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Sonntag, 5. April 2020
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    NRWZ-Serie „Die Kultur und die Corona-Krise“: Existenzängste und Proben per Skype

    Rottweil – Theater, Museen und Büchereien geschlossen, Konzerte abgesagt, Festivals verschoben: Die Corona-Pandemie erschüttert auch das kulturelle Leben. Was bedeutet das für die Betroffenen in der Region? Wie gehen sie mit dem Ausnahmezustand um? Diesen Fragen geht die NRWZ in der Serie „Die Kultur und die Corona-Krise“ nach. Im ersten Beitrag sprachen wir mit dem Intendanten-Duo des Rottweiler Zimmertheaters, Bettina Schültke und Peter Staatsmann.

    NRWZ: Frau Schültke, Herr Staatsmann, vor zwei Wochen hat das Zimmertheater-Team die Uraufführung eines Stücks gestemmt und wenige Tage später mussten Sie den Spielbetrieb einstellen – das ist bitter, oder?

    Peter Staatsmann: Wir beschäftigen uns in unseren Stückentwicklungen seit Jahren mit dem Generationenkonflikt. Die Generationen der jetzt „Älteren“, denen es gelungen ist, viele Jahrzehnte in Frieden und Wohlstand zu leben, fahren jetzt die Gesellschaft auf Null herunter, ohne zu wissen, was dies bedeutet und welche Folgen es haben kann. Wenn ich das als Dramatiker anschaue, dann kann ich diesen Konflikt mal für einen Moment als Selbstschutzreflex der Älteren sehen – wieder geht das auf Kosten der Jüngeren. Jedenfalls ein hochinteressanter und brisanter Stoff – wie er im Zimmertheater schon in „Raub der Europa“ und jetzt wieder in „Die bessere Hälfte… der Familie“ durchgespielt wurde. Bitter finde ich, dass diese dramatische Auseinandersetzung nicht in den öffentlichen Raum gestellt werden kann.

    Bettina Schültke: Die Schauspielerinnen brauchen die Aufführungen und die Reaktionen des Publikums. Eine Inszenierung entwickelt sich durch jede Vorstellung weiter. Es wird schwer, nach Wochen oder nach Monaten eine Inszenierung wieder hochzuholen und sie auch wieder in das Bewusstsein der Zuschauer zurück zu bringen. Die im Stück angesprochenen Themen der Verhältnisse zwischen den Generationen, der Frauenschicksale, der Umgang mit Demenz, mit Digitalisierung und der Weitergabe von Traumata sind uns sehr wichtig. Wir hoffen, dass wir eine Möglichkeit finden, diese Inszenierung einem großen Publikum zu zeigen. Wenn sie – hoffentlich! – wiederkommt, sollten möglichst viele sie besuchen!

    NRWZ: Wie geht es Ihnen jetzt? Wie ist die Gefühlslage im Ensemble?

    Peter Staatsmann: Theatermenschen wie wir sind nie schicksalergeben, ein Hauptziel unseres Tuns ist gegen das Hinnehmen von Verhängnis zu protestieren. Auf der Bühne können wir es gegenwärtig nicht tun. Wir ergeben uns aber diesem Schicksal nicht, wir analysieren die Situation.

    Bettina Schültke: Aufgrund der Auflage des Landesrechnungshofs, die Rücklagen im letzten Jahr stark abzubauen, haben wir kein finanzielles Polster. Die Schauspielerinnen möchten spielen, sind natürlich auch beunruhigt. Da sie fast alle nicht mit erstem Wohnsitz in Rottweil wohnen, müssten sie anreisen, was im Moment nicht geht. Es sind nicht nur die Aufführungen abgesagt, sondern auch die Jugendclubs, das Klassenzimmerstück und alle theaterpädagogischen Veranstaltungen mit Schulen.

    NRWZ: Was für Folgen hat die jetzige Situation für die Schauspielerinnen und die anderen im Team? Bekommen die weiter Gehalt oder müssen sie um ihre Existenz bangen?

    Peter Staatsmann: Ja, wenn ein Lockdown zu lange anhält, sind wir mit unserer bisher geschickt gemanagten Finanzierung am Ende.

    Bettina Schültke: Wir zahlen die verabredeten Gagen, auch wenn wir vorerst nicht spielen können und es für das Zimmertheater ein großer finanzieller Verlust ist, denn wir haben ja eine im Vergleich zu den meisten Bühnen hohe Eigenfinanzierungsquote von etwa 37 Prozent. Ich habe alle Unterlagen zur Beantragung von Kurzarbeitsgeld zusammen und hoffe, dass das von der Agentur für Arbeit genehmigt wird und wir wenigstens einen Teil der Gagen und die Sozialabgaben ersetzt bekommen. Fast alle, die im Theaterbereich arbeiten, haben keine finanziellen Rücklagen. Das heißt, der Zusammenbruch des kulturellen Lebens wird sehr viele Existenzen gefährden. im Moment sind 13 Personen vom Minijob bis zur Festanstellung am Zimmertheater beschäftigt, alle mit befristeten Verträgen.

    NRWZ: Können Sie die Zwangspause mit ungewisser Dauer irgendwie produktiv nutzen oder sind auch Proben und anderes mittlerweile unmöglich?

    Peter Staatsmann.: Wir haben die Produktion eines Klassenzimmerstückes auf dem Plan, ein Stück über die Auswirkungen der Digitalisierung, individuell und gesellschaftlich. Wahrscheinlich wird es „Corona geht viral“ heißen. Die Texte entstehen gerade, wir werden wohl auch per Skype oder WhatsApp proben, auch eine Auffrischungsprobe für „Die bessere Hälfte… der Familie“ wird in einigen Tagen als Videokonferenz stattfinden.

    Bettina Schültke: Ein großes Problem wird unser diesjähriges Sommertheater: Eigentlich müssten schon alle Verträge gemacht sein, sowohl mit den beteiligten Künstler als auch mit den Firmen, die die Tribüne aufbauen, den Toilettenwagen liefern, das Banner produzieren und so weiter. Wenn wir diese Verträge trotz Unsicherheit abschließen und das Sommertheater fällt aus, müssen wir trotzdem zahlen. Erst im Juni die Verträge abschließen, wäre zu spät, weil ein solches Großprojekt einen Vorlauf braucht. Das ist eine Zwickmühle, denn wenn wir die Verträge auszahlen müssten ohne aufzuführen, kann es zur Insolvenz des Zimmertheaters führen. Wir brauchen die Einnahmen durch die Eintrittsgelder. Zudem haben wir für „Cyrano de Bergerac“ über 37.000 Euro an Projektgeldern von LEADER-Oberer Neckar eingeworben, die laut Auskunft des Regierungspräsidiums dieses Jahr ausgegeben werden müssen. Es bahnt sich zwar eine Regelung an, aber es ist nicht einfach.

    Bisher erstellen wir im Büro viele Listen über die finanzielle Situation des Zimmertheaters für das Regierungspräsidium, die Ministerien, Fördermittelgeber – ein riesiger Wust an Bürokratie.  Viele der geförderten Projekte der letzten Spielzeit müssen noch abgerechnet werden, dafür finden wir jetzt die Zeit. Wir haben auch noch einige Anträge am Laufen, die nicht entschieden werden, weil sich die Jurys nicht treffen können. Es ist auch unklar wie es mit neu aufgelegten Förderprogrammen wie etwa „FreiRäume“ weitergeht, weil die Informationstreffen abgesagt wurden. Insgesamt eine sehr unsichere Situation.

    NRWZ: Manche Kulturschaffende und Institutionen trotzen Corona und weichen verstärkt ins Internet aus. Wäre das eine Option fürs Zimmertheater? Ließe sich zum Beispiel ein Video der aktuellen Produktion ins Netz stellen?

    Peter Staatsmann: Theater ist 100 Prozent abhängig von der gleichzeitigen Anwesenheit von Spielern und mitspielenden Zuschauern. Nur dann gibt es den Erfahrungsübersprung vom stellvertretend Fühlenden auf denjenigen, der ihm in Nähe und Konzentration folgt und mit ihm „verschmilzt“. Dies geht nicht am Bildschirm. Punkt und Ende.

    Wir überlegen aber trotzdem, ob wir es schaffen können, eine Art „Lecture-Format“ digital zu stemmen, in dem wir über Gesellschaft und Kunst, über Demokratie, Europa und Gegenwart, und im Besonderen über Theater laut nachdenken und dazu Schnipsel unserer Theaterinszenierung einmontieren, die sich auf das Nachdenken beziehen.

    NRWZ: Sie als Theaterleute sind besonders aufmerksame Beobachter – was sind die wichtigsten Beobachtungen, die Sie gerade in unserer Gesellschaft machen, die ja zum Teil unter Corona-Schock steht, zum (jüngeren) Teil aber auch noch recht sorglos zu sein scheint?

    Peter Staatsmann.: Corona wird zu einem Lehrstück für unsere Weltgesellschaft werden. Man wird viel lernen können. Ich hoffe, wir werden es tun können – ohne Störungen von Parolenheinis und schmalspurigen Besserwissern. Wir stehen für eine rückhaltlose Aufklärung und für eine Öffentlichkeit nach den Maßverhältnissen der bürgerlich-freiheitlichen Gesellschaft – und die fängt gottseidank an, über Fehler der Vergangenheit intensiv nachzudenken. Ein Beispiel: Die Wasserwerke in Leipzig sind zurückgekauft worden von der Stadt. Touché! Weiter so! Exzesse der Privatisierung werden zurückgenommen, das fängt man an zu verstehen.

    NRWZ: Krisen und existenzielle Herausforderungen sind ja Ur-Themen des Theaters. Welche zentralen Einsichten fallen Ihnen aus dem reichen Bühnenschatz zu den aktuellen Entwicklungen ein?

    Peter Staatsmann: Krise kommt von griechisch „krinein“ und bedeutet trennen und sondern. Also nichts anderes als differenzieren. Das versuchen wir in unserer klassischen bürgerlich-aufklärerischen Kunstform Theater immer und wir sehen jetzt, dass wir damit auch Erfolge erzielen. Denn viele Menschen werden besonnener und aufgeklärter. Das Wichtigste ist, dass wir lernen, Ambivalenzen, also schwierige Sachverhalte, erst einmal auszuhalten und schließlich differenziert zu betrachten. Theater ist immer eine Schule für Ambivalenzfähigkeit und Ambivalenz ist stets Eigenschaft und Attribut von Realität.

    NRWZ: Sehen Sie in der derzeitigen Krise auch Chancen – gerade fürs Theater?

    Bettina Schültke: Vielleicht wird am Ende stärker gesehen, wie unabdingbar künstlerische Verarbeitung von Konflikten ist und dass wir auf Theater und Kunst nicht verzichten können, denn Kunst macht uns fähig eine lebensfähige und lebenswerte Zukunft zu gestalten. Vielleicht wird auch das Theater selbst wieder relevanter, dort, wo es heute allzu selbstverliebt sich in Buntheit und Grellheit wie auf einem Jahrmarkt attraktiv zu machen versucht. Oft vergeblich, wie ich finde. Wir machen es ja in Rottweil jahrelang schon etwas anders – mit einigem Erfolg.

    NRWZ: Wie kommen Sie selber durch diese strapaziöse Phase – lesen Sie dicke Schmöcker, schauen Sie Aufzeichnungen von Theaterinszenierungen …?

    Peter Staatsmann: Es wird geschrieben, reflektiert, grundlegende und neue Schriften gelesen, für die sonst oft die Zeit fehlt – um in unserer Gegenwart eines Epochenumbruchs, wo ein neues Gesellschaftsmodell aufgebaut werden muss, ästhetisch und kulturell, aber nicht nur, etwas beitragen zu können.

    NRWZ: In welche Bühnenfigur würden Sie derzeit gerne schlüpfen, um deren Erfahrungen und Möglichkeiten zu haben?

    Peter Staatsmann: Da wir alle jetzt Faust werden, der am Ende in seinem modernisierenden und kolonisierenden Größenwahn untergeht, bleibt mir als Theatermensch im Moment nichts anderes übrig, als diese Verkörperung mit zu vollziehen. Faust kann man heute als gefangen im Teufelskreis der Investments sehen – er vernichtet seine Lebensgrundlagen selbst – wie der freigelassene Finanzmarkt in Gestalt der riesigen Investmentgesellschaften, die unser eigenes Pensionsgeld gegen uns einsetzen, indem sie irreale Profitraten erzeugen wollen und damit eine menschliche Wirtschaft zerstören. Diesen Circulus muss Faust beenden. Goethe hat aber eine Hoffnung am Ende: Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan – gegen das faustische Prinzip – das Ewig-Männliche – müssen wir umschwenken auf das Ewig-Weibliche, auf die Liebe, sprich: Solidarität und gemeinsames Denken. Sonst haben wir ja nicht viel, als Menschen. Wir müssen dieses Prinzip in die Weltgesellschaft einbringen, womit wir wieder bei Corona wären und bei unserer aktuellen Produktion „Die bessere Hälfte… der Familie“! Ein Frauen-Stück!

    Die Fragen stellte NRWZ-Redakteur Andreas Linsenmann.

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