Regi­on (här). Wer legt sich schon frei­wil­lig Stol­per­stei­ne in den Weg? Rott­weil und Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen haben ein sol­ches Ansin­nen zurück­ge­wie­sen, Tutt­lin­gen wagt den Schritt: Der Köl­ner Künst­ler Gün­ter Dem­nig hat vor weni­gen Tagen in der Fuß­gän­ger­zo­ne die ers­ten fünf der von ihm geschaf­fe­nen Stol­per­stei­ne ver­legt.

Die Qua­der mit Metall­plat­ten an der Ober­flä­che sol­len an NS-Opfer – Juden, Zwangs­ar­bei­ter, Behin­der­te, Sin­ti, Roma, Anders­den­ken­de oder Homo­se­xu­el­le – erin­nern, sie tra­gen deren Namen samt Lebens­da­ten und wer­den eben­erdig in den Bür­ger­steig ver­senkt. Stol­per­stei­ne sind es nur im opti­schen Sinn.

Dem­nig hat seit 1992 bun­des­weit bereits mehr als 55.000 die­ser Qua­der in rund 800 Städ­ten und 14 wei­te­ren Län­dern geschaf­fen. Jetzt wird auch Tutt­lin­gen Teil des größ­ten dezen­tra­len Mahn­mals.

Sieben symbolische Bäume will Rottweil hier zur Erinnerung an die NS-Opfer pflanzen. Foto: gg
Sie­ben sym­bo­li­sche Bäu­me will Rott­weil hier zur Erin­ne­rung an die NS-Opfer pflan­zen. Foto: gg

Rottweil pflanzt Bäume

Rott­weil dage­gen, das sich somst geschichts­träch­tig gibt, hat sich schwer getan mit der NS-Geschich­te. Die Arbeits­grup­pe „Erin­ne­rungs­kul­tur“ hat­te das The­ma fast zwei Jah­re lang hin­ter ver­schlos­se­nen Türen behan­delt und für den Gemein­de­rat vor­be­rei­tet. Der konn­te sich trotz­dem nicht eini­gen und mach­te vor allem deut­lich, was er nicht will: Stol­per­stei­ne. Das sei ein aus­drück­li­cher Wunsch der jüdi­schen Gemein­de, erklär­te Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß, sie stö­re sich dar­an, dass die­se Stei­ne mit Füßen getre­ten wer­den. Initia­tor Dem­nig sieht das genau anders: Er argu­men­tiert, die Pas­san­ten ver­beug­ten sich vor den Opfern, weil sie nach unten sehen müss­ten, um die Namen zu lesen.

Gro­ße Zustim­mung fand im Rott­wei­ler Gemein­de­rat im Sep­tem­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res dage­gen zunächst der Vor­schlag, statt­des­sen eine Baum­rei­he zu pflan­zen. Immer klei­ner wur­de dann aller­dings im Lauf der Zeit die Gedenk­stät­te. Aus zunächst 24 Bäu­men für die 24 jüdi­schen Opfer blie­ben schließ­lich sie­ben sym­bo­li­sche Bäu­me. Dann das nächs­te Pro­blem: Der Rat konn­te sich auf kei­nen der zur Wahl ste­hen­den Stand­or­te (Bocks­hof, Am Zwin­ger oder irgend­wo anders) eini­gen, und so kam schließ­lich aus den Rei­hen der CDU der Vor­schlag, sich auf eine Erin­ne­rungs­ta­fel an der neu­en Syn­ago­ge zu beschrän­ken, die der­zeit neben dem Ede­ka-Markt ent­steht. Aber auch das fand kei­ne Mehr­heit und so wur­de die Ent­schei­dung ver­tagt.

Jetzt, acht Mona­te spä­ter, ging alles ganz schnell. In der jüngs­ten Sit­zung am Mitt­woch beschloss der Gemein­de­rat auf Vor­schlag von Kul­tur-Fach­be­reichs­lei­ter Mar­co Schaf­fert ein­stim­mig, die sie­ben Bäu­me in der Grün­an­la­ge im Näge­les­gra­ben – schräg unter­halb der Jugend­her­ber­ge und in Sicht­wei­te zur Syn­ago­ge – zu pflan­zen. Der Ein­wand von Kri­ti­kern, so wer­de die Gedenk­stät­te „im Laby­rinth der Grün­an­la­ge ver­steckt“, spiel­te in der kur­zen Dis­kus­si­on kei­ne Rol­le.

Die Mei­nung von Arved Sass­nik (SPD), der Stand­ort sei „sehr hübsch“ stieß auf all­ge­mei­ne Zustim­mung. Die bei­den ande­ren, pro­mi­nen­te­ren Stand­or­te sei­en unge­eig­net und auch nicht mehr­heits­fä­hig, hieß es. Der OB sprach von einer „Kom­pro­miss­lö­sung“.

Neben dem Baum­feld, das auch eine Tafel mit den Namen der jüdi­schen Opfer erhal­ten soll, umfasst das Rott­wei­ler Kon­zept wei­te­re Punk­te: Jähr­li­che Geden­ken an die Reichspo­gromnacht in den Schu­len der Stadt, jähr­li­che Tref­fen des Arbeits­krei­ses und eine Inter­net-Doku­men­ta­ti­on plus Rund­weg zu Häu­sern ehe­ma­li­ger jüdi­scher Inha­ber. Die­se Erfas­sung sei aller­dings noch nicht begon­nen, erklär­te Schaf­fert.

Villingen-Schwenningen hat noch keine Lösung

Der Gemein­de­rat von Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen hat die Stol­per­stei­ne bereits zwei­mal abge­lehnt. Eine Mehr­heit von CDU und Frei­en Wäh­lern block­te alle Ver­su­che ab und erklär­te, es sei zwar wich­tig, die Erin­ne­rung an „die Gräu­el­ta­ten wach zu hal­ten“, aber das kön­ne man auch an einem Mahn­mal mit den Namen aller Opfer.

Selbst ein­dring­li­che Wor­te der Pfar­rer aller Kir­chen konn­ten das bür­ger­li­che Lager nicht umstim­men. Kri­ti­ker spre­chen von „einem pein­li­chen und unwür­di­gen Schau­spiel.“

Doch der Ver­ein „Pro Stol­per­stein“ will nicht auf­ge­ben und hat meh­re­re Mahn­wa­che initi­iert, unter ande­rem am Vil­lin­ger Bahn­hof, von wo aus Juden depor­tiert wur­den. „Wir betrei­ben die Poli­tik der klei­nen Schrit­te und die tun wir unbe­irrt“ , sagt Fried­rich Engel­ke, eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor der Hoch­schu­le Furt­wan­gen und Vor­sit­zen­der des Ver­eins.

Auch in Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen ist nach mehr als zehn Jah­ren der Dis­kus­si­on die Aus­sicht auf eine Lösung eher vage. Zunächst soll abge­war­tet wer­den, was die For­schung über die „neue­re Stadt­ge­schich­te“ erge­ben. Ein Ergeb­nis wird 2017 erwar­tet.

Tuttlingen verlegt Stolpersteine

Tutt­lin­gen, die Indus­trie­stadt mit 35.000 Ein­woh­nern, hat einem Migra­ti­ons­an­teil von 20 Pro­zent. Inzwi­schen leben 104 Natio­na­li­tä­ten fried­lich neben­ein­an­der. Jeder zehn­te Bür­ger stammt aus der Tür­kei. Nach län­ge­ren Dis­kus­sio­nen im Gemein­de­rat ent­steht der­zeit eine Moschee. Für eine zwei­te gibt es bereits Begehr­lich­kei­ten, aber auch Wider­stän­de.

Vor Jah­ren ver­such­te die NPD Fuß zu fas­sen und ihre Lan­des­ge­schäfts­stel­le in der Innen­stadt zu instal­lie­ren, was nicht zuletzt mas­si­ve Pro­tes­te ver­hin­der­ten. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat die Stadt auf dem frü­he­ren Gelän­de des Zwangs­ar­beits­la­gers Mühlau eine Gedenk­stät­te ein­ge­rich­tet und jetzt macht sie sich dar­an, Stol­per­stei­ne zu ver­le­gen. Im Prin­zip war das Pro­jekt nie umstrit­ten, es ging allen­falls um das Wie, etwa, ob ande­re For­men der Erin­ne­rung, zum Bei­spiel eine spe­zi­el­le „Tutt­lin­ger Lösung“ gewählt wer­den soll­te. Am Ende aber bekam Gün­ter Dem­nig den Zuschlag.

Die ers­ten fünf Stei­ne erin­nern an drei Eutha­na­sie-Opfer, einen poli­tisch Gefan­ge­nen und einen Zwangs­ar­bei­ter. Wei­te­re Stol­per­stei­ne sol­len künf­tig kon­ti­nu­ier­lich fol­gen.
Der­weil wer­den nach und nach die Lebens­läu­fe der Opfer doku­men­tiert und im Inter­net dar­ge­stellt.

Bis­her geht die Tutt­lin­ger Muse­ums­lei­te­rin Gun­da Woll, die für die Koor­di­na­ti­on des Pro­jekts zustän­dig ist, von etwa 80 Men­schen aus, die in Tutt­lin­gen Opfer der NS-Dik­ta­tur wur­den, doch die For­schung ist noch nicht abge­schlos­sen. Woll: „Je län­ger man forscht, des­to mehr Opfer fin­det man.“