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Rottweil
Samstag, 7. Dezember 2019

Wie gründet man eine Zeitung?

Klei­ne Chro­nik des Pro­jekts Neue Rott­wei­ler Zei­tung – NRWZ

Als am 27. Novem­ber 2004 die ers­te gedruck­te NRWZ zum Wochen­en­de erschien, lagen hin­ter den Machern Wochen vol­ler Dis­kus­sio­nen und Emt­schei­dun­gen. Mit die­ser Chro­nik bli­cken wir auf die Tage vor der Pre­mie­re zurück.

Die ”Schwä­bi­sche Zei­tung” wur­de in Schram­berg zu Gra­be getra­gen.

Ende Janu­ar 2004: Die Lokal­aus­ga­be der „Schwä­bi­schen Zei­tung” in Rott­weil und Schram­berg wird dicht­ge­macht. In Rott­weil stirbt damit der „Volks­freund”, die ältes­te Zei­tung der Stadt, in Schram­berg das „Schwarz­wäl­der Tag­blatt”. Das ist hart für die Mit­ar­bei­ter und trau­rig, hat­te sich aber abge­zeich­net. Was mehr noch ins Mark trifft, ist der Ein­druck, dass das The­ma tot­ge­schwie­gen wird: In der loka­len Pres­se, der schei­den­den wie der ver­blei­ben­den, erschei­nen nur ein paar glat­te Zei­len. Zumin­dest bei der SZ sind sie von oben dekre­tiert und fak­tisch mit einem Maul­korb für die Redak­ti­on ver­bun­den. Pres­se­frei­heit? Die scheint zumin­dest vom Inter­es­se der Ver­la­ge nicht ganz frei zu sein. Selt­sam, dass kaum ein hal­bes Jahr spä­ter in Tros­sin­gen und Spai­chin­gen Lokal­aus­ga­ben liqui­dert wer­den – und dies­mal der ande­re der bei­den Ver­la­ge zum Mono­po­lis­ten wird.

Demons­tra­ti­on in Rott­weil.

Aber ganz geräusch­los lässt sich das alles doch nicht abwi­ckeln. Zwei Dut­zend Bür­ger fin­den sich zusam­men, geben dem Ärger eine Stim­me, orga­ni­sie­ren den Pro­test. Eine Unter­schrif­ten­lis­te kur­siert, in den letz­ten Janu­ar­tag pras­seln Hun­der­te E‑Mails, Faxe und Brie­fe auf die Ver­lags­bos­se ein. Par­al­lel wird im Inter­net über die Schlie­ßung und ihre Umstän­de infor­miert. Sogar die SWR-Lan­­des­­schau berich­tet. Am letz­ten Arbeits­tag der Redak­tio­nen gibt es in Rott­weil eine statt­li­che Demons­tra­ti­on, in Schram­berg wird das „Tag­blatt” sym­bo­lisch zu Gra­be getra­gen.

Febru­ar: Der Tat­kraft folgt Ernüch­te­rung. War es das? Gibt es Chan­cen, wie­der eine zwei­te Zei­tung zu eta­blie­ren? Zumin­dest im Inter­net reißt der Faden nicht ab. Enga­gier­te stel­len aktu­el­le Berich­te ein. Die Pro­­­test-Plat­t­­form beginnt, sich zu einer Art Inter­­net-Zei­­tung zu wan­deln.

März: In wei­te­ren Tref­fen und Dis­kus­sio­nen reift die Idee, der Zei­tungs­be­we­gung und der Bericht­erstat­tung im Inter­net ein Fun­da­ment zu geben. Des­halb grün­den am 15. März 33 Leu­te einen Ver­ein, des­sen Name klar benennt, was sie anstre­ben: eine „Neue Rott­wei­ler Zei­tung”. Am 20. März erscheint eine ers­te Pro­be­aus­ga­be. Zwei­mal muss nach­ge­druckt wer­den, die Leu­te rei­ßen uns die 1000 Exem­pla­re fast aus der Hand.

April/Mai: Am 10. April und 5. Mai fol­gen zwei wei­te­re Aus­ga­ben. Umfang und Auf­la­ge stei­gen, Ver­eins­mit­glie­der fal­ten stun­den­lang die Exem­pla­re. Sym­pa­thi­en und Erwar­tun­gen in der Bevöl­ke­rung schei­nen hoch, die Geduld aber end­lich. Ein rascher Erfolg zeich­net sich frei­lich nicht ab. Was ist tat­säch­lich mach­bar? Eine Tages‑, eine Wochen­zei­tung, ein Monats­ma­ga­zin? Wie bekommt man Idea­lis­mus und Rea­li­tä­ten auf einen Nen­ner? Model­le zu Koope­ra­tio­nen oder dem Ein­stieg ande­rer Ver­la­ge in Rott­weil fruch­ten letzt­lich nicht.

Juli: Wäre eine Genos­sen­schaft eine Basis für eine neue Zei­tung? Ein Gespräch beim Genos­sen­schafts­ver­band in Stutt­gart ernüch­tert: Die­ser Tan­ker wäre viel zu teu­er und schwer­fäl­lig.

August/September: Die Sache stockt. Deut­lich wird: Wenn das Pro­jekt nicht in den nächs­ten Wochen an den Start geht, sin­ken die Chan­cen rapi­de. Zeit­gleich mau­sert sich NRWZ online beträcht­lich und zieht täg­lich bereits mehr als 500 Leser an.

Okto­ber: Die Wür­fel sind gefal­len: Es wird eine gra­tis ver­teil­te Zei­tung zum Wochen­en­de geben. Die Kal­ku­la­ti­on zeigt, dass es bes­ser ist, durch eine hohe Auf­la­ge für Anzei­gen­kun­den attrak­tiv zu sein als auf Abon­nen­ten zu set­zen.

Novem­ber: Fie­ber­haft wird am Kon­zept gefeilt. Was soll alles in die künf­ti­ge Zei­tung hin­ein? Wie soll sie aus­se­hen? Wie managt man das Anzei­gen­ge­schäft? Und und und… Vor-Ort-Ter­­min in der Dru­cke­rei. Zur Grün­dung der GmbH am 5. Novem­ber liegt bereits eine Null­num­mer vor. Mails am lau­fen­den Band, die Köp­fe rau­chen, wer braucht schon Schlaf? Dann, am 27. Novem­ber 2004 hal­ten wir sie tat­säch­lich in Hän­den, die ers­te NRWZ zum Wochen­en­de! Glücks­ge­füh­le und fast ungläu­bi­ges Stau­nen: Wir haben tat­säch­lich eine Zei­tung gegrün­det.

 

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