SCHRAMBERG  (him) – Die virtuelle Währung Bitcoin macht Spekulanten ziemlich nervös. Die 2009 entstandene künstliche Währung wird auch an Onlinebörsen gehandelt und hat da einen rasanten Kursanstieg erlebt: von unter zehn Dollar je Bitcoin im Jahr 2011 auf derzeit weit mehr als 15.000 Dollar*. Klar, dass eine solche Erfolgsgeschichte die Fantasie nicht nur ehrlicher Leute anregt.

Eine Reihe von Gaunern nutzt den Bitcoin-Hype inzwischen, um Leute auf Job- oder Nebenverdienstsuche reinzulegen. Die Gangster verschicken Mails, wie eine, die HaPe Marte aus Sulgen der NRWZ zur Verfügung gestellt hat.

Da heißt es in holprigem Deutsch: „Subject: Agentur für Arbeit stellt neue Stellenausschreibungen Ihnen vor.“ Es folgt die Anrede und eine Firmenbeschreibung: „Unser Unternehmen ist eine moderne und kundenfreundliche Firma, die ein hohes Gehalt und viele Vorteile für die Mitarbeiter anbietet.“ Klingt verlockend, worum es geht, steht im nächsten Absatz: „Der Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist die Optimierung der Geldflüsse und Handel mit Bitcoins.“  Da taucht er auf der Lockbegriff: Bitcoins.

Das Schreiben an Hape Marte

Die Arbeit gehe ohne Vorwissen, und das Unternehmen biete „einen lohnenswerten Zusatzverdienst bis zu 4100 Euro monatlich an, bei nur einigen Stunden pro Woche.“ Und was muss der Glückliche tun? „Ihre Aufgabe ist es die Coins für unsere Kunden zu erwerben, das Geld dafür bekommen Sie im Voraus und die Provision von 20% behalten Sie gleich ein.“ Klingt großartig, paar Stunden Arbeit und 4100 Euro verdienen. Ist aber ein gefährlicher Schwindel.

Die Arbeitsagentur steckt nicht dahinter

Im Internet  kursieren eine ganze Reihe solcher Aufforderungen: Das Tückische dabei: Die Absender verwenden einen seriös klingenden Namen wie „Arbeitsstellen7“, „Arbeitsagentur“ oder nehmen wie bei HaPe Marte gleich das Original „Agentur für Arbeit“. Und: Sie  schreiben  ihre Mails ganz direkt mit Vor- und Zuname und vollständiger Adresse. Das wirkt offiziell, seriös.

All diese Schreiben haben eines gemeinsam:  die Angeschriebenen sollen nicht dem Absender, sondern an eine abweichende E-Mail-Adresse antworten. „Dabei handelt es sich häufig um eine Freemail-Adresse“, so Mike Belschner auf Onlinewarnungen.de. Genauso wie bei HaPe Marte. Da heißt es am Ende: „Falls Sie sich angesprochen fühlen, möchten wir Sie kennenlernen.
Dafür mailen Sie uns eine Email an: keelybear@xx.yyy In Erwartung Ihrer Antwort
Sommer Vermittlung“

„Datenpflege“ oder Geldwäsche?

Zu den Motiven der Absender dieser Mails gibt es verschiedene Erklärungen. Eine – noch eher harmlose – lautet: „Vermutlich benutzen die Hacker die Nachricht, um ihre Datenbank zu bestätigen.“ „Spam-Info“  erläutert weiter, große Datenpakete mit Hunderttausenden Mail-Adressen kursierten auf dem Schwarzmarkt. Darin fänden die Spammer die korrekte Mail-Anschrift und die Daten des Besitzers. „Wer auf die Nachricht reagiert, bestätigt seine Aktivität und wird in Zukunft mit Dutzenden Spam-Nachrichten bombardiert.“

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Die Bundesagentur für Arbeit (BA) warnte im April 2015  vor diesen „hinterlistigen“  E-Mails, „ eine neue Form von SPAM, möglicherweise gespickt mit Viren oder Trojanern“. Die Mails solle man am besten ungelesen löschen, riet die BA.

Der schlimmen Wahrheit wohl näher kommt „Verbraucherschutz.de“. Dieses Internetportal warnt vor solchen Mails, weil es den Absendern um Geldwäsche gehe. Auch der Polizei sind diese Mails bekannt. So berichtet die niedersächsische Polizei von einer Mail, „die angeblich von der Adresse ‚support@arbeitsamt.de‘ stamme und einen „Arbeitsvorschlag“ unterbreite. In Wahrheit versuchten „Cyberkriminelle, ahnungslose Empfänger zu Geldwäschern anzuwerben“.

Vom Jobsucher zum Finanzagenten

Wie das genau funktioniert erläutert  Belschner auf  „Onlinewarnungen.de“: Wer sich auf die Transaktionen einlässt und dafür sein Bankkonto zur Verfügung stellt, wird juristisch gesehen zum „Finanzagenten“. Egal ob es sich um echtes Geld oder Bitcoins handelt.

Das Problem bei diesen Finanzgeschäften bestehe in der Herkunft des Geldes. Die Täter wollten zum einen den Geldfluss verschleiern. Häufig aber stammten die Überweisungen, die die Finanzagenten erhalten, nicht von der angeblichen Firma selbst, so Mike Belschner: „Vielmehr haben diese ihren Ursprung in Phishing-Aktionen, wo Kontodaten abgegriffen und Gelder umgeleitet werden.“ Das heißt, das Geld, das auf dem Konto des ahnungslosen Finanzagenten landet, ist gestohlen.

Wenn die Bankkunden merken, dass  sie Opfer eines Phishing-Angriffs wurden, lassen sie die Buchung rückgängig machen. Der Finanzagent seinerseits hat aber das Geld bereits weitergeleitet – und bleibt auf dem Schaden sitzen. Denn entweder ging der Transfer über Western Union und ist damit unwiederbringlich futsch. Oder die Gauner am anderen Ende der Pipeline haben ihr Konto bereits leer geräumt.

Auch aus Onlineshops oder von Internet-Auktionen können die Gelder herrühren, mutmaßt  Belschner. Die Kunden kaufen etwas und überweisen das Geld auf das Konto des Finanzagenten. Der leitet brav das Geld weiter. Weil aber die Ware nie geliefert wird, ist der Finanzagent schließlich der Dumme.

Doch damit nicht genug: Die Opfer  werden strafrechtlich selbst zu Tätern: Wegen leichtfertiger Geldwäsche (Strafgesetzbuch § 261 Abs. 5) drohen ihnen bis zwei Jahre Haft.

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Ein 80-Jähriger wird mehrfach zum Opfer

Wie man unfreiwillig zum „Finanzagenten“ für skrupellose Gauner  werden kann, schildert der Sprecher des Polizeipräsidiums Tuttlingen Dieter Popp anhand eines Falles, der sich in unserer Region ereignet hat. Da haben Betrüger als angebliche Polizeibeamte einen 80-Jährigen mit Lügengeschichten und Drohungen dermaßen eingeschüchtert, dass dieser eine fünfstellige Summe in die Türkei überwies.

„Nach dieser Überweisung erhielt der Senior seinerseits eine größere fünfstellige Summe auf sein Konto überwiesen und wurde wiederum telefonisch von einem angeblichen Polizeibeamten aufgefordert, diese Summe weiter in die Türkei zu überweisen“, berichtet Popp. Das habe der alte Herr aus Angst vor Konsequenzen auch getan. Und schon habe er sich selbst strafbar gemacht und sei zum  "Finanzagenten" geworden.  

Wer als "Finanzagent" Gelder an Mittäter ins Ausland überweise, stelle sich unbewusst in den Dienst der Kriminellen. Ein solcher Finanzagent könne wegen Beihilfe zum Betrug oder zur Geldwäsche belangt werden und laufe Gefahr „auf dem entstandenen Schaden sitzen zu bleiben“.

Neben dem emotionalen und finanziellen Schaden, den der alte Herr erlitten hat, müsse die Polizei nun auch noch ein Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche gegen ihn einleiten, bedauert Popp.

*Als dieser Artikel im November enstand, war ein Bitcoin noch gut 6000 Dollar wert. In unserer Druckausgabe findet sich daher der inzwischen weit überholte Wert 6000. Anmerkung der Redaktion

 

 

 

 

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