Schram­berg Zum 75. Todes­tag von Ehren­bür­ger Paul Lan­den­ber­ger (1848–1939)

Zum 75. Todestag von Ehrenbürger Paul Landenberger (1848–1939)

SCHRAMBERG – Bereits zu sei­nen Leb­zei­ten wur­de Paul Lan­den­ber­ger als einer der Pio­nie­re des Zeit­al­ters der Indus­tria­li­sie­rung in Deutsch­land in einer Rei­he mit Wil­helm Bor­sig, Alfred Krupp und Wer­ner Sie­mens genannt. Am heu­ti­gen Sonn­tag wird in Schram­berg an sei­nen 75. Todes­tag erin­nert.

Die Geschich­ten der Unter­neh­men der Stadt Schram­berg und ihrer mar­kan­ten Grün­der im Zeit­al­ter der Indus­tria­li­sie­rung wären eigent­lich schon lan­ge ein The­ma für einen gro­ßen Film, der auf ähn­li­che Art und Wei­se wie „Die Bud­den­brocks“ nach dem gleich­na­mi­gen Roman von Tho­mas Mann (1875 bis 1955) das Leben und den Geist in der so genann­ten „Grün­der­zeit“ zei­gen könn­te. In einem sol­chen Film wür­de Paul Lan­den­ber­ger (1848 bis 1939) eine der Haupt­rol­len spie­len.

Der jun­ge Kauf­mann aus der alten Tex­til­ge­wer­be­stadt Ebin­gen auf der Schwä­bi­schen Alb kam 1869 im Alter von eben 20 Jah­ren in die jun­ge Indus­trie­stadt Schram­berg im Schwarz­wald, die zwei Jah­re zuvor von König Karl I. von Würt­tem­berg auf­grund ihrer auf­stre­ben­den Ent­wick­lung vom „Mark­fle­cken“ zur „Stadt­ge­mein­de“ erho­ben wor­den war. Er fand eine Stel­le im Kon­tor und im Ver­sand der 1861 gegrün­de­ten Uhren­fa­brik Gebrü­der Jung­hans, die damals Gehäu­se und Bron­ce­schil­der für Schwarz­wäl­der Uhren her­stell­te und ers­te Schrit­te in der Her­stel­lung von Uhren nach „ame­ri­ka­ni­schem Sys­tem“ unter­nahm.

Eigent­lich sah alles so aus, als ob Paul Lan­den­ber­ger eine viel ver­spre­chen­de Kar­rie­re bevor­ste­hen wür­de, da er die För­de­rung von Erhard Jung­hans (1823 bis 1870) erfuhr und sich am 27. August 1872 sogar mit sei­ner Toch­ter Fri­da Jung­hans (1851 bis 1937) ver­hei­ra­ten konn­te. Nach dem uner­war­tet frü­hen Tod des Grün­ders begeg­ne­te ihm jedoch sei­ne Schwie­ger­mut­ter Loui­se Jung­hans (1820 bis 1910) mit zuneh­men­dem Arg­wohn, da sie mit eiser­nem Wil­len durch­setz­te, das Unter­neh­men an ihre bei­den Söh­ne Erhard Jung­hans (1849 bis 1923) und Arthur Jung­hans (1852 bis 1920) zu über­ge­ben.

Es kam zu schwers­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die Paul Lan­den­ber­ger kei­ne ande­re Wahl lie­ßen, als die Kon­se­quen­zen zu zie­hen. Er fand in dem Kauf­mann und Holz­händ­ler Phil­ipp Lang aus Sankt Johann bei Saar­brü­cken einen Geld­ge­ber und grün­de­te 1875 die Uhren­fa­brik Lan­den­ber­ger & Lang im Göt­tel­bach­tal, in dem sich damals meh­re­re Fir­men auf der „grü­nen Wie­se“ nie­der­lie­ßen, die man heu­te als „star­tups“ bezeich­nen wür­de. Sein Aus­tritt aus der Fir­ma und die Grün­dung eines Kon­kur­renz­be­trie­bes führ­ten zu jahr­zehn­te­lan­gen Span­nun­gen mit sei­ner Schwie­ger­mut­ter Loui­se Jung­hans und vor allem mit sei­nem Schwa­ger Arthur Jung­hans. Als er 1882 auf­grund finan­zi­el­ler Pro­ble­me Kon­kurs anmel­den muss­te, ver­such­te Arthur Jung­hans, sei­nem Schwa­ger den Todes­stoß zu ver­set­zen. Nach dem Grund­satz „Wir fra­gen nicht nach Ver­wandt­schaft, wir sind Geschäfts­leu­te“ mach­te ihm der Pro­ku­rist sei­nes Schwa­gers sogar den Vor­schlag, sei­ne Ehe auf­zu­lö­sen, die Kin­der unter die Ver­wand­ten auf­zu­tei­len in die USA aus­zu­wan­dern.

Mit finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung des würt­tem­ber­gi­schen Kon­suls in Ham­burg, Wil­helm Deu­rer, konn­te Paul Lan­den­ber­ger sein Unter­neh­men aber nach einem mit här­tes­ten Ban­da­gen aus­ge­tra­ge­nen Kon­flikt vor der feind­li­chen Über­nah­me ret­ten. 1883 wur­de die Uhren­fa­brik Lan­den­ber­ger & Lang in eine Akti­en­ge­sell­schaft unter dem neu­en Namen Ham­burg-Ame­­ri­­ka­­ni­­sche Uhren­fa­brik (H.A.U.) umge­wan­delt.

Das Unter­neh­men erreich­te zwar nicht die Grö­ße der Uhren­fa­brik Gebrü­der Jung­hans, stieg aber mit sei­nen her­vor­ra­gen­den Pro­duk­ten der Mar­ke „Pfeil­kreuz“ nach 1900 eben­falls in den Kreis der zwei Dut­zend größ­ten Unter­neh­men des König­reichs Würt­tem­berg auf. Im Göt­tel­bach­tal ent­stand ein ein­drucks­vol­ler Fabrik­kom­plex, der um 1900 ins­ge­samt 37 Gebäu­de mit einem an der Spit­ze der deut­schen Uhren­in­dus­trie ste­hen­den Maschi­nen­park umfass­te. Auf dem ehe­ma­li­gen Fabrik­ge­län­de befin­det sich heu­te der Tech­­no­­lo­gie- und Gewer­be­park H.A.U. der Gro­ßen Kreis­stadt Schram­berg, zu dem auch das Auto- und Uhren­mu­se­um „Erfin­der­zei­ten“ gehört.

1919 begab sich Paul Lan­den­ber­ger, dem der Ers­te Welt­krieg bis zum Tod sei­nes Soh­nes Otto-Wil­helm Lan­den­ber­ger (1890 bis 1915) an der Front viel abver­langt hat­te, in den Ruhe­stand. Sei­ne Söh­ne und Schwie­ger­söh­ne über­nah­men die Füh­rung des Unter­neh­mens, dem in der Wei­ma­rer Repu­blik jedoch die Infla­ti­on und die Welt­wirt­schafts­kri­se so hart zusetz­ten, dass es 1930 in einem gro­ßen Uhren­kon­zern unter der Füh­rung von Jung­hans sei­ne Unab­hän­gig­keit auf­ge­ben muss­te.

Im Ruhe­stand wur­den Paul Lan­den­ber­ger für sein unter­neh­me­ri­sches Lebens­werk hohe Ehrun­gen zuteil. Anläss­lich sei­ner Gol­de­nen Hoch­zeit wur­de er 1922 zum Ehren­bür­ger der Stadt Schram­berg ernannt. Als er am 28. Dezem­ber 1939 – an sei­nem 91. Geburts­tag starb – war er zu die­ser Zeit der ältes­te Bür­ger der Stadt Schram­berg. Der Schwarz­wäl­der Bote schrieb vor 75 Jah­ren in sei­nem Nach­ruf: „Zum Ruhm der größ­ten Uhren­fa­brik­stadt der Welt trug Paul Lan­den­ber­ger der Älte­re außer­or­dent­lich viel bei, zeit­wei­se unter den ungüns­tigs­ten Ver­hält­nis­sen. Dar­um wur­de sei­ne Arbeit für Schram­berg mit dem Ehren­bür­ger­recht aus­ge­zeich­net. Der Name Lan­den­ber­ger wird mit der Uhren­fa­bri­ka­ti­on des Schwarz­wal­des für immer ver­bun­den sein.“

Info: Zum 75. Todes­tag von Paul Lan­den­ber­ger ist ab Sonn­tag ein Falt­blatt über das „Lan­­den­ber­ger-Gedäch­t­­nis­zim­­mer“ im Stadt­mu­se­um erhält­lich, das der „Lan­­den­ber­ger-Fami­­li­en­­ver­­ein“ in Koope­ra­ti­on mit dem Stadt­ar­chiv erar­bei­tet und gestif­tet hat. Der Raum, den sich Paul Lan­den­ber­ger 1919 in sei­nem Wohn­haus für den Ruhe­stand ein­ge­rich­tet hat­te, wur­de 1982 in das dama­li­ge „Kul­tur­zen­trum Schloss“ ein­ge­baut, des­sen Reno­vie­rung durch eine groß­zü­gi­ge Spen­de aus dem Erbe sei­nes Soh­nes Dr. Fritz Lan­den­ber­ger (1892 bis 1978) ermög­licht wur­de. Von 1982 bis 2011 wur­de der Raum vom Stadt­ar­chiv genutzt. Heu­te kann er als Erin­ne­rung an einen der Pio­nie­re des Zeit­al­ters der Indus­tria­li­sie­rung in Deutsch­land im Stadt­mu­se­um besich­tigt wer­den.

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