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Rottweil
Dienstag, 25. Februar 2020

Stühlerücken im Rottweiler Gemeinderat: teils aus privaten, teils aus traurigen Gründen

Der Rottweiler Gemeinderat bekommt neue Gesichter. Gleich drei Stadträte haben um ihr Ausscheiden ersucht, formal wird dem der Gemeinderat zustimmen müssen. Ein vierter Stadtrat, Michael Hezel von der SPD, ist überraschend verstorben. Mit dieser Position werden vier neue Stadträte ins Gremium aufgenommen werden, ein großes Stühlerücken, also. Einen der Neuen kennt man im Rund schon. Er kommt mit gemischten Gefühlen zurück.

ROTTWEIL. Arved Sassnick hat sich sein Pensionärsdasein eigentlich schon ohne die Gemeinderatssitzungen und die Pflichttermine eingerichtet, die die Stadtratstätigkeit begleiten. Auch war er – nach anfänglicher Enttäuschung darüber, dass sein Ergebnis bei der Kommunalwahl 2014 nicht für den Wiedereinzug gereicht hatte – nicht böse darüber, seine Zeit nun anders nutzen zu können.

Arved Sassnick. Archiv-Foto: Stadt Rottweil
Arved Sassnick. Archiv-Foto: Stadt Rottweil

„Außenstehende machen sich ja kaum eine Vorstellung, was die Stadtratsarbeit mitbringt“, sagt Sassnick zur NRWZ. Ihm und seinen Kollegen sei von einer Anwaltsgattin aus Villingendorf mal vorgeworfen worden, es gehe den Gemeinderäten doch bloß darum, die Sitzungszeit abzusitzen und Wurstweckle zu vespern. Das sei beileibe nicht so. Für den Oberstudienrat im Ruhestand und gestandenen SPD-Mann – 40 Jahre in der Partei, unangefochten an der Spitze des Ortsvereins – bedeutet das, dass er ein Hobby im Bereich der Geschichtsforschung, das er 2014 nach seinem Abschied aus dem Gemeinderat aufgenommen hatte, wieder sausen lassen kann. Liebgewonnene Freizeitbeschäftigung ist damit perdu.

Die Begleitumstände könnten für Sassnick allerdings ohnehin nicht tragischer sein: Um nachzurücken, musste der Platz am Tisch der Stadträte ja frei werden. Es geschah durch den plötzlichen und unerwarteten Tod von Michael Hezel. „Sehr, sehr schmerzlich“ sei das, so Sassnick zur NRWZ.

Andererseits stehe er, Sassnick, nun aber auch bereit. „Es sind mir gegenüber Erwartungen geäußert worden“, dass er wieder aktiv werde. Und wenn, dann mache er das wieder mit dem vollen Einsatz. Für den Ortsvereinsvorsitz aber suche er nach einem Nachfolger und auf Kreisebene wolle er nicht mehr tätig sein. Im Gemeinderat wird Sassnick wieder wie früher den Vorsitz seiner Fraktion übernehmen.

Dieter E. Albrecht. Archiv-Foto: Stadt Rottweil
Dieter E. Albrecht. Archiv-Foto: Stadt Rottweil

Angekündigt hatte sein Ausscheiden aus dem Gemeinderat der Freie Wähler Dieter E. Albrecht. Der umtriebige Mann will als Unternehmer und Kommunalpolitiker kürzer und ein Sabbatical, eine Art Sonderurlaub antreten. Albrecht lässt bewusst offen, ob mit ihm künftig wieder zu rechnen ist, wenn er genug von seinem Wohnmobil-Vagabundenleben hat, das er in seiner Freizeit nun anstrebt. Beobachter sind sich aber sicher: Der Mann kommt wieder.

Auch der Sprecher der Freien Wähler, Walter Stegmann, geht in den Stadtratsruhestand. Kurz und knapp begründete Stegmann – Urgestein der Kommunalpolitik und geschätzter Redner im Rund – das mit Verweis auf die 31 Jahre, die er als Ortschafts- und Gemeinderat nun tätig gewesen sei. Zum 31. Dezember soll für ihn Schluss sein.

Walter Stegmann. Archiv-Foto: Stadt Rottweil
Walter Stegmann. Archiv-Foto: Stadt Rottweil

Bei der jüngsten Hauptversammlung der Freien Wähler Mitte November gab Stegmann einen Abriss der wesentlichen Entscheidungen während seiner Amtsperiode, die unter aktiver Beteiligung der Freien Wähler zustande gekommen seien. Er erinnerte exemplarisch an die Weiterentwicklung des Schulbereichs, die Erschließung des Baugebiets „Spitalhöhe“, die Entstehung von Bürgerhäusern in den Teilorten, die Errichtung der neuen Stadthalle, die Beteiligung an den Leitbildern, den Übergang des städtischen Spitals an Vinzenz von Paul, das Engagement für den Testturm von ThyssenKrupp und das jahrelange Bemühen um eine neue Justizvollzugsanstalt. Er stellte aber auch die Erfolge bei den Wahlen 2009 und 2014 heraus, wo es den Freien Wählern gelungen sei, zweitstärkste Fraktion zu werden und diese Position dann abzusichern. Stegmann bedankte sich im Rahmen dieser Versammlung bei allen Beteiligten, jedoch besonders bei der Fraktion für ihre engagierte Arbeit und ganz nachdrücklich bei Hermann Breucha, seinem Stellvertreter im Fraktionsvorsitz, „für die vielen wichtigen Impulse, die hervorragende und harmonische Zusammenarbeit.“

Sibylle Schumacher. Archiv-Foto: Stadt Rottweil
Sibylle Schumacher. Archiv-Foto: Stadt Rottweil

Sibylle Schumacher wird ebenfalls aufhören. Die CDU-Frau und stellvertretende Vorsitzende ihrer Fraktion, die neben Sprecher Günter Posselt gerne etwa bei sozialen und Schulthemen das Wort ergriffen hat, möchte nach zehn Jahren Mitgliedschaft aus dem Gremium ausscheiden. „Die Entscheidung ist mir schwer gefallen“, sagt sie zur NRWZ, und wäre bei der Kommunalwahl auch nicht absehbar gewesen.

2014 waren 5510 Stimmen auf Schumacher entfallen. Mehr bekam damals nur Posselt, aber auch nur 54 mehr. Kein anderer der Kandidaten aus allen Fraktionen und Gruppierungen erreichte damals mehr als 5000 Stimmen, mit Sibylle Schumacher verlässt also eines der bekanntesten Gesichter das Gremium, zudem die Vize-Stimmenkönigin.

Doch hat Schumacher einen guten Grund: Sie führt die Praxis ihres Mannes, des Allgemeinmediziners  Dr. Georg Hermann Schumacher, hat die komplette Organisation übernommen. Ein Job, der das Ehrenamt verdrängt.

Die Nachrücker heißen Wolfgang Dreher (Freie Wähler), Karl-Theo Häring (Freie Wähler) und Ewald Grimm (CDU). 

Aufmerksame Beobachter der Kommunalpolitik werden einen Namen vermissen: Dr. Holger Haftstein. Statt Häring wäre eigentlich er an der Reihe, hatte rund 220 Stimmen mehr bekommen. Doch Haftstein musste den ihm angetragenen Kelch ablehnen. Er habe versichert, dass er beruflich so eingespannt sei, dass er das Ehrenamt nicht im notwendigen Maß ausüben könne, teilt die Stadtverwaltung mit. Haftstein, Internist und in Rottweil niedergelassener Arzt, hatte erklärt, dass er durch die Neuregelung des kassenärztlichen Notfalldienstes „viele zusätzliche, nicht immer planbare Notfalldienste“ zu leisten habe. Die Verwaltung hat dies als wichtigen Grund für die Ablehnung des Ehrenamtes anerkannt.

Die Neubesetzungen gehen am heutigen Mittwochabend in die Vorberatung im Kultur-, Sozial- und Verwaltungsausschuss. In seiner nächsten Sitzung wird dann der Gemeinderat beschließen. Dann werden die Scheidenden das Gremium verlassen, die neuen sich an den Tisch setzen.

 

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