ROTTWEIL –  Mit Georg Büchners erschütterndem Sozial-Drama „Woyzeck“ hat das Zimmertheater am Freitag die neue Spielzeit eröffnet. Die Inszenierung ist feurig, sportiv, sinnlich. Aber sie verzettelt sich auch.

„Woyzeck“ war revolutionär. Mit diesem Werk, machte der 23jährige Büchner 1837 erstmals eine am untersten Rand der Gesellschaft stehende Figur zum Zentrum eines Theaterstücks. Und, wie er notierte, „die erbärmliche Wirklichkeit“ zum Gegenstand der Poesie.

Woyzeck verdingt sich als Offiziersbursche, wird drangsaliert, muss sich gar für medizinische Experimente verkaufen. Er liebt Marie, mit der er ein Kind hat, der er aber nichts bieten kann. Als sie sich mit Woyzecks Hauptmann einlässt und er das letzte verliert, was ihm im Leben blieb, zerbricht er und bringt sie um.

Der Stoff ist authentisch. Der historische Woyzeck wurde 1824 in Leipzig enthauptet. Strittig war, ob er zurechnungs- und damit straffähig war – die psychiatrischen Gutachten dienten Büchner als zentrale Quellen. Obwohl das Stück nur als Fragment mit konkurrierenden Varianten vorliegt, ist „Woyzeck“ seit der Uraufführung 1913 das Paradestück des sozialkritischen Dramas – ein Fanal, das zu Empathie mit einem geschundenen Menschen aufruft, den die Umstände zum Mörder machten. Peter Staatsmann bleibt mit seiner Inszenierung weitgehend auf dieser tradierten Interpretationslinie.

Ins Licht rückt er besonders die tief in die Psyche eingebrannten Deformationen Woyzecks. Ablesbar werden sie in manisch getriebenen, gehetzten Bewegungsmustern, die fast an Pathologien von Zootieren erinnern. Diese Signatur ist stark, aussagekäftig – und Teil eines komplexen, reichen Zeichen-Vokabulars, mit dem Staatsmann das Drama ausdeutet.

Vieles ist genial im Detail: Wie in dieser durch Spiegelungen im Glanz-Boden stets gedoppelten Inszenierung etwa permanent geputzt, gewienert und poliert wird: Ein Bild für den sisyphosartigen Versuch, das Leben ins Reine zu bringen, den man auch als ironischen Seitenhieb auf Kehrwochen-Fetischismus lesen kann.

Zu einem Höhepunkt schwingt sich die berühmte Rasier-Szene empor. Wie Woyzeck (Robert Baranowski) und der Hauptmann (Andreas Ricci) einander mal heftig, mal fast zärtlich wechselseitig einschäumen illustriert subtil, was hier über Herrschaft, Knechtung und Demütigung verhandelt wird.

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Eine köstliche, herrlich ausgespielte Szene: Vielschichtig, spannend, mit dem Überblenden der Figuren überraschend – einsichtsreich und zugleich voller Fragen. In solchen Passagen brilliert und packt die Inszenierung. In anderen werden symbolhafte Handlungen allzu deutlich ausgestellt, gedehnt, wiederholt – und damit letztlich tendenziell entkräftet.

Als etwa der wacker Volkslieder intonierende Chor – an sich ein toller Regiekniff – zum dritten Mal auf die Bühne marschiert und Staffage bildet, ist der Effekt schlicht abgenutzt. Weniger wäre hier teils mehr gewesen. Zumal ein Überhang einer zur Verrätselung neigenden Zeichenhaftigkeit auch die Textsubstanz in den Hintergrund drängt. Als belebender Faktor erweist sich der gut vorbereitete Chor aus Rottweiler Bürgern, der damit zugleich auf „Bürgerlichkeit“ als Rahmenthema der Spielzeit verweist.

Er schafft mit Volksliedern Atmosphäre, auch wenn „Ich wollt ich wär ein Huhn“ erst einige assoziative Purzelbäume zum „Woyzeck“-Stoff zurücklegen muss. Auf durchweg hohem Niveau agiert die Schauspielerriege. Wie ein magisch-manipulativer Wildtier-Dompteur begleitet Isabelle Groß de García als Harlekin die Szenerie kommentierend. Judith Koch verkörpert die hin und her gerissene Marie intensiv und mit fast gretchenhafter Zerbrechlichkeit.

Andreas Ricci gibt den Hauptmann mit virilem, exquisit abgestuftem Elan. Eine absolute Wucht als Woyzeck ist Robert Baranowski. Er kann nicht nur den Parforceritt, den ihn diese Inszenierung abverlangt, mit Drahtigkeit, Ausdauer und schierer Kraft bewältigen. Er macht subtil auch die Zerbrechlichkeit, die Liebessehnsucht und finale Gebrochenheit Woyzecks anrührend deutlich – und führt damit immer wieder an den Kern von Büchners Stoff heran.Im kräftigen Schlussapplaus hätte er einige Bravos verdient gehabt.

Info: Weitere Vorstellungen am 16., 17., 30. und 31. Oktober, 6., 7., 13., 14. und 28. November sowie am 12., 26. und 31. Dezember immer um 20 Uhr. Reservierung unter Tel.0741-8990 oder info@zimmertheater-rottweil.de.

 

 

 

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