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Montag, 17. Februar 2020

Schramberg: Wirbel um Ruine Berneck

Es ist noch längst nicht zu spät / Eigentümer in der Pflicht / Gemeinderat wird entscheiden

SCHRAMBERG  (him) –  Bis vor kurzem kannte sie kaum einer, doch nun wollen viele dass sie erhalten bleibt: Die Ruine Berneck hoch über dem Bernecktal. In den Leserbriefspalten hagelt es Vorwürfe gegen die Stadt, der die Ruine aber gar nicht gehört. Und der vom Gesetz her für den Erhalt der Ruine verantwortliche Eigentümer sagt, er wolle sich „nicht dafür stark machen“, dass die Mauerreste erhalten werden. Die NRWZ zu den Hintergründen und zum Stand der Dinge:

Vor genau drei Jahren berichtete die NRWZ, dass das labile Felsmassiv unterhalb der Ruine den Fachleuten Sorge bereite. „Es ist klar, dass etwas getan werden muss“, sagte damals Dezernent Gerald Kramer vom Rottweiler Landratsamt zur NRWZ.

Entdeckt hatte die Gefahr der Geologe Andreas Menzel, der im Auftrag des Landkreises das Bernecktal genauer untersucht hatte. Nach einem Steinschlag im Jahr zuvor waren umfangreiche Sicherungsmaßnahmen angelaufen. Die bedrohten Felsen und zwei schon teilweise abgebrochene Mauern der Ruine haben dann Spezialisten  provisorisch mit Drahtseilen gesichert. Im November 2013 liefen die Arbeiten. Die Kosten für die vorläufige Sicherung  – etwa 45.000 Euro trug damals die Stadt.

Versteckt am Heuwegle: Die Burgruine Berneck. Foto: him
Versteckt am Heuwegle: Die Burgruine Berneck. Foto: him

Nun reicht diese provisorische Sicherung nicht mehr. Geologe Menzel: „Zwei Felsen sind extrem abbruchgefährdet, und die Mauerreste stehen auf diesen Felsen.“  Das Mauerwerk sei auch schon teilweise abgebrochen und der Rest sei „in einem maroden Zustand.“ Anhand von Bildern verdeutlichte er die Gefahr.

Extrem Abbruchgefährdet: Zwei Felsplatten an der Ruine Berneck.
Die beiden markierten Felsplatten müssen gesichert werden. Dabei gingen die Mauerreste dazwischen verloren, fürchten Experten. Foto: Andreas Menzel

Menzel hat im Ausschuss für Umwelt und Technik drei Varianten vorgestellt, wie das Problem zu lösen wäre. Die einfachste und kostengünstigste: die Mauerreste werde abgetragen, die beiden losen Felsen durchbohrt und im  gesunden Fels verankert. Kosten 58.000 Euro. In Variante 2 würde ein Drahtgeflecht über die Mauerreste gezogen, um die Mauer zu erhalten und anschließend die Felsen verankert. Kosten 106.000 Euro. Die teuerste Lösung wäre, die maroden Mauern klassisch zu sanieren, Lücken auszubessern und zu stabilisieren. „Das Denkmal würde wiederhergestellt.“  Allerdings würde das 161.000 Euro kosten.

Das Land würde jeweils nur 53.000 Euro beisteuern, das wäre die Summe, die für die Verkehrssicherung erforderlich wäre. Den Rest zahlt die Stadt. Verantwortlich für die Arbeiten ist das Straßenbauamt beim Landkreis. Die Stadt könnte allerdings statt der günstigen Variante auch eine teurere vorschlagen – wenn sie bezahlt.

Landesdenkmalamt im Interessenkonflikt

Das Landesamt für Denkmalpflege erachtet die beiden Mauerreste als „erhaltenswert und erhaltensfähig“, so Dr. Christine Schneider zur NRWZ. Allerdings hätten intensive Verhandlungen mit dem Eigentümer auch nach drei Jahren keine Finanzierung zu Wege gebracht. Im Mai war Ludwig Hartmann, bei der Stadt unter anderem für Denkmalschutz zuständig, zusammen mit Schneider zur Ruine Berneck hochgestiegen und hatten die maroden Mauern aus der Nähe begutachtet.

Schneider war zu dem Ergebnis gekommen, die beiden Mauerreste befänden sich „in extrem anspruchsvoller Topografie“. Die provisorischen Sicherungen reichten nicht mehr aus.  Aus Sicht des Denkmalamts habe „die Verkehrssicherheit höchste Priorität“, schreibt sie der Stadt, der Verlust der Mauern müsse wohl „in Kauf genommen“ werden. Wenn keine Möglichkeit besteht, die Ruine zu erhalten, werde sie ihre Bedenken zurückstellen.

Joachim Hilser vom Straßenbauamt hat sich nach der Ausschusssitzung nochmal mit dem Geologen Menzel zusammengesetzt. Die Außenmauern, auch eine relativ gut erhaltene und von der Straße zu erkennende Mauer werde „wohl nicht zu halten sein. Da brauchen wir nichts vorspielen.“

Auch wenn die Außenmauern, die wirken, als seien sie in die Felsen wie  Schwalbennester reingeklebt, fallen, werden Ruinenreste erhalten bleiben. Auf dem vorderen Felsen findet sich Mauerabschnitte und ein behauener Stein, der  wohl Teil eines Türpfostens war. Weiter Richtung Berg sind weitere Mauerreste und im ehemaligen Burggraben ebenfalls. „Archäologisch könnte es bergseitig interessant sein“, glaubt denn auch Ludwig Hartmann.  Diese Reste blieben auf jeden Fall ja erhalten.

Eigentümer: „Kein Interesse“

Die Ruine Berneck steht auf gräflichem Boden. Besitzer der Burg ist die Familie von Bissingen und Nippenburg. Franz Graf von Bissingen bestätigt das im Gespräch mit der NRWZ. Die Straßenbauverwaltung habe ihn wegen der geplanten Verkehrssicherungsmaßnahmen angeschrieben. Er sei mit dem Abbruch einverstanden. Zu einer möglichen Rettung der Mauern meint von Bissingen: „Ich sehe nicht, dass wir als Privatleute uns dafür stark machen.“ Vor der Waldrodung habe er die Burgruine nie gesehen. Die Verkehrssicherung sei „Behördensache“.

Franz Graf von Bissingen. Archiv-Foto: him
Franz Graf von Bissingen. Archiv-Foto: him

Das Denkmal aber müsste von Bissingen sichern, betont Dr. Christine Schneider vom Landesamt für Denkmalschutz: „Der Eigentümer muss etwas machen.“ Das Land oder die Kommunen könnten ihn dabei finanziell unterstützen. Aber: „Wir können Denkmalschutzmaßnahmen gegen den Willen des Eigentümers nicht auf den Weg bringen“, betont Dr. Schneider.

Franz von Bissingen hat eine andere Lösung, er  habe das Grundstück mit der Burg der Stadt zum Kauf angeboten: „Ich weiß nicht, ob die Stadt dran interessiert ist.“ Er habe nichts mehr gehört. Eine Übernahme durch die Stadt würde er begrüßen, denn das sei „ein toller Aussichtspunkt“. Fachbereichsleiter Uwe Weißer erklärt dazu: „Wir sind zu verschiedenen Themen in guten Gesprächen mit Graf von Bissingen.“ Zu Grundstücksverhandlungen werde sich die Stadt aber nicht öffentlich äußern.

Von Bissingen sagt abschließend, er besitze zwei weitere Ruinen. Das reiche: „Ich bin am Wald interessiert, nicht an Ruinen.“

Steinschlag nach Kahlschlag?

Hartnäckig hält sich die Ansicht, die Steinabgänge im Bernecktal rührten von den Kahlschlägen der vergangenen Jahre her. Vorher sei der Hang stabil gewesen. Erst mit dem Entfernen der Bäume seien die Probleme geschaffen worden, lautet eine immer wieder geäußerte Ansicht. Das sei ein „Trugschluss“, so Joachim Hilser vom Straßenbauamt. Der berühmte Steinschlag, der die ganzen Aktionen ausgelöst hatte, sei vor den Baumfällungen geschehen. „Als wir daraufhin ins Gelände gegangen sind, haben wird riesige Felsbrocken gefunden, die an kleinen, geschädigten Bäumchen hängen geblieben waren. Wenn die abfaulen, wären die Brocken ins Tal gestürzt.“

Solche felsbrocken gingen bei der beräumung im Jahr 2014 den Hang bei der Ruine Berneck runter. Foto: Fritz Wöhrle
Solche Felsbrocken gingen bei der Beräumung im Jahr 2014 den Hang bei der Ruine Berneck runter. Foto: Fritz Wöhrle

Die Felsbrocken haben da schon jahrzehntelang gelegen, es hätte wenig bedurft, dass die runter kommen, ist Hilser sicher. Deshalb sei „klar zu verneinen, dass die Baumfällaktion die Ursache war“.

Fritz Wöhrle aus Tennenbronn, der sich seit Jahrzehnten mit der Geologie auch des Bernecktals befasst, sieht es etwas differenzierter. Einerseits hätten die Bäume eine Schutzfunktion, aber eben nicht überall. Auf den Felsen könnten sie Schaden anrichten, in den Steilhängen hielten sie den Hang fest. Er habe an manchen Stellen nicht verstanden, „weshalb dort das Holz rausgenommen wurde.“ Eines sei aber sicher: “Die Erosion wird immer weitergehen, die Steinschlaggefahr ist nicht auszuschließen.“ Und noch einen Trost hat Wöhrle: „Durch den Bewuchs wird sich die Situation in zehn bis 15 Jahren wieder verbessern.“

Ruine ein Schramberger Kleinod?

Ruine Berneck- wer findet sie? Foto: him
Wo ist sie, die Ruine Berneck? Foto: him

So sah es jedenfalls der Schramberger Burgenexperte Lothar Späth, als durch die Beräumungen im Tal der Blick auf die Ruine frei geworden war. Er wandte sich in einem langen Brief 2013 an das Landesamt für Denkmalpflege. Er bat, dafür zu sorgen, dass die Burgruine erhalten bleibt, wie der Schwarzwälder Bote seinerzeit berichtete. Die Burgen Ramstein, Berneck und Falkenstein hätten zusammen gehört. Die Berneck – erbaut im frühen 13. Jahrhundert – zwischen den beiden anderen sei so etwas wie ein Außenposten gewesen.

Auf der Burg Berneck habe man Pfeilspitzen und Topfkacheln gefunden, die aber verschollen seien. Zwei Mal sei die Burg zerstört worden, irgendwann vor dem Jahr 1425 und endgültig 1452, als der Städtebund unter Anführung der Städte Rottweil und Ulm die Burg komplett zerstörte.  Späth schloss seinen Appell mit dem Hinweis, die Ruine sei „ein Beispiel einer mittelalterlichen Burganlage im Kleinformat, aber bedeutend für ihre Umgebung.“

Rat will Debatte

Das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen. Nachdem die Stadtverwaltung im Ausschuss für Umwelt und Technik über den Sachstand berichtet hatte, entwickelten sich in den Fraktionen lebhafte Diskussionen um das Für und Wider des Erhalts der zwei äußeren Mauern an der Ruine Berneck. Es gab im Ausschuss keinen Beschluss, auch keine Empfehlung, er hat lediglich die Berichte  des Straßenbauamtes und des Geologen zur Kenntnis genommen. Entscheiden könnte im Rahmen der Satzung die Stadtverwaltung.

Doch im Nachgang zur Information im Ausschuss hatte nicht nur Tanja Witkowski (SPD-Buntspecht) „Bauchweh“. Sie beantragte im Namen ihrer Fraktion, dass im nächsten Gemeinderat diskutiert und über einen möglichen Erhalt der Mauern entschieden werden soll. Sie verwies auf eine Aktennotiz des Landesdenkmalamtes aus dem Jahr 2015, wonach „die Burgruine Berneck aus wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Gründen als Kulturdenkmal nach Paragraph 2 Denkmalschutzgesetz geschützt ist.“

Ähnlich äußerte sich Johannes Grimm (CDU). Er forderte, es dürften „keine vollendeten Tatsachen geschaffen“ werden.  Es handle sich schließlich „nicht um Steine, die man nach Belieben abräumen kann.“

Da das Landesamt für Denkmalschutz die denkmalschutzrechtliche Bewilligung noch nicht erteilt hat – und dies nach Lage der Dinge auch so schnell nicht tun wird – , bleibt  Zeit für eine ausführliche Beratung in der Novembersitzung des Rates.

 

 

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