Für Rott­weil, die alte Reichs­stadt und ältes­te Stadt Baden-Würt­tem­bergs, beginnt ein neu­es Zeit­al­ter. Ziem­lich genau zwei Jah­re nach der Grund­stein­le­gung hat thyssenkrupp Ele­va­tor jetzt den Test­turm offi­zi­ell in Betrieb genom­men. Hier wer­den die Auf­zü­ge der glo­ba­len Zukunft ent­wi­ckelt. Es ist ein gro­ßer Schritt für thyssenkrupp, aber auch für „das beschau­li­che Rott­weil“, wie Kon­zern­spre­cher Micha­el Rid­der die Stadt cha­rak­te­ri­siert. Jetzt zieht High­tech der Welt­klas­se ein.

Aller­dings hat die schö­ne neue Welt einen dicken Schön­heits­feh­ler: Seit Mona­ten steht der 246 Meter lan­ge Lulatsch auf dem Ber­ner Feld pudel­nackt im Wind. Und dar­an wird sich über den Win­ter auch nichts ändern. „Wir sind im Zeit- und Kos­ten­plan“, kon­sta­tiert Andre­as Schie­ren­beck, Vor­stands­vor­sit­zen­der von thyssenkrupp, der nach Rott­weil gereist war, um das gelun­ge­ne Bau­werk zu begut­ach­ten, mit Wohl­ge­fal­len. Iro­nisch, fast ver­schämt fügt er hin­zu: „Die Fas­sa­de haben wir weg­ge­las­sen.“ Das ist die Krux, denn dar­an ist die Eröff­nung der mit 232 Metern höchs­ten Aus­sichts­platt­form Deutsch­lands geknüpft.

Meeting in luftiger Höhe: der Konferenzraum im Testturm. Foto: Detlef Berndt
Mee­ting in luf­ti­ger Höhe: der Kon­fe­renz­raum im Test­turm. Foto: Det­lef Berndt

Auf die Fra­ge nach der Fer­tig­stel­lung gibt sich Schie­ren­beck wort­karg, ver­weist auf die ver­ant­wort­li­che Fir­ma Tai­yo Euro­pe und sagt knapp: „Mit­te des Jah­res.“ Das ist ein dehn­ba­rer Begriff. Ursprüng­lich war Mai 2017 ziem­lich fest ein­ge­plant. Doch da gin­gen die Ver­ant­wort­li­chen noch davon aus, dass die Mon­ta­ge im Som­mer 2016 beginnt und bis Weih­nach­ten erle­digt ist. Jetzt ist noch nicht ein­mal ein Anfang in Sicht. Und wenn man weiß, dass die Akti­on min­des­tens fünf Mona­te in Anspruch nimmt und bei Tem­pe­ra­tu­ren von unter fünf Grad plus nichts geht, kann man sich leicht aus­ma­len, wohin das führt – in den Spät­som­mer bis Herbst 2017. „Es wird schon gebohrt“, sagt Schie­ren­beck, und es klingt, als wol­le er sich selbst Mut zuspre­chen.

Grund für die Ver­zö­ge­rung, erklärt er, sei nicht das kom­ple­xe Mate­ri­al aus neu­ar­ti­gem Glas­fa­ser-Gewe­be, son­dern die unge­lös­te Fra­ge, wie man den Stoff ohne Gefähr­dung für die Mon­teu­re bis in 246 Meter Höhe befes­ti­gen kön­ne.

Dem Himmel ganz nah: die Turmspitze. Foto: Detlef Berndt
Dem Him­mel ganz nah: die Turm­spit­ze. Foto: Det­lef Berndt

120.000 Touristen

Immer­hin Rott­weil pro­fi­tiert schon jetzt und immer mehr vom Turm: Der städ­ti­sche Wirt­schafts­för­de­rer An­dré Lom­sky hat von April 2015 bis Novem­ber 2016 mehr als 100.000 Bau­stel­len-Tou­ris­ten regis­triert. Dazu 20 .000 Gäs­te bei Füh­run­gen rund um den Turm. Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß hat in einem SWR-Inter­view erklärt, das sei auch dem ört­li­chen Ein­zel­han­del und der Gas­tro­no­mie zugu­te gekom­men. Eben­so erhal­te er aus der Wirt­schaft posi­ti­ve Signa­le.

Der Start des Test- und For­schungs­be­triebs wird für einen wei­te­ren Schub sor­gen. Das schon des­halb, weil ab sofort stän­dig 32 Mit­ar­bei­ter da sind. Hin­zu kom­men nach Anga­ben von Schie­ren­beck vier Mal pro Wochen inter­es­sier­te Kun­den aus aller Welt. Gro­ßes Inter­es­se zeigt thyssenkrupp an einem ver­stärk­ten Enga­ge­ment der Hoch­schu­le Furt­wan­gen, die schon jetzt ein Stu­di­en­zen­trum im Neckar­tal betreibt. „Wir wol­len die Zusam­men­ar­beit inten­si­vie­ren“, kün­digt Tho­mas Ehrl, der tech­ni­sche Lei­ter des Test­turms, an. Er spricht von einem Leucht­turm, der über Deutsch­land hin­aus strahlt. Schie­ren­beck unter­streicht das: thyssenkrupp ver­fü­ge auch in Chi­na und Korea über Test­tür­me, aber in Rott­weil ste­he der moder­nes­te und damit das Zen­trum der High­tech-Ent­wick­lung.

Kein Café auf Plattformebene

Was die Gas­tro­no­mie betrifft, herrscht indes Zurück­hal­tung: Ein Café oder ähn­li­ches sei in Höhe der Aus­sichtssplatt­form nicht geplant, weil zu auf­wen­dig und kom­pli­ziert, sagt Schie­ren­beck. „Die Gas­tro­no­mie in Rott­weil ist gut genug, um das auf­zu­fan­gen.“ Dage­gen ist der geräu­mi­ge Kon­fe­renz­raum auf Ebe­ne 27 in 220 Meter Höhe, den man mie­ten kann, nicht nur mit einem Pan­ora­ma­blick, son­dern auch mit einer Küche aus­ge­stat­tet.
Dass es „einen Rie­sen-Ansturm“ geben wird, wenn erst mal die Aus­sichts­platt­form eröff­net, davon weiß man auch bei thyssenkrupp, wie Kat­rin Hün­ger, zustän­dig für Besu­cher-Pla­nung, berich­tet. Sie hat schon jetzt hun­der­te Anfra­gen von Grup­pen regis­triert. „Dann noch die Hän­ge­brü­cke – das wäre schon schön“, sagt sie.

Der Turm soll vor­erst nur frei­tags bis sonn­tags geöff­net sein, der Ein­tritts­preis „deut­lich unter zehn Euro“ lie­gen, wie Schie­ren­beck ver­si­chert. Besu­cher fah­ren per Pan­ora­ma-Auf­zug mit acht Metern pro Sekun­de in 232 Meter Höhe. Nach gut einer hal­ben Minu­te ste­hen sie auf der Platt­form mit einer ein­zig­ar­ti­gen Rund­um-Aus­sicht.

Wir treten eine Revolution los“

Der Auf­zug­test­turm – eine Keim­zel­le für „bahn­bre­chen­de“ Auf­zugs­sys­s­te­me

Es ist ein Turm der Rekor­de: das mit 246 Meter höchs­te Bau­werk Baden-Würt­tem­bergs, deut­lich vor dem Stutt­gar­ter Fern­seh­turm (216 Meter), die höchs­te Aus­sichts­platt­form Deutsch­lands vor dem Ber­li­ner Fern­seh­turm (204 Meter). Das sind die Äußer­lich­kei­ten. Für thyssenkrupp, den Bau­herrn, sind aller­dings die inne­ren Wer­te ent­schei­dend. Mar­kus Jet­ter, Lei­ter der Ent­wick­lungs­ab­tei­lung in Neuhausen/Fildern fasst es in einem knap­pen Satz zusam­men: „Wir tre­ten eine Revo­lu­ti­on los.“

Andre­as Schie­ren­beck, der Vor­stands­vor­sit­zen­de von thyssenkrupp Ele­va­tor, spricht von „der Ent­wick­lung bahn­bre­chen­der Inno­va­tio­nen“. Im Zen­trum steht dabei ein völ­lig neu­er Auf­zugs­ty­pus namens Mul­ti. Er kommt ohne die her­kömm­li­chen Sei­le aus, funk­tio­niert nach den Geset­zen der Magnet­schwe­be­tech­nik und kann sich sowohl hori­zon­tal als auch seit­lich bewe­gen. „Welt­weit ein­ma­lig“, sagt Schie­ren­beck über die thyssenkrupp-Ent­wick­lung. Drei der zwölf Schäch­te im 40-Milio­nen-Euro-Pro­jekt sind für die­ses neue Mehr­ka­bi­nen-Auf­zugs­sys­tem vor­ge­se­hen. Sie wer­den vor Besu­chern ver­hüllt, um etwai­gen Spio­nen kei­ner­lei Rück­schlüs­se zu bie­ten. „Wir bewe­gen uns an den phy­si­ka­li­schen Gren­zen“, sagt ein Tech­ni­ker von thyssenkrupp. In Rott­weil wird das Sys­tem ent­wi­ckelt und dann 2018 zur Seri­en­rei­fe gebracht wer­den.

Ein wei­te­res, welt­weit ein­zig­ar­ti­ges Pro­jekt ist nach Anga­ben des Kon­zerns der Schwin­gungs­til­ger. Er hängt in 190 Metern Höhe, ist 240 Ton­nen schwer und soll Schwan­kun­gen des Turms regu­lie­ren, der auf bei­den Sei­ten jeweils bis zu 75 Zen­ti­me­ter aus­schlägt. „Jetzt kön­nen wir hier in Rott­weil die Bedin­gun­gen simu­lie­ren, die in Tür­men aller Höhen welt­weit herrscht“, sagt Schie­ren­beck. Noch einen Vor­teil hat der Til­ger: Er kann zur Beru­hi­gung von Mit­ar­bei­tern bei­tra­gen, die wegen star­ker Schwin­gun­gen teil­wei­se „see­krank“ wer­den.

Da Wolkenkratzer immer weiter in die Höhe gebaut werden, steigt die Nachfrage nach innovativer Aufzugtechnik rasant an. Die Aufzüge von morgen werden weitaus schneller und technisch komplexer sein und sich auf revolutionäre Technologien stützen. Grafik: ThyssenKrupp
Da Wol­ken­krat­zer immer wei­ter in die Höhe gebaut wer­den, steigt die Nach­fra­ge nach inno­va­ti­ver Auf­zug­tech­nik rasant an.
Die Auf­zü­ge von mor­gen wer­den weit­aus schnel­ler und tech­nisch kom­ple­xer sein und sich auf revo­lu­tio­nä­re Tech­no­lo­gi­en stüt­zen. Gra­fik: thyssenkrupp

Der Auf­zugs­markt ist ein Zukunfts­markt, auf dem sich nur die Bes­ten durch­set­zen. thyssenkrupp tes­tet des­halb auch kon­ven­tio­nel­le Auf­zü­ge im Rott­wei­ler Turm. Ein Ziel ist die Erhö­hung der Geschwin­dig­keit. In den USA gel­ten zehn Meter pro Sekun­de als Maß. thyssenkrupp hat sich eine Höchst­mar­ke von 18 Metern pro Sekun­de zum Ziel gesetzt. Des­halb, so Schie­ren­beck, habe man auch den Test­turm so hoch bau­en müs­sen. Trotz­dem errei­che man – mit Anlauf und Abbrem­sung – nur für weni­ge Sekun­den die Spit­zen­ge­schwin­dig­keit, die für har­te Tests unab­ding­bar sei.

Der Trend geht über­all in die Höhe“, sagt Ent­wick­lungs­chef Jet­ter. „Es wird bald Gebäu­de von mehr als 1000 Metern Höhe geben.“ Der­zeit ist das Burj Kha­li­fa in Dubai, mit 828 Metern das höchs­te Gebäu­de der Welt. Die 57 Fahr­stüh­le stam­men vom thyssenkrupp-Kon­kur­ren­ten Otis. Dafür hat der deut­sche Kon­zern den Ame­ri­ka­nern den Auf­trag beim One World Tra­de Cen­ter in New York weg­ge­schnappt. Längst ist der ers­te Wol­ken­krat­zer mit mehr als tau­send Metern im Bau. Im sau­di-ara­bi­schen Dschid­da ent­steht für 1,2 Mil­li­ar­den Dol­lar das mit 1007 Meter bald höchs­te Gebäu­de der Welt. Der Trend gehe zu „ver­ti­ka­len Städ­ten“, sagt Jet­ter. Heißt: Die Städ­te der Zukunft wer­den in luf­ti­gen Höhen ange­sie­delt. Und der Rott­wei­ler Test­turm ist eine Keim­zel­le davon.