Der Wett­be­werb der Städ­te wird här­ter. Es geht um Markt­an­tei­le, um Attrak­ti­vi­tät, um Ansied­lun­gen von Fir­men, um Erhalt oder Aus­bau von Ein­woh­ner­zah­len, von Schu­len, von Frei­zeit- und Kul­tur­ange­bo­ten. Rott­weil steht mit sei­ner Hal­tung zur Hän­ge­brü­cke vor einer weg­wei­sen­den Ent­schei­dung. Die Nach­bar­stadt Balingen hat in den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren einen Sprung gemacht.

Balingens Basis wur­de bereits in den 80er-Jah­ren mit den legen­dä­ren Kunst-Aus­stel­lun­gen gelegt. Jetzt ist die wahr­schein­lich letz­te Schau mit teil­wei­se fas­zi­nie­ren­den Bil­dern von Ernst Lud­wig Kirch­ner zu Ende gegan­gen. Trotz­dem ist Balingen mit sei­nen 34.000 Ein­woh­nern und zwölf Teil­or­ten gut gerüs­tet für die Zukunft.

Noch Ende der 90er-Jah­re wäre ich nicht nach Balingen gegan­gen“, sagt etwa Jörn de Haan. Ein paar Jah­re spä­ter ist der Schwa­be mit hol­län­di­schem Migra­ti­ons­hin­ter­grund dann vom attrak­ti­ven Ravens­burg nach Balingen gezo­gen – und er hat es nicht bereut. Dort, sagt de Haan, fin­de er alles, was er brau­che: gute Wohn­qua­li­tät, eine leben­di­ge Innen­stadt, ein rei­ches Kul­tur- und Sport­le­ben.

Sarah Connor, Jethro Tull und Johannes Oerding in Balingen

Der Auf­schwung von Balingen begann mit der Eröff­nung der Fuß­gän­ger­zo­ne im Jahr 2001, die sich zu einem Magnet ent­wi­ckelt hat. Hier herrscht deut­lich mehr Leben als in Rott­weil. Dort fin­det inzwi­schen, unter ande­rem und als eine Art Gegen­stück zum Rott­wei­ler Feri­en­zau­ber, ein mehr­wö­chi­ges Som­mer-Fes­ti­val statt. Die Stadt orga­ni­siert, bei frei­em Ein­tritt, ein musi­ka­li­sches Pro­gramm mit Bewir­tung. Eine Agen­tur prä­sen­tiert beim „Markt­platz-Open-Air“ Stars der Musik­sze­ne, in die­sem Jahr Sarah Con­nor, Jet­hro Tull und Johan­nes Oer­ding. Im Vor­feld ist all­jähr­lich das Mes­se­ge­län­de Schau­platz des Rock-Fes­ti­vals „Bang your Head“ mit etwa 50.000 Besu­chern. „Das sind Allein­stel­lungs­merk­ma­le, eben­so unser Hand­ball-Bun­des­li­gist“, sagt Jörn de Haan, der als Vize-Geschäfts­füh­rer der Stadt­hal­len GmbH für einen Teil des Pro­gramms zustän­dig ist. Und damit hat die Nach­bar­stadt gegen­über Rott­weil auf­ge­holt.

Bun­des­wei­tes Auf­se­hen aber erreg­te Balingen zum ers­ten Mal in den 80er-Jah­ren mit sei­nen Kunst-Aus­stel­lun­gen im Rhyth­mus von zwei bis drei Jah­ren. Sie führ­ten im Lauf der Zeit zu einem regel­rech­ten Hype. Oft bil­de­ten sich Schlan­gen vor der Stadt­hal­le. Höhe­punkt des Mas­sen­an­drangs war 1992, als 200.000 Men­schen Monet sehen woll­ten. Im Jahr 2000 kamen noch 120.000 zu Picas­so. Balingen hat­te auch ande­re berühm­te Namen wie Miró oder Chagall. Trotz­dem nahm das Inter­es­se immer mehr ab. 2008 kamen zu Emil Nol­de 40.000, bei Klimt 2010 waren es noch 35.000 und bei Erich Heckel, dem gro­ßen Expres­sio­nis­ten, 2013 gera­de noch 20.000.

Zäsur erreicht

Für die Kirch­ner-Aus­stel­lung kal­ku­lier­te Stadt­hal­len-Chef Mat­thi­as Klein mit 30.000, immer­hin waren mehr als 120 Bil­der, zusam­men­ge­tra­gen aus ganz Deutsch­land, von Ernst Lud­wig Kirch­ner zu sehen. Der Gemein­de­rat hat­te einen Zuschuss von 250.000 Euro bewil­ligt. Letzt­lich kamen 20.078 Besu­cher. „Das ist immer noch ein Erfolg, wenn wir die bun­des­wei­te Reso­nanz und die Reak­tio­nen der Besu­cher sehen“, sagt Mat­thi­as Klein. „Wir zeh­ren auch in Zukunft vom Ruf als Kul­tur­stadt.“

Trotz­dem ist eine Zäsur erreicht, und es stellt sich die Fra­ge, wie es wei­ter­geht in Balingen. „Noch ist nichts ent­schie­den, aber das ist auf Dau­er nicht mehr zu leis­ten“, sagt Klein, „die Zeit der gro­ßen Aus­stel­lun­gen geht zu Ende.“

Die Welt habe sich auch in die­sem Bereich grund­le­gend ver­än­dert: Die Zahl der Kunst­hal­len, wie die von Bur­da in Baden Baden oder von Würth in Schwä­bisch Hall sei gestie­gen, die Leu­te wür­den mobi­ler, Städ­te­rei­sen bekä­men immer mehr Zulauf und das Inter­net tue ein übri­ges. Erschwe­rend kom­me in Balingen hin­zu, dass man die Stadt­hal­le jedes Mal kom­plett umbau­en müs­se und die Stadt über kei­ne eige­ne Samm­lung ver­fü­ge.

Das letz­te Wort hat der Gemein­de­rat. Dort hat sich die Erkennt­nis durch­ge­setzt, dass Balingen mitt­ler­wei­le ohne die gro­ßen Aus­stel­lun­gen wett­be­werbs­fä­hig ist. Dazu trägt nicht zuletzt die Stadt­hal­le bei, Balingen leis­tet sich ein Voll­pro­gramm mit mehr als 100 Ver­an­stal­tun­gen pro Sai­son.

Gleich nach dem Abbau der Aus­stel­lung geht’s los. Am 11. Okto­ber mit dem Musi­cal „Evi­ta“ und am nächs­ten Tag folgt der Kaba­ret­tist Urban Pri­ol. Zwei Tage spä­ter beginnt in der Fuß­gän­ger­zo­ne die nächs­te Akti­on: „Balinger Later­nen­him­mel“. Mehr als Knapp 100 groß­for­ma­ti­ge und bun­te Later­nen sol­len „die Stadt bis Mit­te Novem­ber „ins bes­te Licht rücken“, wie Ober­bür­ger­meis­ter Hel­mut Rei­te­mann betont.här