gen zwei Park­häu­ser in Innen­stadt­nä­he.

Balingen ist das Park-Para­dies: Die Stadt erhebt kei­ner­lei Park­ge­büh­ren. Es gibt ins­ge­samt rund 3000 kos­ten­freie Park­plät­ze. Die Stadt betreibt drei Park­häu­ser, zwei davon sind in Koope­ra­ti­on mit den Grund­stücks-Eigen­tü­mern, der Spar­kas­se und der Arbeits­agen­tur, ent­stan­den, die einen fest ver­ein­bar­ten Anteil für ihre Mit­ar­bei­ter bele­gen. Auch künf­tig sol­len kon­ti­nu­ier­lich wei­te­re Park­plät­ze geschaf­fen wer­den, vor allem hin­sicht­lich der Gar­ten­schau 2023. Aller­dings deu­tet sich auch in Balingen ein Umden­ken an: Der Gemein­de­rat lässt der­zeit nach­rech­nen, wie viel Geld der Stadt durch das kos­ten­lo­se Par­ken ent­geht. Zum Ver­gleich: Rott­weil nimmt pro Jahr 190.000 Euro Park­ge­büh­ren ein, Tutt­lin­gen 306.000 Euro. Nicht ein­ge­rech­net sind die Kos­ten für die Voll­zugs-Bediens­te­ten.

Schram­berg: Eine Park­zeit bis zu 15 Minu­ten ist gebüh­ren­frei. Pro Stun­de wird eine Gebühr von 40 Cent fäl­lig, bei Park­plät­zen mit einer Höchst­dau­er von vier Stun­den kom­men 20 Cent pro hal­be Stun­de hin­zu. In meh­re­ren Stra­ßen, die ans Zen­trum angren­zen, gibt es gebüh­ren­freie Park­plät­ze.

Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen: In bei­den Innen­städ­ten gibt es kei­ne kos­ten­lo­sen Park­plät­ze. Die Gebühr pro Stun­de beträgt einen Euro.

 

Kommentar

Was die Einkaufsstadt Rottweil braucht

Rott­weil und Park­plät­ze – das ist eine sehr spe­zi­el­le Bezie­hung. Ist das Glas nun halb­voll? Ist es halb­leer? Oder doch ganz leer, wie Ein­zel­händ­ler in schö­ner Regel­mä­ßig­keit bean­stan­den? Hier liegt das ers­te Pro­blem: Wer per­ma­nent Park­platz-Not beklagt, der redet die Ein­kaufs­stadt Rott­weil schlecht und damit auch die eige­nen Geschäf­te. Wohin das führt, zeigt ein aktu­el­les Bei­spiel: Eine Frau aus einer Umland­ge­mein­de erklär­te einer Bekann­ten, sie fah­re nicht ger­ne nach Rott­weil, weil man da kei­nen Park­platz fin­de. Es stell­te sich dann her­aus, dass sie ihr Auto in bes­ter Lage abge­stellt hat­te – in der Stadt­mit­te, wo die ers­te hal­be Stun­de nichts kos­tet.

Es gibt kei­ne Park­platz-Not in der Rott­wei­ler Innen­stadt, ganz im Gegen­teil: Hier kann man gut und güns­tig par­ken. Wer rund ums Stra­ßen­kreuz kei­nen Platz fin­det, der hat zwei, drei Geh­mi­nu­ten wei­ter fast 100-pro­zen­ti­ge Sicher­heit: vor und hin­ter dem Gefäng­nis, wo ganz bezie­hungs­wei­se zwei Stun­den gebüh­ren­frei sind, ist immer was frei, not­falls neben­an im Park­haus oder bei Ede­ka.

Wahr ist aller­dings auch, dass wei­te­re Park­plät­ze vor der Hoch­brü­cke hilf­reich wären, schon um die Stra­ßen im Zen­trum zu ent­las­ten. Und da kommt das Gebäu­de Bahn­hof­stra­ße 1, direkt hin­ter der Vil­la Dut­ten­ho­fer, ins Spiel. Die Stadt hat es erwor­ben, um am Ein­gang zur Innen­stadt eine Park­flä­che zu schaf­fen, jetzt ver­zö­gert sie das, um not­falls Platz für Flücht­lin­ge zu haben. Ein zumin­dest dis­ku­tier­fä­hi­ges Argu­ment. Trotz­dem ist die Ent­schei­dung rich­tig, wenn auch aus einem ande­ren Grund: Im Okto­ber soll das neue Ver­kehrs­gut­ach­ten vor­lie­gen. Es macht Sinn, die­se paar Wochen noch abzu­war­ten und auf der Basis von Fak­ten ein Gesamt­kon­zept zu ent­wi­ckeln.

Ande­rer­seits besteht Zeit­druck. Bis im Mai kom­men­den Jah­res, wenn die Aus­sichts-Platt­form auf dem Turm eröff­net wird, muss die Stadt­ver­wal­tung ers­te Ide­en nicht nur lie­fern, son­dern umge­setzt haben – ob mit oder ohne Bahn­hof­stra­ße 1. Die ist spä­tes­tens dann unver­zicht­bar, falls auch noch die Hän­ge­brü­cke kommt. Das ist frag­li­cher gewor­den, seit­dem eine Bür­ger­initia­ti­ve Wider­stand ange­kün­digt hat.

Der Gewer­be- und Ein­zel­han­dels­ver­band sieht die Hän­ge­brü­cke als „tol­le Geschich­te“ und ziem­lich ein­ma­li­ge Chan­ce. Aller­dings hat er das bis­her der brei­ten Öffent­lich­keit ver­schwie­gen. Das kann geschäfts­schä­di­gend wer­den. Eben­so die Tat­sa­che, dass kein ein­zi­ger Ver­tre­ter gekom­men war, als ein Exper­te über die Chan­cen die­ser Brü­cke sprach. Die Park­platz-Situa­ti­on schlecht zu reden, ist kon­tra­pro­duk­tiv. Die Ein­kaufs­stadt Rott­weil braucht statt­des­sen Geschäfts­leu­te, die sich lei­den­schaft­lich für ihre urei­ge­nen Inter­es­sen enga­gie­ren, die also ver­eint für die­se Hän­ge­brü­cke kämp­fen, die bereit sind, dafür neue Ide­en zu ent­wi­ckeln, neue Wege zu gehen und damit ent­schlos­sen die Zukunft der Ein­kaufs­stadt Rott­weil anzu­ge­hen. Es ist eine his­to­ri­sche Chan­ce.

Lothar Häring